Olympische Winterspiele 2018 in Südkorea – und ich war dabei. Aber nur zu Hause auf meiner Ledercouch. Ich schaute wirklich alles Mögliche, aber der olympische Funke wollte nicht überspringen.

Schließlich blieb ich beim Curling hängen, dieser oft belächelten Sportart. Für mich aber eine echte Entdeckung. Um das Duell der Steine auf dem Eis zu sehen, stellte ich mir sogar mitten in der Nacht den Wecker.

Es war die Präzision des Spiels, die mich magisch anzog. Einerseits die Ruhe, andererseits die schnell übers Eis fegenden Wischer, die sehr lustig aussahen. Ich sah es mit wachsender Begeisterung, ohne richtig zu begreifen, was passiert. Immerhin wusste ich, dass die vier Spieler beider Mannschaften mit ihren Curlingsteinen gegeneinander antreten. Es gewinnt, wer die Steine näher am Mittelpunkt des Zielkreises platziert.

„Curling ist wie Schach auf dem Eis“

Um das Ganze besser zu begreifen, suchte ich auch diesen Winter nach jenen Sportlern, für die ich im vergangenen Winter meinen Schlaf geopfert hatte. Ich zappte durch die Programme. Vergeblich. Dabei zeigen ARD und ZDF wirklich alles. Jedes Wochenende das volle Programm Wintersport – 8 bis 18 Uhr. Jeder Fehlschuss im Biathlon, jeder abgebrochene Probedurchgang im Skispringen. Aber von Curling keine Spur.

Also denke ich mir: Curling sieht doch recht einfach aus, das müsste ich auch hinkriegen. Und begebe mich auf die Spur der Curlingsteine.

Ich betrete die Eissporthalle P09 in Charlottenburg, ein Stein gleitet übers Eis. „Cuuurrrl.“ Die Wischer wischen flink. Ein strenges Kommando. „Wiiischen liiinks und Druuuck, looos, Wiiischen reeechts, meeehr Druuuck.“ Der Mann, der die Anweisungen gibt, ist Jörg Manasse, Obmann für Curling in Berlin. Neben ihm Dirk Hannawald, beim Eissport- & Schlittschuh-Club 2007 zuständig für Curling. Ich frage, was sie an Curling begeistert. „Die Mischung aus Präzision, Strategie, Balance und sportlicher Anstrengung“, sagt Dirk Hannawald. „Curling ist Schach auf dem Eis.“

Ein gewagter Vergleich, denke ich und frage, wie viele Curler es in Berlin gibt? „Schau aufs Eis, da findest du fast alle“, sagt Jörg Manasse. Ich sehe vier Bahnen und rechne: „So um die 35“, sage ich. „Kommt hin“, sagt er.

Die einzigen Curler weit und breit

„In Deutschland ist Curling eine absolute Randsportart. Die nächsten Curling-Hochburgen liegen in Hamburg, Chemnitz, Erfurt und Geising im Osterzgebirge“, sagt Dirk Hannawald. „Aber Olympia ist für unseren Sport auch ein Türöffner, bringt Interessenten in die Halle. Und einer bleibt immer an den Steinen hängen“, ergänzt Jörg Manasse.

In der Halle trainieren also die einzigen Curler weit und breit. Hier findet vom 18. bis 20. Januar auch der 5. Berlin-Curling-Cup statt – mit 24 Teams, auch Schottland, das Mutterland des Curlings, ist dabei.

Dann sagt Jörg Manasse, dass ich nun dran bin. „Aber ich bin doch ein blutiger Anfänger“, sage ich. Das ist ihn egal. Schnell wird eine Bahn für mich freigeräumt. Manasse gibt mir erst mal eine theoretische Einführung: Ein Stein wiegt knapp 20 Kilogramm und ist aus Granit.

„Gewinne ein Gefühl für die Balance“

Dann ist da noch die Sache mit dem Besen. Die lustigen Wischer erzeugen durch ihr wildes Schrubben auf dem Eis etwas Wärme – sodass das Eis schmilzt und ein Wasserfilm entsteht. „Es ist die einzige Möglichkeit, die Geschwindigkeit und den Lauf des Steins zu beeinflussen“, sagt Jörg Manasse. Ich denke: Ist das noch Sport oder schon ein Physik-Leistungskurs?

