Amerikanische Vietnam-Veteranen suchen nach den Überresten ihres Kameraden.
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BerlinFast scheint es, als wäre der Vietnamkrieg nie zu Ende gegangen, als die „5 Bloods“ – mittlerweile nur noch ein Quartett schwarzer Veteranen – zu Wagners Walkürenritt in Richtung Dschungel schippern. Das „Apocalypse Now“-Zitat ist der erste von vielen Widerhaken, mit denen Regisseur Spike Lee in die Wunden der Vergangenheit eindringt.

Einen Unterschied gibt es 45 Jahre nach Ende des Krieges dennoch: Am Heck des Boots flattert nicht mehr das Sternenbanner, sondern die Flagge Vietnams. Es ist nur eine von dutzenden Komplikationen, die Lee in das komplexe und empfindliche Geflecht der bilateralen Nachkriegserfahrung wirft. Bereits der erste gemeinsame Cocktail, den die Bloods bei ihrer Ankunft in Vietnam genießen, bringt neben der Wiedersehenseuphorie auch einen frischen Schub posttraumatischen Stress und Ressentiment mit sich.

Mit dem ersten Drink stoßen die Männer gemeinsam an, den zweiten teilen sie mit den ehemaligen Vietcong vom Nebentisch, der dritte wird jäh von einem einbeinigen Jungen unterbrochen, der mit den Worten „GI, please“ um eine Spende bettelt. Noch im Schutze des Hotels werden die Veteranen bereits wieder mit dem Trauma der Vergangenheit konfrontiert. Eben dieses Trauma werden sie ein weiteres Mal im Dschungel Vietnams aufsuchen, um die Überreste des gefallenen fünften Bloods zu bergen – und mit ihnen eine Kiste voll CIA-Gold.

Die Reise in den Dschungel ist ein Wirbel aus nationalem Kriegstrauma, gruppeninternen Konflikten und Geschichtsneuschreibung aus Perspektive der schwarzen Bevölkerung Amerikas. Ihr Schmerz – der nicht allein vom Vietnamkrieg, sondern seit 1619 von einer Generation der schwarzen Bevölkerung zur nächsten weitergereicht wird – ist das Gefühl, das hinter der grotesken Komik und der brutalen Eskalation des Trips steht. Alle Beteiligten tragen noch immer Agent Orange, das Gift des Kriegs, in Körper, Blut und Seele.

Hinter den 40 Jahren Erfahrung als Filmemacher bündelt Spike Lee die Wut und den Schmerz der schwarzen Vietnamkriegserfahrung zu einem Amalgam aus Essayfilm und Blockbuster, das mit enormer Durchschlagskraft mit der Idee bricht, das Leid der schwarzen GIs sei mit dem Krieg zu Ende gegangen.

Die erste Netflix-Produktion Lees mobilisiert ein weiteres Mal meisterhaft das Bewegtbild gegen den nicht nur in den USA neu erstarkten Geist des Faschismus. Als „Make Amerika Great Again“-Cap geistert dieser durch den Film, sucht sich mehrmals einen neuen Besitzer und entlarvt jeden seiner Träger als Freund des „Klansman im Oval Office“, sprich: als Feind des Friedens. Damit schlägt „Da 5 Bloods“ die Brücke von einem Konflikt, der noch immer nachwirkt, zu einem, der heute wieder auf den Straßen der USA und der Welt bewältigt werden muss.

Da 5 Bloods, ein Film von Spike Lee, läuft ab sofort auf Netflix