Da müssen Sie am Wochenende hin: die Kulturtipps der Redaktion

Dieses Wochenende empfehlen wir unter anderem: Ezra Furman auf der Bühne, Filmmusik im Planetarium und iranische Kunst im Kupferstichkabinett.

Uroš Pajović

Forensic Architecture hat zum Genozid an Nama und Herero geforscht

Eine Archivaufnahme aus dem damaligen Deutsch-Südwestafrika, montiert in ein 3D-Modell
Eine Archivaufnahme aus dem damaligen Deutsch-Südwestafrika, montiert in ein 3D-ModellHKW

Die Konferenz „Der deutsche Völkermord in Namibia. Ein Fall für Reparationen“ im HKW beschäftigt sich am Sonnabend mit dem Völkermord an Nama und Herero, den zwischen 1904 und 1908 deutsche kaiserliche Truppen im damaligen Deutsch-Südwestafrika verübten. Präsentiert werden die ersten Ergebnisse der von Forensic Architecture/Forensis mit der Ovaherero/Ovambanderu Genocide Foundation gemeinsam an zentralen Stätten des deutschen Völkermordes in der Gegend rund um den Waterberg durchgeführten Forschungen. Acht Videos zeigen vom 4. bis 6. November im Garderobenfoyer des HKW die erste Recherchephase. Dazu wurden deutsche Archivaufnahmen in 3D-Environment-Modelle montiert. Ein durch das ECCHR organisiertes Begleitprogramm mit Vertretern und Vertreterinnen der Communitys der Ovaherero, Ovambanderu und Nama thematisiert die Frage nach Reparationen. Susanne Lenz

Konferenz „Der deutsche Völkermord in Namibia. Ein Fall für Reparationen“, HKW, 5.11., 15–20 Uhr. Das gesamte Programm finden Sie hier.


Im Berliner Kupferstichkabinett: Farkhondeh Shahroudis persische Linien

Geschnürte Bündel aus persischen Teppichen liegen im großen Fensterstock vor der Saaltür zum Kupfersichtkabinett. Zeichen für Flucht, für Vertreibung im von den Mullahs rigide und brutal regierten Iran. Über der Treppe hängt ein Teppich wie ein Banner, darauf in aufgenähten Lettern: BECKMANN WAR NICHT HIER. Rätselhaft nimmt sich dieser Satz aus, drinnen, in der Ausstellung, gibt es Aufklärung.  

Farkhondeh Shahroudi: Kämpfen oder besser umarmen? Aus der Serie „Glossolalia“, 2008 bis heute, Filzstift auf Papier. 
Farkhondeh Shahroudi: Kämpfen oder besser umarmen? Aus der Serie „Glossolalia“, 2008 bis heute, Filzstift auf Papier. Piotr Pietrus/Courtesy of the artist

Farkhondeh Shahroudi lebt seit Jahren im Berliner Exil. Hier bekam ihre Kunst Inspiration vor allem durch die Werke des aus Deutschland vor den Nazis geflohenen, im New Yorker Exil früh verstorbenen expressionistischen Menschen- und Landschaftsmalers Max Beckmann. Sein Leben, seine existenzielle und auch metaphorische Bildsprache sind sozusagen ihr Bezugspunkt; mit ihm korrespondiert sie im Geiste als Zeichnerin, mit in den Tiefenraum stürzenden (weiblichen) Figuren. 

Shahroudi bekam von der Stadt Berlin soeben den Hannah-Höch-Förderpreis verliehen, benannt nach der großen Berliner Dadaistin zusammen mit der 90-jährigen Schreibmaschinenkünstlerin Ruth Wolf-Rehfeldt, die für ihr Lebenswerk mit dem Hauptpreis geehrt wurde (Berliner Zeitung berichtete am 1./2. November). In der gemeinsamen Ausstellung der beiden Künstlerinnen geht es um Sprache, um visuelle und konkrete Poesie, auch um Wahlverwandtschaft über die eigene Herkunft hinaus und um die Verständigung der verschiedenen Kulturen an sich.

Gleichermaßen lyrisch wie politisch sind die Papierarbeiten der aus Teheran stammenden Shahroudi. Sie verwebt in ihren persischen Linien Gedichte, vernäht in den Skulpturen und Textilcollagen Fäden zu Sprache. Worte werden zu Bildern, zu Zeichen. Neben der Max Beckmann gewidmeten Serie von Zeichnungen hängt von der Museumsdecke eine Sprachkette, daran mit Blumensamen gefüllte „Seed Bombs“. Die Botschaft an die Mullahs in ihrer einstigen Heimat lautet: Liebe und Frieden säen, statt Gewalt ausüben! Ingeborg Ruthe

Kupferstichkabinett am Kulturforum, bis 5. Februar, Di–Fr 10–18 Uhr, Sa+So 11–18 Uhr.


