Wie so oft liegen Ernst und Lächerlichkeit nah beieinander. In einer der zentralen Installationen des CTM-Festivals standen sich zwei durch Stachedraht getrennte, mit Lautsprecher-Batterien aufgerüstete Maschinen gegenüber: Ein kastenförmiger weißer Panzer und die titelgebende „Mantis“, Gottesanbeterin, eine Art Bagger, dessen Lautsprecherschaufel sich vier Meter hoch in die Eventhalle des Berghain aufrichten ließ. Zu Bildern von allen möglichen Mauern und Mauerbauern dröhnten aus den Boxen schwere Subbässe, über denen ständig sich verdichtende Breakbeats zuckten.

Installiert hat sie Nik Nowak, ein deutscher Klangkünstler und Experte für „sonic warfare“, der für die Aufführung mit dem einschlägig promovierten Chef des Hyperdub-Labels Kode 9 zusammengearbeitet hat. Der lautstarke Kampf der Maschinen erinnerte daran, dass Geräusche nicht richtungs- noch interesselos sind und sich sogar – wie einst an der Berliner Mauer – als Mittel der Kriegsführung benutzen lassen. Auch wenn die Maschinen schon auch ein bisschen seifenkistig wirkten, auch wenn die Bildebene von Moritz Stumm ein bisschen plakativ verlief, so schuf die Installation doch einen überaus unterhaltsamen Sog, umso mehr, je machtvoller einem die Beats um die Ohren flogen.

Vielfalt, Fluss, Veränderung

Das Werk brachte dabei die ästhetische Prämisse des CTM auf den Punkt. „Persistence“, Beharrlichkeit und Ausdauer, war das Festival zum diesjährigen 20. Geburtstag überschrieben, worin zweifellos ein verdienter Stolz der Macher über das erreichte globale Ansehen des Festivals mitschwingt. Vor allem aber bezogen sich die Kuratoren auf die Beharrlichkeit ihrer experimentellen, nicht nur elektronischen Künstler selbst, sich schlichten Lösungen zu verweigern und stur auf Vielfalt, auf Fluss und Veränderung zu bauen.

Kaum irgendwo gibt es ein derart breites Spektrum an widerspenstigen und forschend radikalen Sounds zu hören, kaum irgendwo gibt es so viel Raum für Klang gewordene Utopien, Dystopien, Ängste, Lüste, Wut wie hier. Natürlich gab es dabei jede Menge DJ-Sets von hartem Techno zu flüssigem Dirty South – aber die Künstler (190 in diesem Jahr) bringen sich nach den früheren Laptop-Jahren stärker auch wieder performend ein.

Als ob wir stark wären, fühlen könnten, frei wären, in dieser Art waren die jeweiligen Abendprogramme überschrieben – mit viel Raum für Intepretationen. Mit ganz konkreter schlechter Laune füllten etwa die russischen Ic3peak ihre düstere Elektronik mit Rap auf; als selbst erklärte „audiovisuelle Terroristen“, nicht zuetzt gegen die russische Gender- und Sexualitätspolitik, stoßen sie ständig mit den Behörden zusammen. Mit physischer Stärke behaupteten sich die indonesischen Drummer Setabuhan, die um Senjawa-Schreikünstler Rully Shabara nicht nur ein paar Kampfkünstler in den Festsaal mitgebracht hatten, sondern diese auch in rituellen Kämpfen gegen Freiwillige aus dem Publikum antreten ließen; mit eher stumpfer Wucht ballten dagegen Lightning Bolt Bass, Gesang und Drums zu einem machtvollen Klumpen Metalnoise.

Die beiden Letzteren standen aber auch dafür, eine schon in den letzten Jahren zu beobachtende Tendenz zu vertiefen. Es geht um die Rückeroberung und Emanzipation des allseits herausgeforderten humanen Körpers: popästhetisch, durch MeToo-Übergriffe, durch Eindeutigkeitsfantasien, durch künstliche Intelligenzen. Letzere sprach der britische Produzent Actress im HKW in einer von CTM und Transmediale co-kommissionierten Arbeit an, die er gemeinsam mit der Computer-Entität Young Paint designt hat. Die K.I. erschien indes nicht unmittelbar bedrohlich, da sich nicht unterscheiden ließ, welcher der beiden Künstler für die jeweiligen, sehr schicken Sounds verantwortlich war.

Stolz auf den Körper

Zur Eröffnung am vorvergangenen Sonnabend war ja wiederum schon die famose brasilianische Künstlerin Linn da Quebrada, selbst erklärte „schwule Transe“, angetreten, um dem queeren Hintern ein knackiges wie nackiges Monument aus Baile Funk zu setzen. Die Freiheit, das eigene Körperbild zu bestimmen, behaupteten am Donnerstag im Berghain unter anderen Alexandra Drewchin als Eartheater. Sie ließ ihre in sich fragilen, dabei beunruhigend geräuschvoll schweren Beats von einer Harfe begleiten. Dazu bog sie einerseits aufs Erstaunlichste die Stimme, nicht weniger wand sie jedoch den Leib in Cargohosen und einem sehr transparenten Body, athletisch, lasziv, grotesk – eine Choreografie, die selbstbewusst die Vertrautheit mit und den Stolz auf den Körper betonte. Ganz ähnlich später die texanisch-berlinischen Produzenten und DJs Lotic (die eine Person mit diversen Identitäten sind). Sie stolzierten rückenfrei, in wehendem Blau mit wallender Blondperücke auf der Bühne herum. Zu großartig alienesken Elektrosounds – das letzte Album „Power“ war eins der besten des vergangenen Jahres – betonten sie ihre changierenden Identitäten, indem sie mit einer Trennwand aus Laserlicht spielten, Seiten wechselten, den Körper teilten.

So manifestös sich dabei die jeweiligen Ansätze geben mochten: Es ließ sich doch in allen Sounds die enorme Lust am Schaffen und am schaffenden Sich-Einmischen spüren. Das treffendste Bild fürs Ungefähre und Offene fand vielleicht Gazelle Twin alias Elizabeth Walling. Die Britin stand, Rap schnarrend, in einem knallroten Narrenkostüm auf der Berghainbühne und fiepte zu turmhohen, massig scheppernden Elektrobeats auf einer kleinen Flöte: ganz amtlich, sehr streng, unbeirrbar noch im Angesicht der Albernheit.