Da müssen Sie am Wochenende hin: die Kulturtipps der Redaktion

Diesmal empfehlen wir unter anderem: einen Abend mit dem Theremin, einen Galerie-Ausverkauf und einen Chor, der die UN-Kinderrechtskonvention singt.

Berliner Zeitung

Chorprojekt: „Rights for Children“

Die Idee besticht durch ihre Einfachheit: Der Regisseur Alexander Weise hat sich den Text der 1989 verabschiedeten UN-Kinderrechtskonvention genommen und ihn einem Chor von 16 sehr verschiedenen Jugendlichen zum Einstudieren gegeben. Der Vorgang der buchstäblichen Durchforschung dieses Textes und seines Auf-der-Zunge-zergehen-Lassens, die chorische Konzentrationsleistung, setzt etwas Verbindendes und Empowerndes in den jungen Köpfen in Bewegung. Der in spröder Erwachsenensprache verfasste Text muss wie mit einem Dosenöffner aufgeschnitten werden, damit die darin enthaltenen Bedeutungen Eingang in die Lebenswelt der Jugendlichen finden können.

Erst dann nämlich, wenn man sie versteht, lassen sich die Erwachsenen beim Wort nehmen, das sie vielleicht selbst nicht durchdrungen haben: „Die Vertragsstaaten treffen alle geeigneten Gesetzgebungs-, Verwaltungs- und sonstigen Maßnahmen zur Verwirklichung der in diesem Übereinkommen anerkannten Rechte.“ Alle Maßnahmen? Na, dann mal los! Weise flankiert die Paragrafen mit Erfahrungsgeschichten der jungen Menschen und kontrastiert sie mit den Gedanken eines einsamen, abgekochten Erwachsenen (Andrei Viorel Tacu). Ach, Puls der Hoffnung, Schmelz der Jugend! Ulrich Seidler

Rights of Children 19., 20. November, 19 Uhr im Theater im Delphi, Gustav-Adolf-Straße 2, Karten und Informationen unter www.rightsofchildren.de


Metropolis mit Orchester

Erst seit gut zehn Jahren kann man den wahrscheinlich bekanntesten deutschen Stummfilm aller Zeiten wieder so sehen, wie Fritz Lang ihn 1927 erschuf. Weil das Publikum in den Zwanzigern mit dem monumentalen Meisterwerk über eine futuristische Zweiklassengesellschaft nicht viel anfangen konnte, wurde kurzerhand eine halbe Stunde herausgeschnitten – und blieb bis 2008 verschollen. Dank der Murnau-Stiftung gibt es nun eine schicke Rekonstruktion, die am kommenden Sonnabend im Kino Babylon aufgeführt wird – begleitet vom 35-köpfigen Orchester des Hauses. Claudia Reinhard

Metropolis LIVE Babylon Orchester Berlin (OmeU), 19. November, 19.30 Uhr im Kino Babylon, Rosa-Luxemburg-Straße 30


Ein Abend mit dem Theremin in der Galerie Amalienpark

„TonArt Komponistinnen“ heißt die Ausstellung in der Galerie Amalienpark Raum für Kunst, in der bildende Künstlerinnen und Künstler Arbeiten vorstellen, die in emotionaler Nähe zu Werken von Komponistinnen der Gegenwart und Vergangenheit entstanden sind, vielleicht auch in Konfrontation zu diesen. Unter den Komponistinnen sind Fanny Hensel, die Schwester des Komponisten Felix Mendelssohn Bartholdy, Lili Boulanger, Sofia Asgatowna Gubaidulina.

Die Ausstellung wird von einem üppigen Begleitprogramm flankiert. Am Freitag steht bei einer solchen Veranstaltung das Theremin im Mittelpunkt, ein elektronisches Instrument ohne Saiten, Tasten oder Pedal, das nur durch Fingerspiel im Kraftfeld zweier Antennen zum Klingen gebracht wird. In Filmsequenzen und begleitendem Gespräch, geführt von der Medienwissenschaftlerin Christina Dörfling, wird die Moskauer Komponistin Lydia Kavina vorgestellt. Kavina erhielt im Alter von neun Jahren Unterricht von Leon Theremin, dem Erfinder dieses faszinierenden Instruments. Die besondere Attraktion: In der Galerie stehen Theremine zum Ausprobieren. Susanne Lenz

Die Ausstellung „TonArt Komponistinnen“ ist bis zum 14. Januar in der Galerie Amalienpark Raum für Kunst, Breite Straße 23 in Berlin-Pankow zu sehen. Die Veranstaltung zum Theremin am Freitag, 18. November 2022, beginnt um 19 Uhr , Eintritt 5 Euro.


Abschied von der Salongalerie „Die Möwe“

Die mal aggressive, mal leise schleichende Gentrifizierung in Berlin macht Berlins Auguststraße wieder um einen beliebten Kunstort ärmer. Die Salongalerie „Die Möwe“, die sich vor allem um Berlins seit den Zwanzigern, Dreißigern und auch noch nach 1945 vergessenen Künstlerinnen und Künstlern des letzten Jahrhunderts, insbesondere  um die verfemte jüdische und linke Emigrationsgeneration während der NS-Zeit verdient gemacht hat, schließt ihr Domizil. Sie fliegt also davon aus Mitte. Und das nach teils spektakulären Wiederentdeckungen und Neubewertungen, kürzlich erst der jüdischen Malerin Katja Meirowsky.

