Der Siegerentwurf.
Simulation: Dorte Mandrup Arkitekter A/S, Kopenhagen

BerlinBerlin soll ein Exilmuseum erhalten. Genauer: Ein Museum des von der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft ausgelösten Exils in der Zeit zwischen 1933 und 1945, das hinter der Ruine des Anhalter Bahnhofs auf dem Gelände von dessen einstiger Eingangshalle entstehen soll. Am Freitag wurden die drei Preisträger vorgestellt, Siegerin ist die dänische Architektin Dorte Mandrup, den zweiten Preis erhielt das New Yorker Büro Diller Scofidio + Renfro, der dritte ging an das Berliner Büro Bruno Fioretti Marquez.

Das Konzept des Museums ist wegen seiner thematischen Beschränkung auf die NS-Zeit und das deutschsprachige Mitteleuropa seit geraumer Zeit umstritten. Schließlich ist Exil eine Grunderfahrung der Moderne, die derzeit aus Hongkong durch den Machtanspruch der Kommunistischen Partei Chinas oder gerade auch in Belarus neue Nahrung erhält. Anderseits leuchtet ein Exilmuseum gerade in Berlin, das so viele Exilanten aufnahm und so viele Menschen vertrieb, unmittelbar ein.

Dorte Mandrups Entwurf ist – wie viele ihrer Arbeiten – vor allem städtebaulich gedacht. Es soll den als ausufernd empfundenen Askanischen Platz schließen und ihm eine Ordnung geben. Diesem Ziel und jenem, den Portalrest des Bahnhofs als Denkmal zu inszenieren, ist alles andere untergeordnet. Darum gibt es die große Geste der gebogenen Fassade hinter dem Portal, die reizvolle Passage zwischen diesem und dem eigentlichen Bau. Geradezu brutal dagegen ist die zum dort befindlichen Sportplatz gerichtete Front aus Ziegelsteinen, nur mit schlitzartigen Fenstern geöffnet, um die Ausstellungsbereiche im Schatten zu lassen. Und der Sockel löst sich auf in zwei langgestreckte, flache Bögen, von denen der eine mit der Ecke des Baus aufhört, diesen also ästhetisch geradezu in der Luft schweben lässt. Damit werden hier die indiskutabel langen Verbindungsrampen zwischen dem vom Bezirk Kreuzberg durchgesetzten Sportbereich im Museumsbau und den angrenzenden Sportplätzen kaschiert. Ähnlich sind die Grundrisse nur auf den ersten Blick großzügig, indem Foyers, Cafés und Auditorien den Raum gliedern. Kleinteiligere Nutzungen dagegen scheinen behelfsmäßig eingepasst.

Aber wie sollen hier Ausstellungen entstehen, die das ganze Haus bespielen? Und vielleicht ist es doch keine so kluge Idee der Initiatoren und des Bezirksamts, zwei so extrem unterschiedliche Zwecke wie erinnerndes Ausstellen und aktiven Sport in ein Haus zu zwingen. In Mandrups Entwurf ist damit weder dem Sport noch dem Exilmuseum etwas Gutes getan. Jeder Schuppen am Spielfeldrand dürfte den Zweck besser erfüllen.

Der Entwurf des Berliner Büros Bruno Fioretti Marquez
Foto Bruno Fioretti Marquez

Noch pathosgeladener ist das Projekt des Berliner Büros Bruno Fioretti Marquez, auch dieses aus Ziegelsteinen, die wohl an den einstigen Bahnhofsbau erinnern sollen. Sie nutzen das Portal als Eingang, fügen es ein in einen neuen, trotz der gar nicht so großen Abmessungen monumental geschlossenen Bau, der im Inneren sofort die Erinnerung an die Architektursäle im Pergamonmuseum oder im Humboldt-Forum und an die Kargheit des Nachkriegswiederaufbaus der Alten Pinakothek in München aufkommen lässt. Effiziente Grundrisse, klare Gliederung prägen diese Arbeit – aber auch hier ist der Sportplatz bestenfalls Nebenfläche.

Ganz anders dagegen Diller Cofidio + Renfro. Vielleicht, weil in Amerika solche Doppelnutzungen nicht unüblich sind. Sie jedenfalls haben einen von Glas und Holz und viel Grün geprägten Entwurf vorgelegt, der eine Heiterkeit ausstrahlt, die erst einmal aufatmen lässt. Hier wird schon in den Zeichnungen und nicht nur im Schriftlichen klar, dass Museen im Zeitalter des Klimawandels auch ökologischen Zielen dienen müssen. Vor allem aber haben die New Yorker auch die unterirdischen Reste des Bahnhofs mit in ihr Konzept einbezogen – und damit mehr Geschichtsbewusstsein gezeigt als die Siegerin und die Berliner.

Wohlgemerkt: Hier wurden wieder einmal, wie es Unsitte geworden ist, nur die drei Siegerarbeiten vorgestellt, um so eine mögliche Debatte gleich zu kanalisieren. Unmöglich aber kann dieser Wettbewerb auf diese Weise nur halbwegs gerecht beurteilt werden. Das wird erst nach dem 28. September möglich sein, wenn alle von den neun beteiligten Büros eingereichten Projekte in der Neuen Staatsbibliothek am Kulturforum gezeigt werden. Zu hoffen ist, dass der kleine Saal auch wirklich für alle eingereichten Pläne ausreicht.