Berlin - Am Wochenende ist das 18. CTM Festival mit diversen DJ-Sets und Konzerten zu Ende gegangen. In der Nacht zum Sonntag wurde im Yaam Club an der Schillingbrücke die traditionelle lange Klubnacht gefeiert: Unter den zahlreichen Höhepunkten dieser insgesamt wieder hervorragenden Veranstaltung war dies fraglos einer der tollsten.

Das Ausmaß an postglobalisierter Vielstimmigkeit war jedenfalls kaum mehr zu überbieten: Es gab von jamaikanischem Dancehall inspirierten elektronischen Krach einer in Berlin lebenden israelischen Sängerin zu hören, aber auch typisch britischen Instrumental Grime von einem Friedrichshainer DJ namens Ostblokkk oder – von dem Istanbuler Trio Insanlar – ins Psychedelische gewendete türkische Volksweisen, bei denen eine Langhalslaute von  magnetischen Bässen unterbrummt wurde.

Das Rahmenprogramm im großen Saal stiftete der Brooklyner Produzent LSDXOXO mit einem sich unentwegt transformierenden Mix aus finsteren Industrial- und Gothic-Klängen, liebevoll zerschreddertem Neunzigerjahre-R’n’B und komplex-polyglotter Tanzmusik aller Art. „Fuck Marry Kill“ – zu deutsch etwa: kopulieren, heiraten, töten – heißt das splittrig-hinternkickende Mixtape, das er gerade auf dem New Yorker „Ghetto-Gothik“-Label  veröffentlicht hat.

Laszive Langsamkeit mit Tommy Genesis

„Fetish Rap“ nennt wiederum die junge kanadische Rapperin Tommy Genesis, die nach eigener Auskunft schon im Kindergarten durch farbenfrohe Buntstiftmalereien mit sadomasochistischer Sexualthematik aufgefallen ist, ihre Musik. Auf ihrer aktuellen Platte „World Vision“ singt, spricht und gurrt sie zu bleiern-verhallten Trap-Rhythmen mit einer fabelhaft erotisch gelangweilten Stimme – an den Höhepunkten der Songs umgeben von Aureolen aus metallenen Echos, durch die noch der leidenschaftlichste Ausbruch etwas Zeitlupenartiges erhält.

Auch bei ihrem ersten Auftritt in Berlin, im vergangenen Juni im Urban Spree, herrschte eine laszive Langsamkeit vor. Am Sonntagmorgen im Yaam hüpfte Tommy Genesis hingegen wie vom wilden Watz gebissen über die Bühne und intonierte ihre Texte mit hysterisch sich überschlagender Stimme, am Schluss rappte sie auf einem Podest hoch über dem heiter armwedelnd hüpfenden Publikum ihr beliebtestes Stück „Execute“ gleich zum zweiten Mal. Darin erfahren wir etwa, dass sie gern in der Badewanne onaniert und dabei Pläne für die Zukunft der Menschheit entwickelt.

Berlin-Premiere von Nadia Rose

Während Tom- my Genesis sich mithin eher als Individualistin aufführte, beschwor die gegenwärtig meist gefeierte junge britische Rapperin Nadia Rose bei ihrem ersten Berlin-Auftritt den Geist der Geselligkeit und der Gemeinschaft. Schon in ihrer ersten Single „Skwod“ rappte sie im letzten Sommer über den Spaß und die Schaffenskraft, die ihr das Tanzen und Rappen in einer zehnköpfigen Mädchengruppe stiftet; auf der Bühne des Yaam elektrisierte sie zu herrlich stolpernden Dubstep- und Grime-Rhythmen ihre Hörer inmitten eines energisch um sie herumtanzenden Trios.

So wechselten im Verlauf des Abends immer wieder Beschleunigung und Verlangsamung, bis die verschiedenen Tempi und die sich daraus ergebenden Temperaturen zum Schluss zur Synthese gebracht wurden: bei dem atemberaubenden Auftritt von Miss Red, einer in Haifa zum Dub Reggae gekommenen und inzwischen über London nach Berlin gezogenen Sängerin.

Um halbvier in der Früh ließ sie den großen Saal des Yaam bis zur Blickdichte mit  Schwaden aus Kunstnebel füllen; sie selbst war meist nur als Silhouette im  roten Gegenlicht zu erkennen. Eine knappe Stunde lang führte sie ihr mit dem ebenfalls in Berlin lebenden Londoner Produzenten The Bug eingespieltes Mixtape „Murder“ auf.

Sie hechelte, sang, barmte und rappte und wechselte in der erregendsten Weise zwischen unterkühlter Zurückweisung der Hörer und ihrer offensiven Herausforderung. Während das Publikum von Stroboskoplichtern geblendet und desorientiert wurde, schien die gesamte Musik für Momente immer wieder in Gravitationslöcher aus Stille und Schwärze zu sinken; dann aber explodierten die Bässe verlässlich in ohrenerschüttender Form; und die rot umflorte Silhouette Miss Reds verwandelte sich in eine Welle, eine reine Bewegung, unendlich unfassbar, erhaben, groß.