Da müssen Sie am Wochenende hin: Die Kulturtipps der Redaktion

Diese Woche empfehlen wir: ein 20er-Jahre-Revival, jüdische Gärten, einen sehr besonderen Adventsmarkt und nackte Berliner.

Uroš Pajović/BLZ

Die Zwanziger kommen wieder – mit der Nummernrevue „Berlin, Berlin“

„Berlin, Berlin“
„Berlin, Berlin“Christian Kleiner

Der Hype um die 20er-Jahre in Berlin scheint niemals zu Ende zu gehen. Erst kürzlich hatte die neue Staffel von „Babylon Berlin“ Premiere, laufend kann man in Berlin Swing tanzen und nun kommt auch noch eine Show in den Admiralspalast an der Friedrichstraße zurück, die den Goldenen 20er-Jahren gewidmet ist: „Berlin Berlin“. Weltpremiere hatte sie hier im Dezember 2019, aber man kann ruhig noch mal reingehen, so sehr ist sie überarbeitet worden. Erinnert wird an die Femme fatale Anita Berber, Marlene Dietrich sowie Josephine Baker mit ihrem verrückten Charleston, auch Revuegirls treten auf. Ein Live-Orchester begleitet Songs wie „Bei mir bist du schön“, „Ich bin von Kopf bis Fuß auf Liebe eingestellt“, „Puttin’ on the Ritz“ und „Mackie Messer“ – und auch zahlreiche Lieder der Comedian Harmonists. Man darf sich auf eine Nummernrevue einstellen. Susanne Lenz

Berlin, Berlin bis 8. Januar im Admiralspalast, Tickets hier


Die Ehre – ein Quell der Eitelkeit und des Slapsticks

Danke für den Weihnachtskalender, du bist ein Ehrenmann! Oder: Ich hab die Schokolade nicht geklaut, du Ehrenloser! Der Begriff der Ehre hat bei der jüngeren Generation wieder Konjunktur. Für den preußischen Major Tellheim, der nach dem Siebenjährigen Krieg mit einer Armverletzung und einem Korruptionsverfahren an der Backe und noch dazu pleite mehr oder weniger zufällig seine Minna von Barnhelm wiedertrifft, ist die Freude wegen der Ehrverletzung nur gedämpft – und schon beginnen die Missverständnisse. 

Anne Lenk hat aus Lessings schwungvoll überkonstruiertem Stück im Deutschen Theater jetzt eine Slapstickparade mit clownesken Typen inszeniert, die sehr gelenkig mit Kopf, Zunge und Gliedern die grotesken Wendungen im Spiel der Eitelkeit – die ja die Rückseite der Ehrenmedaille ist – mit Lust herbeiführen oder notgedrungen mitmachen. Das ist ein großer Spaß über die Machtverhältnisse zwischen den Geschlechtern, wie er auch in der Gegenwart noch lange nicht ausgetragen ist und überhaupt viel mehr Spiel und Freude vertragen könnte. Ulrich Seidler

Minna von Barnhelm Sa., 3. Dez., 20 Uhr, weitere Vorstellungen am 25. und 31. Dezember, Karten und Informationen unter Tel.: 28 44 12 25 – oder unter: deutschestheater.de


Jüdische Gärtnerei im HKW

Den jüdischen Garten gibt es nicht. Sprich, keine Tradition eines solchen. Jedenfalls nicht, wie man sich einen Garten in der Regel vorstellt: als abgegrenzten Raum mit erkennbaren ästhetischen Merkmalen und Pflanzen. Doch die Metapher trägt: Die „politische Aufgabe des Jüdischen“, schrieb Stefan Zweig etwa zu Beginn des 20. Jahrhunderts, sei es, „Nationalismus zu entwurzeln“. Zugleich aber spielt das Wurzelschlagen und die Wurzelsuche bekanntlich eine ebenso entscheidende Rolle in jüdischer Geschichte – und trug zig literarische Blüten zutage. Dem gehen die Herausgeber:innen Itamar Gov, Hila Peleg und Eran Schaerf in diesem Band auf die Spur.

Und so haben sie in dem Band meist mehrsprachige Aphorismen zusammengetragen – von biblischen Texten über Briefauszüge, von Autorinnen wie Rosa Luxemburg und Nelly Sachs, zu Schriften von Edmond Jabès oder Olga Tokarczuk. Der Band untersucht das jüdische Denken durch darin beschriebene Landschaften und Pflanzen, mit rund 160 Texten aus unterschiedlichen Sprachräumen und Epochen – von Akazien in einem Text von Clarice Lispector über eine Zwiebel aus der Hebräischen Bibel bis hin zum Mohn eines Abraham Sutzkever. Die Herausgeber:innen verstehen das ganze als eine Art „Bestimmungsbuch für eine unbestimmbare jüdische Identität“. Wer dem folgen will, kann das Samstagabend tun, im Haus der Kulturen der Welt. Hanno Hauenstein

Ein jüdischer Garten – Buchvorstellung mit Itamar Gov, Hila Peleg und Eran Schaerf. Samstag, 18–19 Uhr, Haus der Kulturen der Welt, John-Foster-Dulles-Allee 10.
Eintritt frei


