Hier müssen Sie am Wochenende hin: die Tipps unserer Kulturredaktion

Diesmal empfehlen wir unter anderem: Das „Festival of Lights“, Kunst in den Kant-Garagen, Protestkultur in Kreuzberg und Avantgarde-Ballett zum Kinnkraulen.

Uroš Pajović / BLZ

Trotz Energiespargebot: Das Festival of Lights

Viel wurde im Vorfeld diskutiert über das Signal eines Lichterfestes mitten in der Energiekrise. Der Kompromiss: Das privatwirtschaftliche Festival of Lights wird auch in diesem Jahr stattfinden, allerdings mit um 75 Prozent reduziertem Stromverbrauch. An 35 Orten sollen an zehn Abenden 70 Lichtkunstwerke zu sehen sein: Wahrzeichen wie das Brandenburger Tor, der Fernsehturm, der Potsdamer Platz oder das Schloss Charlottenburg werden dabei unter dem Motto „Visions of our Future“ angestrahlt. Besonders ehrgeizig fallen wieder die Lichtinstallationen auf dem Bebelplatz aus, dort können Besucher die bunten Projektionen von drei Seiten auf sich einwirken lassen. Im Nikolaiviertel erwachen im Schwarzlicht Märchenfiguren, Tiere und Engel zum Leben. Die Shows werden auch musikalisch untermalt. Claudia Reinhard

Das angestrahlte Brandenburger Tor beim Festival of Lights 2019
Das angestrahlte Brandenburger Tor beim Festival of Lights 2019festival of lights

Festival of Lights, 7. bis 16. Oktober, täglich von 19 bis 23 Uhr, hier gibt es alle Infos und die Tickets.


Der letzte Schrei seit 100 Jahren: Das Triadische Ballett

Besonders schön an dem berühmten Triadischen Ballett ist nicht nur sein Playmobil-Schick, sondern seine historische Aufladung mit der omnipräsenten Bauhausphilosophie, einem krachenden Urheberstreit, hochfliegenden Interpretationen und nachträglich zugeschriebenen Prophetien. Der ganze lustige Ernst der Avantgarde (Hurz) schwingt mit.

Umso schöner ist es, wenn nun, zum 100. Jubiläum der Uraufführung, in der Akademie der Künste die Wiederaufnahme der auf der choreografischen Rekonstruktion von Gerhard Bohner basierenden Neuinszenierung durch Bohners Solisten Ivan Liška und Colleen Scott erfolgt: voluminöse Masken, gedrechselte Röcke, klappernde Gehänge, staksende Stelzhosen – alles recht unbequem, aber schön bunt! Es tanzt das Bayerische Junior Ballett München. Im Publikum sitzen bestimmt ein paar pensionierte Tanzwissenschaftler mit leuchtenden Augen und kraulen sich nachdenklich die Kinne. Es wäre schön, wenn sie ihre Enkelkinder mitbringen würden, die das Geschehen mit ihrem naiven Blick aufbrechen können – und sicher am besten verstehen, was gemeint ist. Ulrich Seidler

Das Triadische Ballett, Fr 7.10. , Sa 8.10.: 20 Uhr; So 9.10.: 11.30 Uhr in der Akademie der Künste (Studio), Hanseatenweg, Karten und Informationen unter Tel.: 200571000 oder www.adk.de


Gefeiert wird: Zehn Jahre Aktivismus in Kreuzberg

Vor zehn Jahren wurde der Kreuzberger Oranienplatz von Aktivist:innen besetzt. Der sogenannte International *Women Space, eine Gruppe geflüchteter Frauen, ging aus der damaligen Bewegung hervor und zelebriert jetzt bis Sonntag auf dem Oranienplatz „die Geschichte der rebellischen Geflüchteten-Bewegung“. Mit einer Open-Air-Kunstinstallation wollen sie so die Geschichte sozialer Kämpfe, die auf und um den Oranienplatz entstanden sind und ausgetragen wurden, in Erinnerung rufen. Dazu laden sie unter anderem prominente Gäste ein – etwa die US-amerikanische Aktivistin und feministische Ikone Angela Davis.

