Da müssen Sie zum Jahreswechsel hin: Die Kulturtipps der Redaktion

Unsere Kulturredaktion hat für Sie Event-Kalender durchforstet. Diesmal: von dissidentischer Kunst aus Russland bis zur queeren Neujahrsshow in der Volksbühne.

Uroš Pajović/BLZ

Das Neujahrskonzert der Komischen Oper: „Frankenstein!“

Am frühen Abend könnte man am 1. Januar doch schon wieder so weit sein, sich in der Komischen Oper ein Neujahrskonzert anzuhören. Sie nennen es „Frankenstein!“, nicht nur, weil sich nach einer wilden Silvesterparty viele ein wenig wie Frankenstein fühlen könnten. Sondern auch, weil die gleichnamige Komposition des österreichischen Komponisten HK Gruber Teil des Programms ist – die mitreißende, manchmal wie ein Kinderlied klingende Musik zu Hans C. Artmanns dadaistisch wirkenden Gedichten, die kein anderer interpretieren dürfte als Max Hopp.

Max Hopp ist Teil des Neujahr-Programms.
Max Hopp ist Teil des Neujahr-Programms.Jan Windszus

Es gibt niemanden, der dafür besser geeignet wäre. James Gaffigan dirigiert zudem Engelbert Humperdincks Ouvertüre „Abendsegen“ und „Traumpantomime“ aus „Hänsel und Gretel“, Joseph Haydns Ouvertüre zu „Die Schöpfung“, Leonard Bernsteins „Three Dances Episodes “ aus dem Musical „On the Town“ sowie Manuel de Fallas „Danza Ritual del Fuego“ aus dem Ballett „El Amor Brujo“. Wenn das nicht der geeignete Soundtrack dafür ist, die guten Vorsätze fürs neue Jahr noch mal zu überdenken. 
Susanne Lenz

Frankenstein! Komische Oper, 1. Januar, 18 Uhr. Kartentelefon: 030 47 99 74 00 oder online unter: www.komische-oper-berlin.de


Ein Feuerwerk des Bekennens: „Mother Tongue“ am Gorki

Mit dem empowernden Dokumentar- und Bekenntnistheaterabend „Mother Tongue“ von Lola Aurias besinnt sich das Gorki-Theater ganz auf sich. Und auf seinen biografisch-politischen Ansatz, den es seit Shermin Langhoffs Amtsübernahme 2013 verfolgt. Es geht um Fortpflanzung und Identität, offenbar zwei Inhalte oder gar Kampfziele eines gelungenen Lebens, zumindest wenn man die Personen auf der Bühne von ihren Schicksalen erzählen hört.

Wer ist man, was gehört einem von sich selbst, was gibt man ab, wenn man Eltern wird? Was verliert man, wenn man auf das Elternwerden verzichtet? Welche Macht haben Konventionen, Kultur und Moral über uns? Wie tragisch oder wie überwindbar sind die Konflikte, in die wir uns stürzen, wenn wir gegen sie aufbegehren? Jedes Leben ist ein dramatischer Einzelfall, die Solidarität beginnt mit dem Erzählen. „Mother Tongue“ setzt dafür die nötige Energie frei. Ulrich Seidler

Mother Tongue. 31. Dezember, 1. Januar, jeweils 18 Uhr im Gorki, Karten unter Tel.: 030 20 221 155 oder unter: www.gorki.de


Dissidentische Kunst in Kriegszeiten

Die Augen der Welt waren 2022 bekanntlich auf Millionen Ukrainer:innen gerichtet, die vor Russlands brutaler Invasion flohen. Aber auch viele Russ:innen verließen dieses Jahr ihre Heimat. Und zwar in einem Tempo, das es seit Zusammenbruch der Sowjetunion wohl nicht mehr gab. Diese Menschen fliehen in der Regel nicht vor Bombenangriffen, sondern vor der eigenen Regierung: vor Wehrpflicht, Strafdienst und vor massiver Einschränkung der Rede- und Pressefreiheit. Insbesondere die liberale Intelligenzija und politische Opposition Russlands haben sich inzwischen zu Abertausenden auf den Weg in Nachbarländer wie Georgien und Armenien gemacht. Einige sind nach Kirgisistan und Kasachstan geflohen, andere in nahöstliche Länder, wo sie kein Visum benötigen. Wieder andere haben per Auto auf den Weg gen Westen gemacht. Viele landeten in Berlin. 