Nun aber schnell aufs Eis. Hier bekomme ich von Dirk Hannawald einen Slider verpasst, eine spezielle Rutschsohle, die ich unter meinen linken Schuh klemme. Ich rutsche also mit Links und stoße mich mit Rechts vorwärts. „Gewinne ein Gefühl für die Balance“, ruft Dirk Hannawald. Mit der Balance ist es aber nicht weit her. Ich bräuchte eher Stützräder.

Ich rudere mit den Armen, versuche verzweifelt, mit den Händen in der Luft Halt zu finden. „Schau auf den Mann im schwarzen Pullover“, sagt Dirk Hannawald. Neben mir gleitet ein Mann schnell und sicher vorbei. „Der ist erst seit Oktober bei uns.“ Immerhin beende ich diese erste Balanceübung unfallfrei.

Stillstand nach drei Metern

Es folgen weitere Übungen, bei denen ich rutschend entweder mit zwei Steinen oder mit dem unter die linke Achselhöhle geklemmten Besen als Stabilisator unterwegs bin. Ich gewinne ein wenig Vertrauen. Aber reicht das, um den ersten Curlingstein auf die Reise zu schicken? Dazu hocke ich mich in ein sogenanntes Hack.

Das Hack ähnelt einem Startblock aus der Leichtathletik. Ich stoße mich ab, lasse meinen ersten Stein los. Er kommt nach drei Metern zum Stehen. Mist! Wieder abstoßen, loslassen – vier Meter. Viel zu wenig. Dirk Hannawald kritisiert meine Körperhaltung. „Versuche, Stein, Hand, Rücken und rechtes Bein in einer Linie zu halten.“ Es stimmt, ich liege nicht auf dem Eis, ich gehe zu schnell in die Hocke. „Du hast ein wenig Angst und ziehst sofort nach dem Abstoßen das Bein an.“ Ich begradige mich etwas. Wieder abstoßen – und zehn Meter.

Nun ein wenig mehr Druck aus dem Hack – 15 Meter. Ich bin enttäuscht. Mein Stein schafft es nicht mal bis zur Hälfte der Bahn.

Mit ganzem Gewicht

Vielleicht klappt es besser mit mir als Wischer. Sieht doch noch einfacher aus. Dirk Hannawald fragt die Physik des Besenwesens ab. Ich murmele etwas von Eis, Wärme, Wasser und Geschwindigkeit. Ein wenig habe ich mir das mit dem Schrubben auf den Nachbarbahnen abgeschaut. Eine hohe Frequenz ist wichtig. Dirk Hannawald spielt einen Stein. „Looos wiiische“, schreit er. „Maaach Druuuck.“

Zufrieden ist er nicht. „Fass den Besen weiter unten an und lege dein ganzes Gewicht drauf.“ Weitere Kommandos folgen. Ich malträtiere meinen Besen. Fünf Meter, zehn Meter, ich schnaufe, 20 Meter, ich pumpe. „Quäl’ dich.“ Nach 25 Meter Schrubben ist Schluss. Ich kann nicht mehr. „Bei einem Spiel über zehn Ends schrubben die Wischer schon mal 2,5 Kilometer“, sagt Dirk Hannawald. „Und du?“ Er grinst.

Das erste Erfolgserlebnis

Ach, ist das alles deprimierend mit diesem auch so lustig und leicht scheinenden Curling. Mit der Balance habe ich Probleme. Meine Steine bleiben weit vor dem Zielkreis, dem sogenannten Haus, liegen, und mit richtig Druck zu wischen, das klappt auch nicht. Ernüchtert verlasse ich die Halle und studiere eine Woche Curling auf YouTube.

Danach gehe ich ein zweites Mal in die Halle. Und es rutscht sich wirklich besser, ich bin viel schneller auf dem glatten Geläuf und vor allem viel sicherer. Aufrecht und nicht mehr so gebückt gleite ich dahin. Natürlich nicht so elegant und schnell wie der Mann in Schwarz, aber ich bin zufrieden. Auch Dirk Hannawald lobt: „Siehste, geht doch.“ Und die Steine? Nach eineinhalb Stunden Training und gefühlten eineinhalb Tonnen Granittransport gelangen meine Steine sogar in das Haus – das sind 40 Meter Entfernung.

Dirk Hannawald gratuliert. Trotzdem fehlt die Präzision. Egal. Hinterher fragt Dirk Hannawald: „Spürst du deine Oberschenkel?“ Die Oberschenkel schmerzen, aber auch Nacken, Rücken und Arme. Den Schmerz lächle ich tapfer weg. Ich werde wiederkommen.