Spontane Tanzeinlagen mit Dan Deacon im Heimathafen Neukölln
Foto: Roland Owsnitzki

BerlinUnter dem Titel „Liminal“ ging am Wochenende das 21. CTM-Festival zu Ende; bekanntlich bezeichnet der diesjährige Themenbegriff des Elektronik-Festivals den Schwellenmoment sozialer Gruppen beim Übergang von einem Zustand in den nächsten: So waren zahlreiche Künstlerinnen und Künstler zu begutachten, deren mehr oder weniger cluborientierte Musik als Botschafterin für Politisches intendiert ist. 

Etwa konnte man, so man sich von der langen Freitagnacht im Berghain mit den aufreibenden Miniloops des Uganders Don Zilla sowie dem Auftritt des altmeisterlichen Drum-and-Bass-Zersplitterers Squarepusher erholt hatte, am Samstag im Neuköllner Schwuz das brasilianische Ensemble Teto Preto ansehen, das einiges an Flamboyance aufbot, um gegen die Repression queerer Szenen unter der rechtsextremen Regierung ihres Heimatlandes zu protestieren. Vielleicht lag es am Sound des für Live-Instrumente eher ungünstigen Schwuz, aber es mangelte hier ein wenig an viszeralem Druck, so dass die Performance eher wie eine niedliche Global-Fusion-Pop-Huldigung von Frankie Goes To Hollywood anmutete.

Im Stadtmarketing angekommen

Unter ähnlichen Soundproblemen litt der Auftritt des Berliner Produzenten Debmaster mit der in Uganda lebenden kenianischen Rapperin MC Yallah. Dazwischen kam die aus Tennessee stammende Künstlerin Bbymutha mit ihren entschleunigten Raps über Sex und Mutterschaft erstaunlich transparent rüber, und die Verbindung aus Gesellschaftskritik und unbekümmerter Frechheit gelang.

Viel Lobendes, aber auch Kritisches ist anlässlich des CTM über die Polit-Behaftung der Clubmusik gesagt worden, auch im Zusammenhang mit der Institutionalisierung der Clubmusik, die mit einem stark an Kulturförderung geknüpften Festival einhergeht. Eine Gefahr der Sterilisierung besteht hier gewiss, und natürlich wird nicht mehr in stillgelegten Parkgaragen auf geklauten Anlagen aufgelegt, sondern in längst ins Stadtmarketing integrierten Clubs, die allen Sicherheitsauflagen streng genügen.

"A Letter To Europe"

Aber dem Publikum schien das nichts auszumachen. Es tanzte in der Samstagnacht auch nach über einer Woche Festivalprogramm recht ausgelassen. Nirgends mehr als beim Auftritt des syrischen Keyboardzauberers Rizan Said, den manche vielleicht als Seitenmann des ehemaligen Hochzeitssängers und mittlerweile internationalen Popstars Omar Souleyman kennen. Im kleineren Raum des Schwuz wirbelte Said gelassen auf einem Achtziger-Jahre-Keyboard mit typisch phasigem E-Klarinetten-Sound zu Dabke-Rhythmen auf und ab und bediente einen scheppernden Drum-Computer von Hand. All dies, während er mit seinem Mitmusiker plauderte, der wiederum, ein T-Shirt mit „Levi’s“-Aufdruck tragend, den Großteil des Auftritts damit verbrachte, das Publikum mit seinem Smartphone zu filmen. Ganz am Schluss sang er aber noch!

Wenig gelassen hingegen der Beginn des CTM-Abschlusskonzerts, das am Sonntagabend im Neuköllner Heimathafen stattfand. Hier trat zunächst die polnische Polit-Noise-Formation BNNT auf und brachte eine Vertonung des Gedichts „A letter to Europe“ der iranisch-schwedischen Dichterin Athena Farrokzhad zu Gehör – sowie zu Auge und zu Geruch, denn nicht nur trommelten hier zwei maskierte Männer performativ überhöht auf Schlagwerk umher, während die Gastvokalistin Jasmina Polak, hauptberuflich Schauspielerin, im schwarzen Hoodie hüpfte.

Kennlernspiele bei Fortbildungsseminaren

Auch wurde am vorderen Bühnenrand Weihrauch entzündet, der damit die Atemwege unseres unmittelbar davorstehenden Konzertfotografen Roland Owsnitzki schwer belastete, als seien dessen Arbeitsbedingungen nicht schon hart genug! Eine druckvolle Performance, doch geriet sie bei aller berechtigten Kritik an der Flüchtlingspolitik Europas, die das Gedicht beinhaltet, ein wenig zu pathetisch. Man vermutete, hier sei zu viel Leidenschaft im Spiel. Paradoxerweise haben Protestperformances in der Regel die größte Wirkung, wenn sie sich die zynische Kälte der von ihr kritisierten Instanz zu eigen machen.

Das Gemeinschaftsstiftende von Kennlernspielen bei Fortbildungsseminaren hingegen macht sich bereits seit gut anderthalb Dekaden der in Baltimore ansässige Musikunterhalter Dan Deacon zu eigen. Zum Abschluss des Festivals teilte er, während er seine stolz und billig scheppernde Videospielmusik abspielte, das Publikum regelmäßig in zwei Gruppen auf und ließ diese von spontan gewählten Vortänzerinnen und- tänzern nachtanzen, am Ende gab es gar eine Tunnelpolonaise aus dem Konzertsaal heraus in den Hof des Heimathafens, dabei den Schwellenzustand des Festivalmottos abbildend. Man wollte die Leute wohl bei aller politischen Beanspruchung nicht allzu niedergeschlagen in die Welt entlassen. Immerhin hatte auch Deacon angeordnet, wer fühle, dass er/sie besser vortanzen könne als der aktuelle Vortänzer, möge diesen einfach ablösen, wie man es ja mit den Anführern in der Welt auch halten solle.