Berlin - Voran und zurück bewegt sich diese Musik, durch die Jahre, Jahrzehnte, Jahrhunderte hinweg. „Ich blute, ich blute seit 1866, ich schleppe meinen blutenden Körper durch das Jahr 1919 hindurch, und ich blute den ganzen Sommer unter den Schlägen der Weißen…“ So erzählt Moor Mother die Geschichte des Rassismus und der Sklaverei in den USA – eine Geschichte der Körper und der Schmerzen, von Lynchmobs und Sklavenaufständen, eine Zeitreise durch die lange leid- und manchmal auch hoffnungsvolle Geschichte der Emanzipation und der Unterdrückung.

Moor Mother heißt eigentlich Camae Ayewa; seit etwa einem Jahrzehnt ist sie in Philadelphia in den verschiedensten Künsten tätig gewesen. Seit 2012 musiziert sie unter dem Namen Moor Mother Goddess; nach einer Reihe von EPs und Bandcamp-Veröffentlichungen ist mit „Fetish Bones“ im vergangenen Herbst ihr erstes Langspielalbum unter dem neuen, um die Goddess gekürzten Namen erschienen. In der Nacht zum Freitag war sie im Berghain beim CTM Festival zu  ersten Mal auf einer deutschen Bühne zu sehen.

Slave Punk

„Slave Punk“ nennt Moor Mother selbst ihre Musik: Harschen Industrialkrach und knirschend sich voranschiebende Beats befunkelt sie mit herzzerreißenden Klagegesängen; aus Chören von durcheinander murmelnden Stimmen und wispernden Klängen entbirgt sich allmählich eine Historiografie des Leids und der Tapferkeit. Ihr Konzert im Berghain beginnt sie als Nekrolog, in einem gospelartigen Ton erinnert sie an die geknechteten und ausgebeuteten Generationen, sie mahnt zur Erinnerung und dazu, nicht wegzusehen. Aber auch wer hinsieht, hilft ja den Opfern noch lange nicht: „Was tut ihr mit all den Bildern von all diesen geschlagenen, gedemütigten, ermordeten Menschen? Habt Ihr sie als Download auf Euren Computern?“ Sie predigt und spricht und schreit zu stotternden Störgeräuschen, dann wieder rappt sie zu gebrochenen Rhythmen und düster verhangenen Klängen wie aus einer alten Wu-Tang-Clan-Produktion.

Auf sonderbare Weise wirkt Moor Mother dabei verletzlich und zugleich konfrontativ, liebesbedürftig und aggressiv abweisend. Hingebungsvoll dreht sie aus ihrem Pult fiese Fieptöne heraus und badet die Körper der tanzenden Menge in einem Lärmschlick aus tiefen Bässen; sie kämpft sich durchs Publikum und beschimpft ihre Hörer, um sie dann wieder zu  umgarnen und zu bezirzen. Sie ruft inmitten der Menge zur sofortigen Revolution und höhnt aber auch über die Menschen, die  wegen des neuen Präsidenten plötzlich besonders verzweifelt sind. Denn was ändert sich mit ihm? Was war vor ihm anders?  „Niemand hat sich jemals um uns gekümmert“, singt sie, „wir sind schon immer auf uns alleine gestellt gewesen“; in dem Duo Black Quantum Futurism, das sie mit der Autorin Rasheedah Phillips bildet, verbindet sie ihre Kunst mit pädagogischer und sozialer Arbeit, sie lehrt die Kinder in ihrem Viertel Geschichte und manchmal auch einfach nur Lesen und Schreiben.
„Nimm meine Leiche als Floß, um die kommende Flut zu überleben“, heißt es auf „Fetish Bones“; eine Musik der ewigen Wiederkehr, voller Verzweiflung und voller Hoffnung darauf, dass nach dem Ende der Welt eine neue entsteht. Das unerhört intensive und im übrigen mit seinen extremen Tönen auch ohrenbetäubende Konzert von Moor Mother war der Höhepunkt der generell großartigen ersten langen Nacht, die das CTM Festival im Berghain feierte: Bis in den frühen Freitagmorgen wechselten Konzerte und DJ-Sets, die sich in den verschiedensten Arten auf Zeitreise durch die Geschichte der futuristischen und politischen Popmusik begaben.

In der Panorama Bar war zum Beispiel Virgil Abloh zu hören, der als Designer und künstlerischer Berater von Kanye West bekannt geworden ist; auch er sprang durch die Zeitschichten, indem er futuristische R’n’B-Rhythmen mit Neunzigerjahre-House-Klassikern mischte. In der großen Halle des Berghain spielte der wie stets sturmhaubenmaskierte Detroiter Techno-Pionier DJ Stingray ein finsteres, aber auch hervorragend tanzbares Set; das in dieser Zeitung schon viel gelobte Londoner Duo Raime übte sich weiter in der Reduktion und Entfärbung minimalistischer Dub-Rhythmen; und schließlich erschufen die zum hyperaktiven Staycore-Kollektiv gehörenden DJs Mechatok und Mobilegirl aus klitzeklein geschredderten Hitparaden-R’n’B-Tracks eine Musik der Zukunft, die die tanzende Menge gutgestimmt bis in den dann doch wieder freudlos grauenden Februarmorgen trug.