Das Programm soll unter anderem Theater, Grafik, Malerei, Literatur, Fotografie und Film umfassen und „Stationen des Widerstands“ nachzeichnen. Gemeint ist etwa der sogenannte lange Marsch Geflüchteter von Würzburg nach Berlin im Jahr 2012. Aber auch die Besetzung und anschließende Räumung des Geflüchtetencamps in der Gerhart-Hauptmann-Schule in der Ohlauer Straße 2014, unweit vom Oranienplatz. Ereignisse, die dazu beitrugen, Kreuzberg zum Symbol deutschlandweiter Debatten über Flüchtlingspolitik werden zu lassen. Und die im Rückblick auch daran erinnern, dass die sogenannte deutsche Willkommenskultur, die letztlich zu einem Markenzeichen der Merkel-Ära wurde, keineswegs nur Ausdruck verordneter Politik war, sondern auch Ergebnis von hart erkämpftem Berliner Kiezaktivismus.

Viele der Begriffe, die für die Aktivist:innen vom Oranienplatz schon damals zentral waren, breiteren Teilen der deutschen Gesellschaft aber weitestgehend unbekannt – etwa der des Postkolonialismus –, sind heute Kernbestandteil heftiger Debatten über Kunst und Politik. Das zeigte nicht zuletzt das Beispiel der Documenta 15. Wie International Woman Space die fraglos schwierige Herausforderung löst, Kunst und Politik zusammenzubringen, kann man an diesem Wochenende selbst sehen. Hanno Hauenstein

Das volle Programm des International Woman Space, das dieses Wochenende am Oranienplatz in Kreuzberg stattfindet, finden Sie hier: www.iwspace.de


Protestierende Amphoren: Für die mutigen Frauen in Iran

Die Berliner Galeristin und Künstlerin Anahita Sadighi hat für das zweitägige Design & Art Festival im neuen Stilwerk eine Installation geschaffen, die dieser Tage gleichsam zu einem politischen Statement wird. Eine Formation tönerner Gefäße, persischer Amphoren aus dem 16. bis 19. Jahrhundert, scheint auf dem Garagenareal des Stilwerks auf uns Betrachter förmlich zuzumarschieren. Fest entschlossen, nicht zu weichen – sprich: den Mullahs zu trotzen und einen Systemwechsel zu erzwingen, der den Frauen endlich Freiheit gibt. Dem absurden Verhüllungsgesetz in Iran fiel jüngst die 22-jährige Kurdin Jina Mahsa Amini zum Opfer, getötet wurde sie durch islamistische Polizeigewalt. Amini hatte sich nie politisch betätigt. Sie war einfach eine junge Frau, die ihr schönes schwarzes Haar etwas offener tragen wollte und dies mit dem Tod bezahlte.

Protest der Amphoren: Anahita Sadighis Installation „Woman Life Freedom“ in der KantGarage Stilwerk.  
Protest der Amphoren: Anahita Sadighis Installation „Woman Life Freedom“ in der KantGarage Stilwerk. Anahita Sadighi

Die denkwürdige Installation ist eine Metapher für die mutigen Frauen und Mädchen, die in Iran gerade tagtäglich auf der Straße protestieren und von der Willkür der Polizeibüttel an Leib und Leben bedroht werden. Die Amphoren, seit der Antike zweihenklige Transport- und Vorratsgefäße für Lebensmittel, Wasser, Olivenöl, werden hier zu einem Zeichen für weiblichen Widerstand. Und so verbindet die 1988 in Teheran geborene Wahlberlinerin Sadighi sinnlich anschaulich die konzeptuelle Kunst mit antiken Artefakten. Darin spiegelt sich eine wechselvolle, auch dramatische Geschichte – und insbesondere die aktuelle Freiheitsbewegung in Iran.

