Berlin - Voodoorituale zur spirituellen Wiedererweckung eines verstorbenen hermaphroditischen Zwillings, Infraschallbässe zur Verwirrung des Metabolismus sowie nervenzerfetzenden Klanghagel von einem mumifizierten Franzosen gab es am Dienstagabend beim CTM Festival im HAU1 und im Berghain zu erleben; unterschiedliche Arten der ästhetischen und existenziellen Grenzüberschreitung fanden sich zu einer innerlich stimmigen Dramaturgie kombiniert.

Mit Genesis P-Orridge eröffnete ein Altmeister beziehungsweise eine Altmeisterin der schmerzfrohen Avantgarde den Reigen. Mit seinem Performance-Projekt COUM Transmissions – dem ab Donnerstag im englischen Hull eine große Retrospektive gewidmet wird – trieb er Anfang der Siebzigerjahre die öffentliche Präsentation ungewöhnlicher Sexualpraktiken in unerforschte Bereiche voran; mit den daraus hervorgegangenen Bands Throbbing Gristle und Psychic TV erkundete er die psychischen und körperlichen Wirkungen von Sounds; der von ihm in den Achtzigerjahren begründete Temple ov Psychick Youth machte nicht zuletzt durch glamouröse Gruppensexorgien mit gepiercten Geschlechtsteilen Furore.

Anfang der Neunzigerjahre begann P-Orridge dann, sich mit Hormonbehandlungen und Brustimplantaten zur Frau umgestalten zu lassen. Mit seiner Partnerin Lady Jaye, die sich zeitgleich zum Mann umbauen ließ, wollte er auf diese Weise zu einem „pandrogynen“, geschlechtergrenzenüberwindenden Zwillingswesen verschmelzen.  Aber 2007 verstarb Lady Jaye plötzlich, und P-Orridge blieb als halbierter Zwilling zurück; in seiner Kunst wie in seinen spirituellen Unternehmungen ist seither die Suche nach der verlorenen Einheit zum bestimmenden Thema geworden.

Ein neues Zuhause für Seelen toter Zwillinge

Darum geht es auch in dem Film „Bight of the Twin“, der zum Auftakt des Abends im HAU 1 aufgeführt wurde. Er zeigt P-Orridge bei einem Besuch im westafrikanischen Staat Benin, wo man einerseits einem Zwillingskult frönt und andererseits den Ritualen des Voodoo. Mit letzteren kann man  den Seelen toter Zwillinge in kleinen Puppen ein neues Zuhause geben. Weil P-Orridge seine verstorbene Partnerin als Zwilling betrachtet,  lässt sie sich vor Ort in den Wiederbelebungsfetisch initiieren, ein Vorgang, bei dem viel gesungen und spirituell praktiziert wird. Die universelle Harmonie aller lebenden Wesen, die durchweg beschworen wird, gilt aber jedenfalls nicht für die Hühner, die im Verlauf der Aktivitäten reihenweise mit Rum betäubt, geköpft und zum Ausbluten gebracht werden.

Auf den Film folgte ein besinnliches Predigtkonzert, das P-Orridge mit der neuen Lady-Jaye-Puppe und seinem musikalischen Begleiter, dem sonst aus der Arte-Povera-Krachgruppe Wolf Eyes bekannten Aaron Dilloway absolvierte. Danach ging das Programm im Berghain weiter, mit einem Auftritt des niederländischen Klangkünstlers Thomas Ankersmit. Dieser versprach unter dem Titel „Infra“ eine Beschallung mit Bässen, die dermaßen tief sind, dass man sie nicht mehr hören kann – was insofern an P-Orridge und Throbbing Gristle anschließt, als diese in den Siebzigern einst lästige Nachbarn aus dem Haus neben ihrer Kommune so lange mit unhörbaren unangenehmen Schallwellen bestrahlte, bis diese flohen.

Keine desorientierende Wirkung

Auch die Performance von Ankersmit lockte mit dem Versprechen extremer körperlicher Effekte, Übelkeit, Herzrasen, Desorientierung – und war dann, gemessen daran, eine Enttäuschung. Zwar nutzte er die gewaltige Funktion-One-Anlage des Berghain kompetent, um mit heftigen Bassvibrationen bei seinen Zuhörern die Beine zum Schlackern und die Nasenflügel zum Beben zu bringen. Auf die desorientierende Wirkung unhörbarer Frequenzen wartete man aber vergebens. Ich hatte weder Herzrasen, noch wurde mir auch nur im geringsten übel, nicht mal Kopfschmerzen stellten sich ein. In dieser Hinsicht hatte ich von Thomas Ankersmit mehr erwartet.

Danach wurde in konventionellerer, aber durchweg kurzweiliger Weise weitergelärmt. Das britische Duo Gum Takes Tooth bot mit Schlagzeug und elektronischen Geräten einen ornamental-düdeligen Psychedelikkrach dar; der französische Produzent Vomir ließ  grobe Krachbrocken auf die Hörer herunterhageln und stand dabei so starr wie eine Mumie hinter seinem Pult; die in dieser Zeitung schon oft gelobte New Yorker Alleinunterhalterin  Pharmakon entfachte  schließlich einen vor allem in den vorderen Hirnlappen schmerzenden Hochfrequenzlärm, zu dem sie sich bedrohlich schreiend durch das Publikum drängte. Eine tolle Frau, von der man für die bei Ankersmit ausgebliebenen Panikgefühle am Ende voll entschädigt wurde.