Eine gruselige Dystopie des Künstler-Duos Nadya und Sasha Svirsky: die Meinungsfreiheit am Fleischerhaken
Eine gruselige Dystopie des Künstler-Duos Nadya und Sasha Svirsky: die Meinungsfreiheit am FleischerhakenNadya und Sasha Svirsky

In den Räumlichkeiten der Organisation MiCT (Media in Cooperation and Transition) haben eine Reihe von ihnen jetzt die Ausstellung „Dissidents“ eröffnet – eine Ausstellung russischer und belarussischer Kunst- und Medienschaffender im Exil. Alle Teilnehmenden sind aus Sorge vor politischen Repressionen nach Berlin geflohen. Manchmal, weil sie selbst politische Drohungen erlebt haben. Häufiger auch einfach, um sich nicht an politischen Lügenkonstrukten beteiligen zu müssen, sprich, um ihre persönliche Integrität zu wahren. Dass die Ausreise fast immer einen Verlust an Wohlstand und Status, aber auch einen Gewinn an Meinungsfreiheit bedeutete, spiegelt sich hier in dieser Kunst. Unter den Teilnehmenden der Ausstellung sind unter anderen Anna Demidova, Dmitry Brushko, Sergey Ponomarev, Karen Shainyan, Nikolay Kononov, Angelina Davydova sowie Nadya und Sasha Svirsky. Hanno Hauenstein

Dissidents. MiCT, Brunnenstraße 9 – noch bis 31.12.2022. Am Samstag von 10–16 Uhr geöffnet sowie nach Vereinbarung. Kontakt: Klaas Glenewinkel: 0151 504 23 455


Schaufensterkunst: Ukrainische „Screen[far]shots“

„Untitled to war I“ – so nennt die 1992 geborene Ukrainerin Victoria Pidust ihr Panoramabild. Es entstand vor Monaten in Kiew, es ist ein Motiv im Fototagebuch der jungen Künstlerin. Auf den ersten Blick wirkt alles ein wenig abstrakt. Dann entpuppen sich die grauen und farbigen Brocken als Fragmente eines von einer (russischen) Rakete zerstörten Einkaufszentrums. Mithilfe der Fotogrammetrie und Künstlicher Intelligenz erstellte Pidust die finalen 2D-Bilder, wobei sie bewusst mit der Fehlerhaftigkeit digitaler Scans spielt und so Fragen nach Wahrhaftigkeit, Propaganda und der Verwendung von Deepfakes aufwirft.

„Untitled to war I“ nennt  Victoria Pidust aus Kiew  ihr Panoramabild im KVOST-Schaufenster.
„Untitled to war I“ nennt Victoria Pidust aus Kiew ihr Panoramabild im KVOST-Schaufenster.KVOST/Victoria Pidust

Der Kunstverein Ost (KVOST) in Mitte startete damit kürzlich ein Schaufensterkunst-Projekt, für das es keine Öffnungs- und Schließzeiten gibt, zumindest nicht bis zum Einbruch der Nacht, wo die Berliner schlafen können, anders als in Kiew, Charkiw oder Cherson. „Screen[far]shots“ will die Passanten zum Stehenbleiben bewegen, den Blick weg vom Bildschirm oder dem Handydisplay für ein paar Minuten auf das KVOST-Schaufenster, um die schiere Menge der unablässig auf uns einstürmende Berichterstattung wortlos zu „beleuchten“: Krieg in Europa. Der ukrainische Präsident kämpft wie kein Staatsoberhaupt vor ihm mit den Mitteln eines Medienprofis. Putins Russland erwidert diesen Kampf mit Fake News und digitaler Sabotage. Mittels multimedialer Positionen versucht „Screen[far]shots“ die Aufmerksamkeit wieder auf das zu lenken, was entscheidend ist: Empathie. Gegen das Wegsehen und Abstumpfen sucht KVOST still und stumm einen anderen Weg. Den des Innehaltens. Ingeborg Ruthe

KVOST-Schaufenster, Leipziger Str. 47/Jerusalemer Str., beleuchtet tgl. 14–22 Uhr. Bis bis 21. Januar 2023


„Legends of Entertainment – die große Neujahrsshow“ in der Volksbühne

Es geht doch nichts über gepflegte Neujahrsrituale, passenderweise am 1. Januar, einige Wochen, bevor wir unsere guten Neujahrsvorsätze final über Bord werfen und die besten ins nächste Jahr verfrachten. Immer am 1. Januar trifft man sich vortrefflich schön in der Volksbühne, seit Jahr und Tag. Zwar sind dann alle noch geschlaucht vom Vorabend, die Charlottenburger:innen vom Champagner-Dinner und die Neuköllner:innen vom Böllern. Aber das Neujahrskonzert an der Volksbühne ist immer ein Erlebnis – auch wenn es inzwischen gar nicht mehr so heißt, sondern, extra fancy: „Legends of Entertainment – die große Neujahrsshow“. Hört, hört!

Wer ist dabei? Die PR-Abteilung der Volksbühne weiß es: „Denice Bourbon, der aufgehende, lesbische Stern am Stand-up-Himmel, Christiane Rösinger, legendäre Berliner Songwriterin und Galaistin, und Stefanie Sargnagel, Kultpoetin aus der Wiener Vorstadtkneipe.“ Doch die drei haben sich ihrerseits wiederum erlauchte Gäste geladen, etwa den Glamour-Harfenisten Hans Unstern mit seinen „Bonbons aus Plastik“. 2023? Das kann und soll heiter werden! Stefan Hochgesand

Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz, Sonntag, 1. Januar 2023, 20 Uhr, VVK 20 Euro


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