Gabi Delgado-Lopez von DAF.
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BerlinAb Ende der 70er-Jahre wurde es in der Popmusik schick, durchs Kokettieren mit Nazi-Symbolik zu provozieren. David Bowies berühmter Hitlergruß erregte die Gemüter ebenso verlässlich wie das Aufnähen von Hakenkreuzen auf Punk-Jacken. Doch erst ein in Deutschland aufgewachsener junger Spanier erhob die Terrorsymbolentfremdung 1981 zur Kunst: "Tanz den Mussolini" barschte Gabi Delgado-López die Hörerschaft im gleichnamigen Stück an, sicher der berühmtesten Moment seiner Band Deutsch-Amerikanische Freundschaft, kurz DAF.

Zu stilbildendem Synthesizergeschnatter und hektischem Disco-Schlagzeug - jeweils eingespielt von Bandkollege Robert Görl – brachte Delgado hier mit cartoonhafter, aber irgendwie auch ziemlich unheimlicher Kommandierstimme in ein paar Worten ganze Universen der Psychologie von Dominanz und Unterwerfung in Sex, Politik und Popstar-Publikumsbeziehungen zusammen – und kommentierte so die banaleren Fascho-Kokettierversuche anderer gleich mit.

Emitionaler Sog und konzeptueller Ansatz

Aber auch in vielen anderen DAF-Stücken - "Der Räuber und der Prinz", "Sato-Sato" oder "Kebab Träume" etwa – fallen diese Welten zusammen, greifen ineinander und bauen eine Spannung auf, die nie zur Katharsis führt, sondern sich ganz im Einklang mit der sie umgebenden Proto-Techno-Musik in Schleifen verfängt.

Diese Verknüpfung aus körperlich-emotionalem Sog mit deutlich konzeptuellem Ansatzwar ein Ergebnis der frühen Findungsphase von DAF, die Ende der 70er-Jahre im Düsseldorfer Ratinger Hof stattfand, einem Spielort der frühen Neue-Deutsche-Welle-Zeit, in dem Punks und Kunsthochschulstudenten aufeinandertrafen und via projekthaftes Herumdilettieren die Popmusik nach vorne trieben. Neben DAF durchliefen hier etwa auch Fehlfarben oder Mania D ihre formative Phase; doch einzig DAF zogen die Konsequenz, der Nutzung von Gitarren gänzlich den Rücken zu kehren, da der selbst eher an Disco geschulte Delgado zwar von der Aufbruchsstimmung und Do-it-yourself-Attitüde des Punk begeistert war, von dessen Festhalten an altmännlichen Rockstrukturen aber eher nicht.

DAF zogen 1980 nach London,ließen sich vom Look der dortigen Skinhead-Szene inspiriren und machten bald die Bekanntschaft von Daniel Miller, dessen frisch gegründetes Label Mute Records durch Künstler ähnlicher postindustrieller Düsternisausrichtung – Depeche Mode, Nick Cave, die Einstürzenden Neubauten bis hin zu Moby – zu einer der größten Erfolgsgeschichten in der Welt der Independent-Labels wurde.

Dem Moment verschrieben

Auf Mute erschien das zur Hälfte von Produzenten-Legende Conny Plank gemischte Album "Die Kleinen und die Bösen", eine punkige Minimierung des Krautrock. DAF schrumpften vom Quartett zum Duo, und mit dem Folgealbum "Alles ist gut" stand dann der klassische DAF-Sound: eine frühe Variante von Electro – und doch so viel mehr; dank Delgados Talent für konzeptuell weit geöffnete Slogans - "Verschwende deine Jugend" - , das laut eigener Aussage aus seiner außenseiterhaften Aneignung der deutschen Sprache geboren wurde. 1966 zog Delgado achtjährig aus dem Córdoba nach Nordrhein-Westfalen. Nach der Trennung von DAF nahm Delgado Solo-Alben auf, wurde Ende der 80er-Jahre in Berlin zu einem frühen House-Musik-Exponenten und kehrte später wieder nach Córdoba zurück.

DAF kamen immer mal wieder nach Berlin, zuletzt anlässlich des CTM-Festivals 2018. Mit welcher Hingabe sich Delgado-López dabei auf der Bühne des Festsaals Kreuzberg der Liebe, dem Moment und der Musikekstase verschrieb, wie seine einst durch dumpfen deutschen Schlager inspirierten Worte so ganz andere Konnotationen als jenes rechtslastige Genre weckten, wird mir immer in Erinnerung bleiben. Nun ist Gabriel Delgado-López überraschend im Alter von 61 Jahren gestorben.