Konzert: Ezra Furman im Festsaal Kreuzberg

Alte weiße Männer spielen gepflegt den Blues-Rock. Und junge Queers machen crazy Bedroom-Hip-Hop-Country-Avantgarde-Glitchpop, den niemand so recht versteht – außer ein paar Milliarden Teenager auf TikTok. So weit, so falsch – denn Ezra Furman bringt alles durcheinander: Die Sounds der jüdischen bisexuellen trans Frau (und Mutter) sind so etwas von Oldschool-Rock’n’Roll, dass auch Fans von Bob Dylan und Bruce Springsteen anknuspern dürften: Klassisches Great American Songwriting liefert Ezra Furman schon seit vielen Jahren.

Ezra Furmans jüngste Platte „All Of Us Flames“, schon jetzt sicher eine der besten LPs 2022 überhaupt, klingt so, als hätte der 1966er-„Blonde On Blonde“-Bob-Dylan dank einer Alien-Zeitmaschine schon eine Ahnung davon gehabt, was Kate Bush 1985 mit „Hounds Of Love“ veranstalten würde. Die Texte von Ezra Furman indes dürften viele Nostalgiker vom Hocker hauen: Wie sie davon singt, dass ihre queere Girl-Gang auch mal zuschlagen müsse, wenn die queerphobe Drangsal zu schlimm würde – ja, das hören Retro-Chauvinisten sicher gar nicht gerne. Das wird sicher ein fulminanter Rausch im Festsaal Kreuzberg bei Ezra Furmans Berlin-Konzert. Stefan Hochgesand

Festsaal Kreuzberg, Am Flutgraben 2, Sonntag, 6. November, 20.30 Uhr, VVK 26 Euro.


Filmmusik im Planetarium

Wer mental in andere Sphären reisen will, ist im Planetarium immer gut aufgehoben, an diesem Wochenende allerdings ganz besonders. Am Sonnabend wird die visuelle Reise in entfernte Galaxien von bekannten Filmsoundtracks begleitet und damit noch mal ein ganz neuer Assoziationshorizont eröffnet. Zu hören gibt es Musik aus „Die fabelhafte Welt der Amelie“, „Der Pate“ und „Joker“, manches passt nicht nur atmosphärisch, sondern auch thematisch zur Odyssee ins Weltall: Superman stammt bekanntlich von einem anderen Planeten und fliegt noch oft auf einen Abstecher in die dunklen Weiten, auch sein Soundtrack wird zu hören sein. Und natürlich Hans Zimmers Komposition für „Dune“, die entscheidend zur Identität des bedrohlichen Wüstenplaneten beiträgt. Claudia Reinhard

Henry Cavill als Superman in „Man of Steel“
Henry Cavill als Superman in „Man of Steel“Warner

Cosmic Movie Melodies, Zeiss-Großplanetarium, Sonnabend, 05. November 2022, 19:15 Uhr, 60 Minuten, ab 10 Jahre, Eintritt 10–12 Euro.


Grips-Theater: „Ab heute heißt du Sara“ ist wieder da

Für das Grips-Theater ist es ein besonderes Stück, das an diesem Wochenende in einer restaurierten Fassung wieder auf die Bühne kommt. 130.000 Zuschauer hatte es im Haupthaus am Hansaplatz seit der Uraufführung 1989; mit Ausbruch der Corona-Pandemie verschwand es vom Spielplan. Es ist auch ein besonderes Stück für Berlin, ja für Deutschland, denn die Aufführungen von „Ab heute heißt du Sara“ entstanden nach einem Buch von Inge Deutschkron, bewogen die jüdische Schriftstellerin, nach Berlin zurückzukehren. In der Zeit davor war sie gescheitert beim Versuch, in der Stadt ihrer Kindheit und Jugend wieder heimisch zu werden. Inge Deutschkron (23. August 1922 bis 9. März 2022) überlebte den Holocaust im Versteck, ging nach dem Krieg nach England, arbeitete in den 50er- und 60er-Jahren als Journalistin in der Bundesrepublik, bis sie sich wegen erneuter Erfahrungen mit Antisemitismus entschloss, in Israel zu leben.

Inge Deutschkron im Kreise von Grips-Schauspielerinnen
Inge Deutschkron im Kreise von Grips-SchauspielerinnenDavid Baltzer|bildbuehne.de

Volker Ludwig und Detlef Michel hatten ihr Buch „Ich trug den gelben Stern“ in ein Stück verwandelt, das ein junges Publikum anzog, was viele Begegnungen der Autorin mit den Zuschauerinnen und Zuschauern bedeutete: Gespräche über Freiheit, über Judenhass, Gefahren für die Demokratie. Inge Deutschkron bezog wieder eine Wohnung in Berlin, ging fortan zu fast allen Premieren des Grips. Nach umfassenden Proben, mit einem restaurierten Bühnenbild, aufbereiteten Kostümen, Requisiten und Maskenbildern ist „Ab heute heißt du Sara“ nun wieder zu sehen. Das Theater spielt im Gedenken an Inge Deutschkron, die hier eine Art Zuhause hatte. Cornelia Geißler

Wiederaufnahmepremiere am 4.11., 19.30 Uhr. Weitere Vorstellungen: 5.11., 19.30 Uhr, 7. und 8.11., 10 Uhr. GRIPS Hansaplatz, Altonaer Str. 22.