Die Tanzperformance „Frontera“ des kanadischen Ensembles Animals of Distinction im HAU eröffnete das diesjährige CTM-Festival.
Foto: Roland Owsnitzk

BerlinEin Durcheinander von gespannten, drahtigen Körpern springt aufgescheucht von Stroboskopgeflacker über die Bühne, kontrolliert und purzelnd, zuckend, sportlich, katatonisch. Im diffusen Hintergrund statuarisch aufgereiht ein stur schwellendes Rockquartett, dessen Sänger in die Verdichtung weißes übersteuertes Rauschen kreischt. Das helle Lichtballern auf der Bühne wird von Rot geflutet, bis die Figuren still am Boden liegen.

Ein dramatischer und effektvoller Höhepunkt der Tanzperformance „Frontera“ des kanadischen Ensembles Animals of Distinction, die am Sonnabendabend das diesjährige CTM-Festival im HAU eröffnete. Unter dem Thema „Liminals“ haben die Organisatoren die Konzerte, Performances und Installationen zusammengefasst, die Arbeiten beschäftigen sich mit unserer Welt im Transit, mit den wackelnden Diskursen und sich wandelnden und umkämpften Grenzen.

Die zehn „Frontera“-Tanzenden werden von grellen Lichtgittern eingesperrt, von Suchscheinwerfen verfolgt, kriechen über laserscharf gezogene Linien.

Dana Gingras Choreografie lässt ihnen die Freiheit, die solcherart umrissenen Räume selbst zu gestalten, was zu einem eigenartigen Ensemblemuster führt, in dem sich die Wege und Moves scheinbar spontan ergeben, in klassischen oder Street-Figuren, allein strampelnd oder in inniger Gemeinschaft, aber immer von Lichtschranken beengt.

Bund und EU fördern das CTM-Festival 

Man mag die Inszenierung mit den Verweisen auf Guantanamo, Mauerfantasien und Meerestiefen plakativ finden, die lähmenden Transitzustände vermissen. Als Bewegungsbild einer Gesellschaft, die einer ständigen und scheinbar unberechenbaren Überwachung ausgesetzt ist, funktioniert es jedoch.

Bis in die traditionelle Verdichtungsdramaturgie der kanadischen Band Fly Pan Am wirkt es doch sehr eindrücklich. Klangkunst in der Botanik Die Inszenierung an der Grenze von Tanztheater und Rockexperiment zeigt dabei auch, wie sehr sich das CTM aus dem Clubbiotop seiner Anfänge als elektromusikalischer Flügel des Medienkunstevents Transmediale herauskuratiert hat.

Sie war der Auftakt zu den Aufführungen, die bis zum nächsten Wochenende in den Kunsträumen des Bethanien, im Radialsystem, dem mächtigen Betonkeller des Silent Green und im Botanischen Garten stattfinden. Den Weg, den das Festival in  den bisher 21 Jahren genommen hat, illustriert anschaulich die stets wachsende Dankesliste der  Kuratoren.

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Sie umfasst längst nicht mehr nur die Clubs und Tech-Firmen des lauten Nachtlebens. Institutionen vom Musicboard über den Bund zur EU fördern das Festival. Die Existenz, seufzte Mitgründer Jan Rohlf bei der Eröffnung erleichtert, sei die nächsten Jahre gesichert; das Netzwerk listet Zusammenarbeiten mit renommierten Museen, Festivals und Kultureinrichtungen.

CTM-Eröffnungspartys: Künstler aus Russland und Mexiko 

Zur Eröffnung ließ sich die internationale Bedeutung der ehemals recht freihändigen Veranstaltung ahnen, als die drei Kuratoren bei der Vorstellung der kanadischen Botschaftsexzellenzen, die zur „Frontera“-Aufführung gekommen waren, sympathisch fremdelten. Kanada gehört in diesem Jahr zu den CTM-Schwerpunktregionen, wie auch Skandinavien und Ostafrika.

Über zehn Tage tummeln sich nicht nur habituell wohl eher clubferne Menschen vor den DJ-Pults in Berghain, Griessmuehle oder SchwuZ; umgekehrt erlebt man eben auch ein begeistertes Publikum beim Politballett.

Die konzentrierte globalisierte DJ-Power wummerte und wuppte natürlich dennoch energisch durch Berghain und Griessmühle, wo Freitag- und Sonnabendnacht die Eröffnungspartys stattfanden, mit Künstlern aus Russland, Mexiko oder Uganda, die nicht gerade jedes Wochenende auflegen, aber auch mit Avant-Bassmusik von eingeführten europäischen Größen wie Afrodeutsche oder Lafawndah.

Auch zur etwas stadtfeineren Eröffnung im HAU gab es vor dem Tanz noch elektronische Musik. Die Berliner Produzentin Jasmine Guffond spielte am Laptop Sounds, die sinngemäß durchs Dickicht der politischen und ökonomischen Spähdienste rumoren, denen wir uns freiwillig in Netz und Öffentlichkeit ausliefern. Essays aus Klang erschließen sich dem Hörer indes nicht unbedingt aus dem Hörerlebnis allein.

Kritische elektronische Musik beim CTM-Festival

Daher eröffnete ihr visueller Begleiter Ilan Katin seine Bildstrecke mit verschwommenen Bildern aus einer CCTV-Kamera im Medienkaufhaus. Digitale Einschusslöcher Als ins dröhnende Brüten und Zischen ein paar elektronische Salven einschlugen, sah man dazu (vermutlich) Schusslöcher auf dem Bildschirm.

Eine etwas analoge Fantasie vielleicht, aber immerhin deutlicher als die darauf folgenden abstrakten Spiraltunnel, die aufwenig und raffiniert die anregend weitgefächerten Noises Guffonds nicht weiter erhellten.

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Dies zeigte jedoch auch die kritische elektronische Musik als Übergangsgebiet, das letztes Jahr von Popkritiker Simon Reynolds entdeckt und als „Conceptronica“ bezeichnet wurde – eine Klangkunst, die aus den Clubs in eine Sphäre aus Diskursfestivals, Galerien und Akademie migriert ist, deren theoretischer und medienkünstlerischer Überbau das musikalische Erlebnis bestimmt: Die kritischen Beats befreien den Geist nicht mehr über den Hintern. Sondern sie sprechen jetzt lieber mal darüber.