ONE ETHNO – MADE BY REBELLCOMEDY , eine Szene aus Folge 1 von 4, Premiere am Freitag 13. November 2020 um 21:00 Uhr bei ARD One. Zu sehen sind Ben (Benaissa Lamroubal) und Ramon (Arnel Tači).
Bild: WDR/RebellComedy

Die Gags von Ben (Benaissa Lamroubal) wollen einfach nicht zünden – dabei sieht er seinen ersten Bühnenauftritt als letzte Chance. Er ist beim Job im Call-Center nicht froh geworden, muss Schulden abbezahlen und hat seinem aus Marokko stammenden Vater noch nicht gestanden, dass er das Studium längst abgebrochen hat. In seiner Verzweiflung erfindet Ben auf der Bühne eine Bombe: „Ihr wollt den Terroristen, ihr kriegt den Terroristen!“ Pünktlich zum Countdown stürzt die Dekoration herab – und Ben wird als „Bühnenbomber“ ein Youtube-Star.

Die vierteilige WDR-Serie „Ethno“, die schon vor der Ausstrahlung im Netz steht, ist für die ARD ein Novum. Zum ersten Mal wurde eine fiktionale Serie fast komplett von „Menschen mit Zuwanderungsgeschichte“ produziert, wie der Sender stolz vermeldet. Zusammengeführt hat das Ensemble aber nicht der WDR selbst – prägende Künstler wie Hauptdarsteller Benaissa Lamroubal und Autor Babak Ghassim arbeiten schon seit vielen Jahren als „RebellComedy“ zusammen.

Diese Truppe, deren Familien etwa aus Marokko, dem Iran, aus Ägypten und Saudi-Arabien, aber auch aus den USA und der Schweiz stammen, hatte sich 2006 rings um Köln zusammengefunden, weil sie sich von den damals schon erfolgreichen Comedians wie Kaya Yanar oder Bülent Ceylan nicht vertreten sahen und, anders als diese, auf der Bühne nicht in Klischee-Rollen steigen wollten. Einige Jahre lang blieben die Ethno-Rebellen ein regionaler Geheimtipp, doch seit das Fernsehen auf sie aufmerksam wurde, werden sie immer populärer. Für ihre gemeinsamen Shows müssen insbesondere in Nordrhein-Westfalen die größten Hallen gemietet werden.

Benaissa gastierte 2019 bei den Wühlmäusen – und es war sehr überraschend für den Kabarettfreund, dass hier der Tresen total leer, der Saal aber schon eine dreiviertel Stunde vor Beginn komplett besetzt war und viele Kopftücher leuchteten. Während Kaya Yanar und Co. ein überwiegend deutsches Publikum angezogen hatten, ist es der RebellComedy gelungen, auch junge Muslime zu begeistern. Wie sich Benaissa mit den aktuellen Debatten auseinandersetzte, das ist aber auch für den Bio-Deutschen anregend.

So spielte er das provokant-blöde Ziegenficker-Gedicht von Jan Böhmermann körperlich durch und widmete dem Tier ein Liebesgedicht: „Du bist meine Ein-Ziege!“, führte dazu die Parolen von der drohenden Islamisierung Deutschlands ad absurdum. Er zählte auf, wie viele Muslime Teil der deutschen Kultur geworden sind, ob Nazan Eckes oder Adel Tawil, und welche Deutschen der Islam dafür bekommen habe – nur eine peinliche Figur wie Pierre Vogel.

Auch die „Ethno“-Serie kennt die Wirkung der muslimischen Comedians. Bens deutsche Agentin (Claudia Lietz) erklärt ihm, wie verschiedene Publikumstypen auf „Bühnenbomber“ wie ihn reagieren. So freue sich der konservative Mann darüber, dass Migranten endlich alle Vorurteile über Ausländer aussprechen dürften, während die empathische Frau den Bühnensturz als Symbol seiner wackligen Identitätsgrundlage auffassen würde. Autor von „Ethno“ ist Babak Ghassim, einer der Gründer von RebellComedy. Sein berührendes Exilanten-Gedicht „Hinter uns mein Land“, das er zusammen mit dem Co-Gründer Usama Elyas als Poetry-Slam vortrug, ist inzwischen Stoff in deutschen Schulen.

In der WDR-Serie spielt Ghassim immer wieder mit dem Zwiespalt: Einerseits wollen sie von sich selbst reden – andererseits können sie ihre Herkunft nicht einfach hinter sich lassen. Dieser „Migrationshintergrund“ taucht in „Ethno“ immer wieder auf – als bärtiger alter Mann in einem zerschlissenen Zottelkostüm. Und dass er von einem Deutschen (Waldemar Kobus) gespielt wird, soll wohl darauf verweisen, dass das wohlmeinende Wortungetüm „Migrationshintergrund“ eine typisch deutsche, inzwischen aber ausgeleierte Kreation ist. Diese Figur ist nicht für Ben und Co, dafür aber für die Zuschauer sichtbar, die er direkt anredet: „Jetzt tut mal nicht so, als würdet ihr mich nicht sehen. Ich bin’s - fremd, behaart und gut aussehend!“ Auch wenn „Ethno“ immer wieder mit solch skurrilen Bildern aufwartet und Benaissa Lamroubal, glattrasiert und verjüngt, als Schauspieler bestehen kann – die eigentliche Stärke von ihm und seinen Mitstreitern wie Hany Siam, Salim Samatou, Khalid Bounouar aber bleibt die Bühne. Auf Youtube sind nicht nur die vier Folgen von „Ethno“, sondern auch die umjubelten Live-Auftritte der RebellComedy abrufbar.

Ethno: bei WDR YouTube Comedy & Satire und in der ARD-Mediathek, am 13.11. um 21 Uhr bei One