Friederike Mayröcker
Foto: imago images/SKATA

Seit Jahrzehnten ebbt er nicht ab, dieser Strom aus Farben, Melodien, Licht und Worten. Er kennt kein Halten, keine Müdigkeit. Was er mitführt, ist zu kostbar, um es zurückzulassen: die nie endende Liebe zum Dasein. Dass man ihr trotz aller Energie und Bestrebungen natürlicherweise abhanden kommen wird, bringt die mittlerweile 95-jährige Friederike Mayröcker, Wegbereiterin der Wiener Avantgarde und Grande Dame der deutschsprachigen Dichtung, in ihrem neusten Buch „da ich morgens und moosgrün. Ans Fenster trete“ unmissverständlich zum Ausdruck. Schon in ihren letzten Prosa-Diarien, die sich wie das vorliegende aus poetischen Tageseindrücken zusammensetzen, vernimmt man den elegischen Ton des Abschiednehmens von der Welt. Nunmehr hat der Vergänglichkeitsblues eine kaum mehr zu steigernde existenzielle Intensität angenommen. Bezogen auf das Jahr 2018 ist die Rede vom „vielleicht letzte[n] Sommer, Fäulnis letzten Endes, Fäulnis“.

Berührend schildert das Ich seinen Schmerz, es weint ganze Nächte durch, klagt über die „Herbstgirlande in meinem Kopf“, schaut alte Fotos durch und erinnert sich an die golden schimmernde Vergangenheit: an ihren verstorbenen Geliebten Ernst Jandl, an Gemälde, geschriebene und gelesene Briefe, Begegnungen mit Freunden und Tieren.

Oft für den Nobelpreis gehandelt

Wer die eigenartigen Suaden der seit jeher als heimliche Nobelpreiskandidatin gehandelten Schriftstellerin kennt, weiß, dass Handlung und Ereignisse eine mehr als nachgeordnete Rolle spielen. Mayröcker ist durch und durch Ästhetin mit einem ganz klaren künstlerischen Programm, nämlich der Poetisierung der Welt. Eindrücke aus dem Alltag, Beobachtungen im Garten, der Gesang der Vögel vermischen sich in hoch verdichteten Notizen mit Gedächtnisinhalten früherer Jahre, wobei alles in einen einzigen Sprachfluss mündet.

Als Leser hat man hier kaum Halt. Weder Punkte noch Kommata haben Bedeutung, Verben werden weggelassen. Und wer braucht schon einen Satzanfang oder ein Satzende? Der Text springt von einem Bild ins nächste: „das ist psychisch sagst du nämlich der Wiesengrund oder das Wasserlassen. Da wir dieses Reh, abgöttisch, habe mich in winzige […] (Schere) verliebt, usw., Leu usw., habe die Legende vom Urknall gelernt, sitze auf abstraktem DIWAN (mit Häsin im Restschnee nämlich Profil)“. Selbst die Autorin gibt angesichts des aberwitzigen Chaos ihres literarischen Entwurfs zu, „die Worte als Worte aus[zu]stellen, ohne ihren Sinn zu entfalten“.

Und doch hat diese zweifelsohne chaotisch anmutende Komposition, ja, sogar eine ungemeine Schönheit. Indem die Autorin einen alles umfassenden, rauschhaften Wahrnehmungsraum schafft, gelingt es ihr, eine Einheit des Kosmos herzustellen. Während unsere spätmoderne Welt von Brüchen, Krisen und Diskontinuitäten gekennzeichnet ist, wird sie im Schreiben geheilt. Das entscheidende Prinzip dieses Arbeitens lautet: Durchlässigkeit, sodass zwischen innen und außen „jedes Wort ein einziges Wundmal“ wird, sodass Körper und Umwelt nicht mehr voneinander zu trennen sind, sodass sich die „Muse der Töne mit der Muse der Farben“ verbindet, sodass Realität und Fantasie ineinanderfließen.

Mit Sigmund Freud im Gepäck

Für Mayröcker steht diese Art der Textproduktion für Selbstvergewisserung und den Gewinn an Lebensenergie. Das Dichten etabliert eine Gegenwelt zum physischen Verfall, bietet die Möglichkeit eines anderen Bewusstseins jenseits von Schmerz und Altern. „In meinen Träumen bin ich jung in meinen Träumen bin ich high“ – mit diesem so erbaulichen und juvenilen Credo verortet sich die geradezu im Fiebertaumel schreibende Intellektuelle klar in der Traditionslinie des Surrealismus. Nicht von weit her rühren daher ihre typischen Anspielungen auf René Magritte, Max Ernst und andere Vertreter der klassischen Moderne, die in ihren verrätselten Bildern dem unergründlichen Unbewussten im Menschen nachgehen.

Mit Sigmund Freud im Gepäck ist dem Betrachter ihrer Werke klar, dass selbst abstruseste Konstellationen von Dingen auf der Leinwand nichts anderes als versteckte Codes für das Seeleninnere sind. Auf diese Art und Weise kann man auch Mayröckers Texturen zu entschlüsseln versuchen. Zeichenfieber gleicht dann Nervenfieber. Doch diese Erkenntnis birgt kaum einen nennenswerten Nutzen. Statt aus dem Fluss der Sprache mühevoll sämtliche Bedeutungssteinchen herauszusieben, sollte man sich in ihm treiben lassen – hinein in eine zarte und geheimnisvolle Landschaft. In ihr findet sich das längst verloren geglaubte Ewige der Literatur, das eines erfordert: Hingabe.

Friederike Mayröcker: „da ich morgens und moosgrün. Ans Fenster trete“. Suhrkamp, Berlin 2020. 201 S., 24 Euro.