Czernowitz in der Bukowina war vor dem Zweiten Weltkrieg, wie es heißt, eine jüdische Stadt deutscher Sprache. Sie klang ein bisschen österreichisch, ein bisschen slawisch und war durchzogen von Jiddisch. Einer der bekanntesten Dichter, den diese Stadt hervorbrachte, war Paul Celan, der am 23.11.1920 dort geboren wurde. In der Schule lernte ich die „Todesfuge“ auswendig, sie galt als das große Gedicht über den Holocaust, mit seinem musikalischen Klang so entsetzlich wie schön: „dein goldenes Haar, Margarete, / dein aschenes Haar, Sulamith“. Und als ich in den 80ern in Berlin Literatur studierte, waren seine Gedichte „Kult“: „Es ist Zeit, dass der Stein sich zu blühen bequemt.“

Paul Celan wuchs als Kind von Leo Antschel (er drehte den Namen um, fand ihn eleganter) und Fritzi Schrager im Haushalt seines Großvaters Wolf Antschel auf, umhegt von zwei Tanten, die von dem hübschen intelligenten Jungen sicherlich begeistert waren. Vater wie Opa studierten die Thora und waren tief religiös, dafür nicht ganz so lebenstüchtig: Diese Rolle kam eher den Frauen zu. Fritzi, die früh ihre Mutter verlor, kümmerte sich um den Haushalt und die jüngeren Geschwister. So darf es nicht verwundern, dass Paul Celan in allen Lebenssituationen Zuflucht zu den Frauen nahm: Gisèle Lestrange, die er 1952 heiratete, die Freundinnen aus Czernowitz, wie die Übersetzerin Edith Silbermann und die Dichterin Rose Ausländer, die Ethnologin Brigitta Eisenreich, die als alte Dame erzählte, Paul Celan sei, abgesehen vom Erotischen, immer am Gespräch interessiert gewesen. Man habe geredet, über Literatur, Musik und - die Bukowina. Wollte er eingelassen werden, pfiff er unten auf der Straße ein Liedchen, zuerst Claire de la Lune, später Schuberts Unvollendete, und das nicht nur bei ihr. „Wir stehen umschlungen am Fenster, / sie sehen uns zu von der Straße.“

Stets auf der Suche nach einem Du, oft verfolgt vom Terror, der ihm seine Eltern nahm: Die Sehnsucht nach der Bukowina, der eigenwilligen, reichen Welt seiner Kindheit, muss wohl immer größer geworden sein. In vielen Gedichten fand sie, verrätselt, als erlaube er sich selbst nicht, direkter zu sein, Eingang: Mohn und Mandelbäume, Wacholder und Wehmut. Der Fluss Pruth und das Dorf Sadagora, in dem der Wunderrabi, Zaddik Friedmann, lehrte, ein Unterschlupf für Gauner und Ganoven. „Es war eine Gegend, in der Menschen und Bücher lebten“, sagte Paul Celan bei der Verleihung des Bremer Literaturpreises, 1958.

Die Welt war ihm nicht nur mit Verständnis begegnet, und je bedrängter er sich fühlte, desto stärker zog es ihn zur chassidischen Tradition des Vaters, in der es weise Rabbiner gab und eine Vermutung: Dass Gott gleich bei der Schöpfung sah, dass da etwas schief laufen würde. Dinge zerbrachen, Scherben fielen herab. In ihnen aber funkelte ein Rest von Göttlichkeit, und die Dichter, eine Brigade zur Reparatur der Welt, sollten die Scherben einsammeln, in den allerkleinsten Pfützen, Blättern, Worten. Paul Celan hatte seinen Hölderlin aufgeschlagen, bevor er in die Nacht zog, im Frühjahr 1970 in Paris, und in den Fluss fiel, die Seine, als der Fluss der Worte ihm keine Zuflucht mehr bot.

Zuletzt erschien von Tanja Langer der Roman „Meine kleine Großmutter & Mr. Thursday oder Die Erfindung der Erinnerung“