Im Angebot beim letzten Kunstaufgebot der Galerie im Mitte-Domizil: Heinrich Wildemanns „o.T.“, 1943, Aquarell. Der eng mit Slevogt und Schmidt-Rottluff befreundete, aus Lodz stammende Maler und Wahlberliner wurde von den Nazis 1937 als „ entartet“ verfemt.
Im Angebot beim letzten Kunstaufgebot der Galerie im Mitte-Domizil: Heinrich Wildemanns „o.T.“, 1943, Aquarell. Der eng mit Slevogt und Schmidt-Rottluff befreundete, aus Lodz stammende Maler und Wahlberliner wurde von den Nazis 1937 als „ entartet“ verfemt.Salongalerie Die Möwe/Heinrich Wildemann

Der Besitzer des Hauses hat leider andere Pläne mit dem Ladenraum, der sich zu dem kleinen Party-Park öffnet, genannt Gipsdreieck. Galeristin Claudia Wall verlegt sich gezwungenermaßen auf eine bescheidenere Form der Kunstvermittlung, eher digital und ohne den schönen lichten Ausstellungsraum. Zuvor aber gibt es ab Sonnabend eine unsentimentale letzte fulminante Schau – bei geöffneten Schränken, Schubern, Mappen. Das Meiste ist verkäuflich, Sammler werden vor einer Fundgrube stehen: Gemälde, Grafiken, Skulpturen von der bekannten und erst wiederentdeckten Berliner Kunstszene des 20. Jahrhunderts – und das zu moderaten Preisen. Ingeborg Ruthe

Salongalerie „Die Möwe“, Auguststraße 50b, Vernissage der Abschiedsausstellung am Sonnabend, 19. November, 12–18 Uhr, Laufzeit bis 17. Dezember, Di.–Sa. 12–18 Uhr


Brennende Autos in Berlin

Johannes Groschupf, fotografiert bei der Crime Cologne
Johannes Groschupf, fotografiert bei der Crime Cologneimago/Future Image

Am Montag erscheint der neue Thriller von Johannes Groschupf: „Die Stunde der Hyänen“. In Friedenau liest er schon am Sonnabend aus dem Buch. Gut möglich, dass es den Zuhörern dabei etwas unheimlich zumute wird. Schließlich stehen in der Gegend so einige hochpreisige Autos an den Straßenrändern. Und Groschupf erzählt von Brandanschlägen auf Luxuskarossen, derer die Polizei nicht Herr wird. Also gehen Berliner Autofahrer in ihrem Kiez gemeinsam auf „Bürgerstreife“. Um sie herum siedelt der Autor seine Helden an: Die junge Polizistin Romina Winter, gerade aus disziplinarischen Gründen frisch zum Dezernat für Branddelikte versetzt worden, der Postbote Maurice Jaenisch, der ganz sicher weiß, dass die Stadt von Satan beherrscht wird, und Jette Geppert, Reporterin bei Kriminalprozessen in Moabit. Groschupf, den man auch in einem der Interviews im Band „Sich sehen“ von Luzia Braun und Ursula März erleben kann, stattet die Reporterin mit der Fähigkeit aus, Gesichter zuverlässig wiederzuerkennen. Zum Schreiben braucht sie die eigentlich nicht. Welche Rolle kommt ihr also in dem Thriller zu? Cornelia Geißler

Lesung Sa., 19. November, 19 Uhr, Kunstwild, Eschenstraße 4, 7 Euro, ermäßigt 5 Euro, Anmeldung per E-Mail an info@suedwestpassage.com


Nackte Matrosinnen im Kalenderformat

Wo Florentina Holzinger ist, spritzt das Blut. In ihren Inszenierungen hängen nackte Frauen an Fleischerhaken über Bühnen, da rasen Autos mit kreischenden Reifen und lila Rauch durch die Zuschauermenge. Dazwischen: graziles Ballett, merkwürdige Wasserwesen, halbnackte Matrosinnen. Die österreichische Regisseurin verbindet das Krasse und an die Grenzen des Erträglichen Gehende mit Filigranem und Sinnlichem – oder zumindest unserer Vorstellung davon. Ein Bild davon kann man sich derzeit in „Ophelia’s Got Talent“ an der Volksbühne machen. Dass Holzingers Inszenierungen auch über die Bühne hinaus faszinierendes Bildmaterial abgeben, hat der Fotograf Ashkan Sahihi früh erkannt.

Sahihi, der im New York der 80er- und frühen 90er-Jahre die ganz Großen der Kunst und Kultur fotografierte, hat jetzt einen auflagenlimitierten 2023-Kalender über Florentina Holzinger produziert. Er begleitete Holzinger und ihr Ensemble bei den Proben vor und hinter der Bühne. Ästhetisch spielt er mit dem Motiv des Pin-up-Kalenders, zeigt aber selbstbestimmte Frauenkörper. Am Freitag, 18. November, 19 Uhr wird der Kalender im Künstlerhaus Bethanien in Anwesenheit von Sahihi und Holzinger vorgestellt – im Rahmen der Ausstellung „MANIFEST Yourself! (Queer-)Feministische Manifeste seit den Suffragetten“. Zu weißen Kleidungsstücken wird eher nicht geraten. Hanno Hauenstein

Kalender-Vorstellung, Fr., 18. November im Künstlerhaus Bethanien, als Teil der Ausstellung „MANIFEST Yourself! (Queer-)Feministische Manifeste seit den Suffragetten“