Bei den jungen Leuten von heute weiß man ja gar nicht mehr, wo hinten und vorne ist, pflegte meine Mutter dereinst zu sagen. Und da kannte sie Peder Mennerfelt noch nicht! Der schwedische Technoproduzent, der in der Nacht zum Mittwoch beim CTM-Festival im Berghain auftrat, schüttelte zu seinen düsteren, langsam erblühenden und sich dann in konvulsivisch zuckenden Rhythmen entladenden Drones nicht nur herzhaft eine lange blonde Headbanger-Perücke; er hatte sich selbige auch noch verkehrt herum aufgesetzt, wodurch er nun wahlweise wie ein untotes Mädchen aus einem japanischen Horrorschocker aussah oder wie ein Afghanischer Windhund, eine der dümmsten Hunderassen der Welt.

Freunden lichtloser Beatmusik ist Mennerfelt als Begleiter von Fever Ray ein Begriff sowie aus dem Duo Roll The Dice, das unbehaglich wirkende Technostücke – so das Dogma – ausschließlich auf Analogsynthesizern erzeugt. Bei seinem Solokonzert erzeugte er nun auf Geräten verschiedenster Bauart ganz undogmatischen Krach; an den schönsten Stelllen bissen sich fies ziepende Tinnitustöne kontemplativ in vibrierende Bassflächen.

Eröffnet worden war der Abend mit dem Stück „Höllenmaschine“, das die österreichische Komponistin Elisabeth Schimana für den eigens herbeigewuchteten Max Brand Synthesizer geschrieben hatte: ein schrankgroßes Monstrum, das Ende der Fünfzigerjahre von dem jungen Robert Moog nach Vorgaben des Komponisten Max Brand konstruiert worden war und als Vorläufer der elektropopprägenden Moog Synthesizers angesehen werden kann. Nach dem Tod von Max Brand 1980 kam das Gerät in das Heimatmuseum seiner Geburtsstadt Langenzersdorf in der Nähe von Wien, aus dem es nun gelegentlich wieder herausgeholt wird, um in avantgardistisch orientierten Nachtclubs in aller Welt kiefernknochenerschütternden subharmonischen Lärm zu erzeugen. Weil das Gerät so schwer zu bedienen ist, waren gleich zwei Pianisten vonnöten, um die Menge im Berghain sachgerecht zu beschallen. Ungleichläufig gegeneinander brummende Bassvibrationen erzeugten sie in ebenso kompetenter Weise wie flächig verdickten, sich langsam wölbenden Mulm. Das war hübsch anzuhören und anzuschauen, höllisch hingegen wenig.

Was auch für das Konzert des Londoner Produzenten Kevin Martin alias The Bug gilt; er führte erstmals sein Konzeptkunstwerk „Sirens“ auf, das wesentlich auf dem Klang von Sirenen, Nebelhörnern und sonstwie tutenden Apparaten beruht. Martin hat seine Karriere im Industrial Metal begonnen, sich dann aber zügig dem Dub Reggae und der Dancehall-Musik zugewandt. Auf den besten The-Bug-Platten wie dem kürzlich erschienenen „Angels & Devils“ gelingt ihm eine gute Synthese aus Metal-typischer Härte und der reichen Weichheit Dub-inspirierter Bassmusik. „Sirens“ erinnerte hingegen eher an die Schiffsbegrüßungsanlage an der Unterelbe vor Hamburg.

Nicht mit Schiffen, sondern mit Güterzügen illustrierte schließlich Justin Broadrick alias JK Flesh den letzten Auftritt des Abends. Broadrick, der sonst in der gerade reformierten Techno-Metal-Band Godflesh wirkt, nahm deren depressiv-hektischen Sound zur Grundlage für kontemplative Klangkonstruktionen, in die er dann Unverständliches grunzte. Auch er schüttelte dazu gelegentlich den Kopf. Doch sieht sowas mit kurzen Haaren und Mütze darüber gleich weit weniger eindrucksvoll aus.