Berlin - Zu einem mit Spannung erwarteten bunten Abend mit Tanz, Gesang, Kostümen und blinkenden Lichtern ist es am Sonntag im HAU 2 gekommen; im Rahmen des CTM Festivals gestaltete das Produzentenkollektiv NON hier eine politische Revue mit den Titel „The Great Disappointment“, zu deutsch: die große Enttäuschung, und vermochte die auf diese Weise geweckten Erwartungen gut zu erfüllen.

Gegründet wurde NON vor zwei Jahren von dem Kapstadter Performance-Künstler Angel-Ho, der in London lebenden kongolesischen DJ Nkisi und dem nigerianisch-amerikanischen Produzenten Chi- no Amobi. Sie verstehen NON als globales Netzwerk für afrikanische und afrodiasporische Künstlerinnen und Künstler; ihre Musik lässt sich am besten als post-globalisierter Post-Internet-Pop beschreiben. Man findet darin fortgeschrittenstes Breakbeatgebastel ebenso wie traditionelles Industrialgebrumm und hyperventilierend geschredderten Stadion-R’n’B. Von Rihanna bis zu Throbbing Gristle, vom klanglich fein ziselierten Post-Dubstep der Nullerjahre bis zur neusten, rauen südafrikanischen House-Variante gqom ist es hier stets nur ein winziger Schritt.

Knallende Rhythmen und dunkel-stählernen Drones

Keinen einzigen physischen Tonträger hat NON bisher herausgebracht und wurde doch vielerorts 2016 als aufregendstes neues Label gefeiert. An die Öffentlichkeit treten die Mitglieder als Party-Organisatoren, DJs oder Performance-Künstler. Angel-Ho etwa zeigte auf der letzten Berlin Biennale die Sex-und-Gewalt-schwere Arbeit „Red Devil“, die von der ständigen Bedrohung queerer Menschen in Südafrika handelt. Chino Amobi veröffentlichte auf der Bandcamp-Seite von NON ein Album mit dem Titel „Airport Music for Black Folk“ über die dauernden Erfahrungen von Unsicherheit und Demütigung, die man als nicht-weißer Mensch in den Transfer- und Einreisezonen von Flughäfen macht.

Mit dem in Berlin lebenden Produzenten Rabit brachte Amobi im letzten Jahr zudem die schön provokante EP „Izlämic Europe“ heraus. Die Cover-Grafik zeigt grimmig verschleierte Menschen; aber die Musik erinnert mit knallenden Rhythmen und dunkel-stählernen Drones an die apokalyptische Ästhetik weißer Mittelschichts-Punks aus den Achtzigerjahren. Wer, könnte die in diesem Widerspruch aufscheinende Frage lauten, hat hier Angst vor wem und warum? Und haben wir letztlich nicht nur Angst vor uns selbst?

Grenzenloser Weltstaat

Beim CTM-Festival versuchten sich die NON-Mitglieder nun erstmals an einer, wie es in der Ankündigung hieß, „von Clubmusik unterbrochenen scripted performance“, in der die Rhetorik der Nationalisten gegen die Schönheit des vom NON-Worldwide-Kollektiv gegründeten grenzenlosen Weltstaats gesetzt werden sollte. An zwei Ecken des weiträumig geöffneten Bühnenbereichs wurde von DJ-Pulten die NON-typische Musik eingespielt; manches war tanzbar, vieles auch nicht.

Das Publikum hatte aber ohnehin stillzusitzen, getanzt wurde auf der Bühne nur von einem dazu angeheuerten Trio in eher zerwuselt wirkenden Choreografien. Manchmal sangen die Mitglieder von NON auch und zitierten dabei John Coltrane, Michael Jackson und Prince; Angel-Ho zeigte sich in bezaubernden Drag-Kostümen. Oft aber war die Bühne auch leer, lediglich von Nebel und roten Stroboskoplichtern gefüllt. Ganz am Ende simulierten alle beteiligten Künstler einen polizeilichen Übergriff auf sich selber und lagen zu drillbohrerartigen Geräuschen wie zusammengeprügelt herum, bis aus dem Haufen am Ende doch wieder ein mutmachender Chor sich erhob.

Wenn man über diesen Abend etwas zu sagen vermag, dann vielleicht, dass NON den hypereklektischen Ansatz ihrer Musik in die Performance zu übertragen versuchten. Doch während in ihren Klängen und Beats eine zeitgemäße Feier des Überschusses und der Verschwendung aufscheint, bleibt deren Umsetzung in die Bühnenperformance sonderbar spannungslos. Damit einher geht der Eindruck einer gewissen Selbstbezüglichkeit und inneren Leere; beides scheint mir für die Kommunikation eines emanzipatorischen Anliegens nicht durchweg günstig zu sein.