Als wieder mal Bürgerkriegsopfer verbrannt werden in Sri Lanka, auf einem großen Scheiterhaufen, kann der Rebellen-Tiger Dheepan nicht mehr. Der Tamile wirft seine Uniform ins Feuer, das die Toten verzehrt. In einem Flüchtlingslager lernt er die 24-jährige Yalini kennen, und dann ist da noch ein kleines Mädchen: Illayal gehört zu den vielen Waisen, die Krieg und Terror produzieren. Mit den Papieren einer ermordeten Familie bilden die drei eine Familie, Mann Frau, Kind – so glückt die Einreise nach Frankreich.

„Dheepan“ heißt die neue Regiearbeit des französischen Meisters Jacques Audiard; im vergangenen Mai gewann der Film die Goldene Palme des Festivals von Cannes. Für den deutschen Kinostart wurde dem Originaltitel nun „Dämonen und Wunder“ hinzugefügt, was die Sache, um die es hier geht, nicht wenig banalisiert. Das mit den Dämonen ist zwar richtig: Unter denen des erlebten Krieges leiden Dheepan, Yalini und Illayal auch, nachdem sie sich in einem Pariser Vorort niedergelassen haben. Doch ein Wunder gibt es nicht. Vielmehr ist diese Notgemeinschaft aus drei Flüchtlingen, die sich der besseren Asylchancen wegen als Familie ausgeben, vom Regen in die Traufe geraten. Und auch diese Formulierung banalisiert es unzulässig: Dheepan, Yalini, Illayal sind dem Bürgerkrieg entkommen, nur um in einen anderen Krieg verstrickt zu werden.

Gangs und Dealer

Zunächst läuft es gut: Der Beamte von der Asylbehörde schluckt die Geschichte der drei, und Dheepan findet eine Anstellung als Hausmeister in einer Hochhaussiedlung. Doch das Viertel wird von Gangs und Dealern beherrscht, so dass die Versuche des Neulings, hier eine zivile Ordnung und Struktur zu schaffen und aufrechtzuerhalten, zum Scheitern verurteilt sind. Es gilt ja bereits ein Gesetz – das der Straße.

Jacques Audiards Film konzentriert sich zunächst radikal auf die Perspektive der Protagonisten: auf ihre Adaptionsschwierigkeiten in der westlichen Kultur ebenso wie auf ihren festen Willen, sich im fremden Land eine bescheidene Existenz aufzubauen. Ohne Betroffenheitspathos werden allgemeine zwischenmenschliche Konflikte etabliert: Yalini ist weder erpicht auf die Mutterrolle für Illayal, noch gedenkt sie, Dheepan tatsächlich eine Ehefrau zu sein. Sie hat indes kaum eine Wahl, auch der Mann und das Kind haben keine – auf der Lüge von der Familie gründet ja ihre Zukunft. Die Notgemeinschaft ist also eine Zwangsgemeinschaft.

Alltag in der Banlieu

Vor der Folie „familiärer“ Spannungen weitet sich die Perspektive dann aber bald ins Gesellschaftliche – auf eine migrantische Welt voller Armut, Rassismus und Gesetzlosigkeit. Was in den französischen Banlieues vor sich geht, muss man heute kaum mehr jemanden erzählen. Die Bilder von Straßenschlachten, die Nachrichten von No-Go-Areas, die selbst von der französischen Polizei gemieden werden, füllten die Medien, lange bevor an die Pariser Attentate zu denken war. So ist das marode Hochhausviertel, in dem Dheepans „Familie“ lebt, fest in der Hand afrikanisch-stämmiger junger Männer, die ihre eigenen Kriege führen mit anderen Gangs.

Der Bürgerkrieg in Sri Lanka holt den Hausmeister auf verlorenem Posten dann nicht nur in Form metaphorischer Dämonen ein, sondern in Gestalt eines Ex-Befehlshabers der Tamilen-Rebellen, der durch Folter hochbrisante Dienste von Tiger erzwingen will. Audiards Film arbeitet hier mit der Biografie des Hauptdarstellers Jesuthasan Antonythasan, der als Kindersoldat der „Liberation Tigers of Tamil Eelam“ gedrillt wurde. Ihm glückte die Flucht nach Thailand; inzwischen lebt er als Schriftsteller und Schauspieler in Paris.

Rabiate Exklusinsmechanismen im Fokus

Die Argumente des rechtspopulistischen Front National in Frankreich oder von AfD und Pegida in Deutschland dürfte, was in „Dheepan“ gezeigt wird, womöglich befeuern. Dabei nimmt dieser Film vielmehr ein auch in Deutschland akutes Phänomen in den Fokus: Nicht allein das vielzitierte Versagen des Staates im Verbund mit Fremdenfeindlichkeit, sondern die rabiaten Exklusionsmechanismen innerhalb der aus ganz verschiedenen Kulturen stammenden Flüchtlinge und Migranten. In diesem Kontext sind selbst quartierinterne Versuche, sich zu intergieren, zum Scheitern verurteilt. Yalini ist nicht religiös, beginnt aber, Kopftuch zu tragen, um nicht aufzufallen in ihrem Job – sie pflegt einen alten Muslim, in dessen Wohnung Drogengeschäfte abgewickelt werden.

Am Ende ist Dheepan ein Mann, der rot sieht. Und Jaques Audiard liefert auch mit diesem Film keine Kunst mit Stoßdämpferfunktion. Von einer feindlichen Umgebung in eine andere feindliche Umgebung zu wechseln – das ist die Hölle, die Flüchtlinge erwarten kann. All jenen Politikern, die von Willkommenskultur faseln, ohne die Realität des Flüchtlingsalltags anzuerkennen, sei es ins Stammbuch geschrieben.