Auf einer Erhöhung vor den Fenstern des Garagenareals bilden sechs antike ostanatolische Butterfässer einen Halbmond – als feindliche Konstellation gegenüber den persischen Amphoren, die in ihrer Form an Fruchtbarkeitsstauen weiblicher Gottheiten alter vorderasiatischer Kulturen erinnern. Diese Fässer symbolisieren den Wächterrat in Iran, der alles kontrolliert: Politik, Wahlen, Gesetz und Alltag. Die Installation „Woman Life Freedom“ ist der Mittelpunkt der Festival-Schau von Malerei, Fotografie, Skulptur, Performance und Sound. Ingeborg Ruthe

KantGarage – Stilwerk, Design & Art Festival, Kantstraße 126, 7. + 8. Oktober, Ausstellung zu den Öffnungszeiten 10–19 Uhr


Der Film „Liebe, D-Mark und Tod“ über die türkische Musikszene in Deutschland

Im Oktober 2021 wurde das 60-jährige Jubiläum des deutsch-türkischen Anwerbeabkommens gefeiert, es gab viele Ausstellungen und Veranstaltungen dazu. Cem Kayas höchst empfehlenswerten Dokumentarfilm „Ask, Mark ve Ölum – Liebe, D-Mark und Tod“ könnte man als Beitrag zu diesem Kapitel deutscher Nachkriegsgeschichte verstehen. Er handelt von der türkischen Musikszene in Deutschland, die die Menschen etablierten, die ihre Arbeitskraft mitbrachten, aber natürlich auch ihre Sprache und ihre Kultur. Wie viel Mühe es gemacht haben muss, all dieses tolle Archivmaterial zusammenzutragen, kann man eigentlich nur erahnen.

Cem Kaya zeichnet die musikalische Entwicklung nach: von den 60er-Jahren mit dem türkischen Schlager über den aus der Türkei importierten Folk und Rock der 70er bis hin zum deutsch-türkischen Hip-Hop der 90er-Jahre. Es ist auch eine Geschichte der Politisierung. Bei der Berlinale gewann der Film den Panorama-Publikumspreis. Susanne Lenz

„Ask, Mark ve Ölum – Liebe, D-Mark und Tod“ läuft in den Berliner Kinos fsk, Lichtblick, Passage, Zukunft am Ostkreuz und Filmrauschpalast


Konzert: Angel Olsen im Huxley’s

Manchmal spielt das Leben einem so bittersüß und schräg zu, dass man kaum noch sagen kann, ob das Timing eigentlich Glück im Unglück war – oder Unglück im Glück. Davor ist man nicht mal als eine der amtierend besten Singer-Songwriterinnen der Welt gefeit: Angel Olsen, 35, hatte 2021 ihr lesbisches Coming-out vor ihren Eltern – und sich dabei, wie sie selbst sagt, wieder hilflos wie ein fünfjähriges Kind gefühlt. Nur wenige Tage später stirbt ihr Vater. Angel Olsen bringt ihre Partnerin (die Drehbuchautorin Adele Thibodeaux) mit zur Beerdigung, und zwei Wochen später stirbt auch ihre Mutter. Diese Mixtur aus beklemmender Trauer und befreiendem Es-gesagt-Haben, Zu-sich-und-seiner-Freundin-Stehen bestimmt auch Angel Olsens nunmehr sechstes Studio-Album „Big Time“, auf dem sie sich, mehr denn je, mit Pedal Steel und Twang der Americana verschreibt und dabei sanglich (wie übrigens ja auch Lana Del Rey) an der Country-Sängerin Tammy Wynette orientiert.

Angesichts der Emo-Achterbahn ist „Big Time“ allerdings ein überraschend unaufgeregtes, elegantes Album, eröffnet durch schimmernde Orgeln, immer wieder flankiert von Bläsern und mit liebevollen Details wie Triangel. An den opulenten Orchesterpomp von „All Mirrors“ (2019) reicht das nicht heran, aber kleine Rock-Ausraster („Go Home“) gibt es durchaus und im Finale auch eine streicher-cinematische Klavierballade („Chasing The Sun“), in der Angel Olsens Sehnsuchtsengelsstimme ganz enorm nuancenreich brilliert. Insgesamt eine schöne Sache, dass Angel Olsen (wie gerade ja auch Orville Peck wieder) an der Verqueerung des insgesamt immer noch sehr konservativen Country-Genres werkelt. Live im Huxley’s mit siebenköpfiger (!) Band wird das dann ja vielleicht sogar „All Mirrors“-Breitbandklang entwickeln. Stefan Hochgesand

Huxley’s Neue Welt, Hasenheide 108, Freitag, 7. Oktober, 20 Uhr, VVK 29 Euro