Open House mit Winterfest im Silent Green

Es gibt Adventsmärkte, für die das Wort Adventsmarkt eigentlich nicht ausreicht. Paradebeispiel: das Open House mit Winterfest im Silent Green am zweiten Adventswochenende. Was sich das Team hier ausgedacht hat, ist nicht weniger als ein Kulturfestival deluxe: Live-Konzerte, DJ-Sets und Kinoscreenings (teils sogar mit Live-Musik-Vertonung). Am Samstag und Sonntag bespielen sie das ganze Areal des Silent Green, samt Betonhalle, Kuppelhalle und Ateliers. Auf gar keinen Fall verpassen sollte man etwa das Konzert des nigerianischen Berliners Wayne Snow am Sonntag um 14 Uhr.

Auf dem Markt gibt es dann handgefertigte und upgecycelte Schmuckstücke aus der Umgebung. Wer schon alle Weihnachtsgeschenke für die Liebsten besorgt hat, kann das bei DJ-Sets in der clubbigen Betonhalle zelebrieren – präsentiert von einem der besten Electro-Labels, die Berlin zu bieten hat: !K7 Music, weltbekannt durch seine DJ-Kicks-Compilation-Reihe. Dass das Winterfest im Silent Green ein Next-Level-Adventsmarkt ist, beweist vermutlich am besten das finale Sonntagabend-Screening des queerfeministischen Experimentalfilms „Christmas On Earth“ von Barbara Rubin. Es ist ein Konterprogramm zum prüden „Tatort“: eine knapp halbstündige, wilde Weihnachtsorgie. Der Soundtrack wird live beigesteuert von der (übrigens auch von Regisseur David Lynch sehr geschätzten) Post-Punk-Band Xiu Xiu. Das Unglaublichste: Der Eintritt für das ganze Festival ist kostenfrei. Bleiben also noch ein paar Euronen mehr für edle Geschenke. Stefan Hochgesand

„Open House mit Winterfest“ im Silent Green, Gerichtstraße 35, Sa., 3. Dez, ab 14 Uhr + So., 4. Dez., ab 12 Uhr, silent-green.net


Im Kino: „Call Jane“. Hilfe bei der Abtreibung

Selten hat man so eine gruselige Männergemeinschaft gesehen wie die, der die Amerikanerin Joy (Elizabeth Banks) Ende der 60er-Jahre gegenübersitzt: ein ärztliches Berater-Konsil. Joy hat eine Tochter und ist wieder schwanger. Eine Besonderheit an ihrem Herzen lässt allerdings befürchten, dass sie eine zweite Geburt nicht überleben wird. Der medizinische Befund liegt vor. Weil aber die Überlebenschancen des Babys davon nicht beeinträchtigt sind, entscheiden die Herren, der Frau einen Schwangerschaftsabbruch nicht zu erlauben. Der von der bisher als Drehbuchautorin bekannten Phyllis Nagy inszenierte Film „Call Jane“ zeigt, in welche Albträume Frauen in konservativen, patriarchalen Gesellschaften getrieben werden. Heimliche Schwangerschaftsabbrüche sind gefährlich und teuer. In vielen Ländern der Erde bis heute.

Der Film, der wahren Ereignissen folgt, erzählt von einem Netzwerk, das unter dem Codewort „Call Jane“ saubere und sichere Abtreibungen ermöglicht. Joy wird Teil der Gruppe, und man kann hier ihre Wandlung von der braven Gattin zur cleveren, engagierten Bürgerin sehen. Das ist ermutigend, auch wenn man sich mit dem Wissen der Gegenwart noch etwas mehr feministisches Feuer wünschen könnte. Interessant ist vor allem die Mischung der Frauen, die sich hier engagieren. Es geht um das Grundrecht auf selbstbestimmtes Leben und um individuelle Schicksale. Und: Nicht alle Männer in diesem Film sind schrecklich. Cornelia Geißler

Call Jane. Jetzt im Kino, z. B. Delphi Lux, Filmkunst 66, Kulturbrauerei, Toni


Berliner Nacktkalender mit Ausstellung

Die Club Mate auf dem Popo balancierend im Späti, schaukelnd im Schendelpark oder skatend im U-Bahnhof Hermannplatz: Die holländische Fotografin Lara Verheijden will zur Evolution des Nacktkalenders beitragen – und hat auf dieser Mission zum dritten Mal einheimische Amateur-Aktmodels in der Hauptstadt fotografiert. Den „Berliner Nacktkalender ‚23‘“ feiert die Künstlerin an diesem Wochenende sogar mit einer Ausstellung im Non-Profit-Kunstraum „gr_und“ in Wedding. Claudia Reinhard

Ein Berliner Model vor der Museumsinsel
Ein Berliner Model vor der MuseumsinselLara Verheijden

Ausstellung am 2., 3. und 4. Dezember, gr_und Project Space, Seestraße 49, Eintritt frei. Eröffnung am 2.12. um 20 Uhr


Angebote fürs Wochenende aus dem Ticketshop der Berliner Zeitung: