Dagmar Manzel posiert für ein Foto in Berlin.
Foto: Berliner Zeitung/Paulus Ponizak

BerlinWir treffen uns in der Komischen Oper. Dagmar Manzel hat gerade Proben hinter sich. Sie ist glücklich, dass das wieder möglich ist - proben. Mit Arnold Schönbergs Liederzyklus „Pierrot Lunaire“ und Samuel Becketts „Not I“ hat sie am 30. September Premiere. 

Berliner Zeitung: Frau Manzel, können Sie uns schildern, wie Sie die letzten Monate erlebt haben?

Dagmar Manzel: Im März fiel der Hammer. Von heute auf morgen war alles weg. Ich bekam die Nachricht, dass alle Vorstellungen ausfallen. Auch die Dreharbeiten zum „Tatort“ wurden abgebrochen. Ich fragte mich: Wie geht das weiter? Wie lange wird es dauern? Da war die Angst, dass alles, was ich mir aufgebaut habe, einfach verschwindet.

Sie haben ja keine feste Anstellung. Wie war die Lage wirtschaftlich?

Ich habe mich das erste Mal in meinem Leben arbeitslos melden müssen. Wobei ich nicht in solche existenziellen Katastrophen gekommen bin wie viele freischaffende Künstlerinnen und Künstler. Ich habe aber schon zum ersten Mal gedacht: Was machst du jetzt? Es war das erste Mal, dass ich mich auf meine Rente gefreut habe. Wobei wir in Deutschland tolle Bedingungen haben, was die Unterstützung von Kunst angeht. Wir können von Glück reden, dass wir in Deutschland leben. Kein Land unterstützt die Kunst und Kultur so sehr wie wir Deutschen. Das musste mal gesagt werden! Was mich in der Zeit besonders berührt hat, dass sich viele Menschen bei mir gemeldet und mir Hilfe angeboten haben.

Wie haben Sie gelebt ohne Publikum?

Das war als ob jemand einen Stecker rauszieht. Ich bin eine Macherin, ich brauche das Publikum, das Feedback. Auf einmal war ich auf mich zurückgeworfen.

Haben Sie gedacht: Das könnte mir auch passieren, dass Sie nie mehr auftreten können?

Diese Diskussion gab es nach der Wende: Keiner wird mehr ins Theater, keiner ins Kino gehen. Damals waren die Theater leer. Aber der Hunger, Kunst gemeinsam zu erleben, ist groß. Und das Erlebnis Theater ist nicht zu toppen. Mit keinem Fernsehprogramm und keiner Aufzeichnung. Wie so ein Abend stattfindet, wird er nie wieder stattfinden. Dieses Einmalige macht das Theater aus. So hat es in der Antike begonnen und so wird es immer bleiben. Das Theater wird nie tot sein. Never ever.

Aber es könnte ganz anders werden. Große Aufführungen sind ja kaum möglich …

Das stimmt, es wird anders sein. Vor allem, wenn im Publikum alle mit Maske dasitzen müssten. Das fände ich furchtbar. Aber das wird ja zum Glück irgendwann vorbei sein.

Sie sind ja nicht nur im Dialog mit dem Publikum, die Kunst ist Teil Ihres inneren Dialogs, sodass diese Isolationshaft für Sie eigentlich der Worst Case gewesen sein muss?

Das stimmt, aber da ich „Not I“ zu lernen hatte und die 21 Lieder von „Pierrot Lunaire“ war ich gezwungen, mich zu motivieren. Manchmal dachte ich: Vielleicht werden wir es nie aufführen. Aber egal. Dann hast du dich mit der tollsten Musik beschäftigt, mit einem Traum, den ich seit fast 40 Jahren habe – Arnold Schönbergs Lieder zu singen, beziehungsweise zu sprechen. Und mich mit Samuel Beckett auseinanderzusetzen, wofür ich sonst nie die Zeit gehabt hätte. Das war auf jeden Fall eine Bereicherung. Und meine Hilfe. Denn nur im Garten zu buddeln und mit Maske einkaufen gehen – das hätte mich deprimiert.

Schönberg hat Sie gerettet?

Schönberg und Beckett haben mich gerettet. Das stimmt. Mir bereitet es große Lust, den Schönberg zu interpretieren. Aber wie man’s macht, iss et falsch und macht man’s falsch ist es ooch nicht richtisch. Also versuche ich, einfach meinen Weg zu Schönberg zu finden. Ich kann davon nicht genug kriegen.

Wie sind Sie denn ausgerechnet auf Schönberg gekommen? Das ist ja das maximale Kontrastprogramm zu Heymann, Abraham oder Oscar Straus, also all den jüdischen Operetten, die Sie an der Komischen Oper singen.

Ich war 20 und habe eine Schallplatte geschenkt bekommen, auf der Helga Pilarczyk Schönbergs „Pierrot“ spricht. Es hat mich seit dem nicht mehr losgelassen.

Schönberg zählt ja zum Schwersten überhaupt. Wie war das, als Sie das einstudiert haben?

Ich tauche dann richtig ab. Das ist eine lustvolle Arbeit. Die Musik verführt mich. Diese Kraft, diese Naivität. Pierrot ist ja nicht nur ein Clown, sondern ein unverstandener Künstler, der an der Welt verzweifelt, der wütend wird.

Es ist schon verrückt. Sie kommen vom Schauspiel, haben nie Musik studiert und selbst für studierte Musiker gehört Schönberg zum Schwierigsten – und das machen Sie jetzt?

Ja, warum nicht. Man wächst an seinen Herausforderungen. Die Beckett-Monologe sind ja auch Musik. Sprache ist Musik. Und das gilt auch für die Texte von Albert Giraud, die Schönberg in „Pierrot Lunaire“ verarbeitet hat. Die ersten Lieder – da wird manchmal nur ein Wort gesungen, dann wird wieder gesprochen, gezischt, geflüstert, geschrien. Später im Zyklus wird kaum noch ein Wort gesungen. Es sind Lieder von einer schwebenden Schönheit. Sich von dieser Musik verführen zu lassen, ist für mich ein großes Glück. (singt sprechend) „Den Wein, den man mit Augen trinkt, gießt nachts der Mond in Wogen.“ Weil ich vom Schauspiel komme, habe ich sofort Bilder zu den Texten. Und die Musik ist so genial, sie spürt diese Texte auf, sodass es für mich nicht kompliziert ist. Wenn ich nicht Lust hätte, diese Bilder in mir zu fühlen, sie entstehen zu lassen, wenn ich nur Angst hätte, dass ich zur rechten Zeit das rechte Wort sage – dann könnte ich es nicht.

Foto: Berliner Zeitung/Paulus Ponizak
Zur Person

Dagmar Manzel, geboren 1958 in Berlin Friedrichshagen, hat an der Hochschule für Schauspielkunst „Ernst Busch“ Berlin studiert. Von 1980 bis 1983 war sie am Staatsschauspiel Dresden engagiert, von 1983 bis 2001 am  Deutschen Theater in Berlin. Seither arbeitet sie freiberuflich als Schauspielerin und Sängerin. 

In der Komischen Oper
war die Partie der Mrs. Lovett in „Sweeney Todd“ ihre erste Arbeit. Seitdem war sie dort in Paul Abrahams „Ball im Savoy “ und „Anatevka“ zu sehen sowie in zwei Operetten von Oscar Straus: als Cleopatra in „Perlen der Cleopatra“ und als „Eine Frau, die weiß, was sie will!“.

Das ist Zwölftonmusik, also etwas eigentlich sehr Abstraktes. Lernen Sie die Reihen, denken Sie daran?

Ich versuche, die Stimmungen nachzuzeichnen. Ich mache das nicht mit dem Kopf, sondern spüre dem Text nach. Und dann entstehen die Bilder: (singt erneut sprechend) „Den Wein, den man mit Augen trinkt, gießt nachts der Mond in Wogen.“

Der jüdische Revolutionär Schönberg nach den jüdischen Gassenhauern – steckt da eine Überlegung dahinter?

Ja. Ich mochte Schönberg immer. Und Kurt Weill. Sie lebten zur selben Zeit wie die Operetten-Komponisten. Und sie haben trotzdem etwas völlig Neues gemacht. Schönberg hat die Musik im ganzen 20. Jahrhundert verändert. Ohne ihn ist die Moderne nicht zu denken.

Es scheint, als ob die Radikalität seiner Musik gerade jetzt in Ihre Lebenszeit hineinpasst, in diese Ausnahmesituation mit Corona?

Absolut. Es ist selten, dass ich als Künstlerin etwas gemacht habe, von dem ich nachher dachte: Das hättest du besser sein lassen. Meistens kommen die Arbeiten zu mir. Zur rechten Zeit kommt das Rechte. In Klausur zu gehen, sich zurückzuziehen, nicht abgelenkt zu sein von Besuchen, viel allein zu sein, und dann diesen „Lunaire“-Text zu machen, und darin Wut, Verzweiflung, Unverstandensein, auch Erotik zu finden. Ich glaube, es war ein Glück, dass ich diese lange Zeit mit mir selber hatte. Ich hätte das in meinem üblichen Alltag gar nicht so intensiv tun können. Wahrscheinlich hätte ich es nicht einstudiert.

Nun ist die schlimmste Zeit der Isolation vorbei. Sie proben jetzt wieder. Wie ist das?

Es ist so ein schönes Gefühl. Wenn ich abends nach der Probe im Theater war, bin ich anfangs über die leere Bühne gegangen und habe den Theatergeistern zugeflüstert: Wir kommen bald wieder.

Es ist nicht der erste Bruch in Ihrem Leben. Hat Ihnen das jetzt geholfen?

Auch in der DDR hatte ich das große Glück an dem einzigartigen Deutschen Theater zu spielen. Die Wendezeit war für mich trotzdem auch eine Befreiung. Es war auf einmal so viel mehr möglich. Das war für mich wie eine Explosion. Ich hätte sonst zum Beispiel auch nie mit Barrie Kosky arbeiten können.

Sie haben Ihre künstlerische Arbeit in der Wendezeit ja auch sozusagen politisch begleitet, haben mit Heiner Müller „Hamlet/Hamletmaschine“ gemacht.

Es war interessant, in dieser Zeit mit Heiner Müller zu arbeiten. Er wird als Autor unvergessen bleiben. Es wird wieder eine Zeit kommen, in der man seine Stücke neu entdecken wird.

Weil?

Weil er eine so klare, realistische, unerbittliche Haltung hat zu dem Weltensystem, in dem Menschen seit Jahrtausenden miteinander kämpfen. Das hat er in seinen Stücken verarbeitet. Manchmal ist das schwer auszuhalten, aber er hat auch einen Humor. Er ist ein Autor, an dem sich viele Generationen reiben werden, reiben müssen.

Wenn Sie zurückdenken an diese Zeit, jenseits Ihrer persönlichen Entwicklung, und an heute denken: Sehen Sie Parallelen, was den gesellschaftlichen Umbruch angeht, die Ungewissheit?

Nein. Ich würde das nicht mit der Vereinnahmung der DDR vergleichen. Ich finde es gut, dass man jetzt beginnt, sich der Zeit und den Menschen in der DDR mit mehr Respekt zu nähern. Christa Wolf hat es so wunderbar in ihren Büchern beschrieben. Dass es neben dem System eine andere Gesellschaft gab, Menschen, die eigene Werte hatten, die sich nicht den Mund haben verbieten lassen. Ich glaube aber, dass die jetzige Situation eine große Chance birgt, Dinge grundsätzlich infrage zu stellen und zu ändern. Weil es einfach eine junge Generation gibt, die das einfordert. Die sagt: So geht es nicht mehr.

Haben Sie das damals schon als Vereinnahmung empfunden?

Ja. Es gab die große Hoffnung, eine neue Gesellschaft aufzubauen. Und dann haben der Markt und das Geld ganz schnell dazu verführt, nicht über die grundsätzlichen Chancen einer Wiedervereinigung nachzudenken. Und es ist auch ganz klar, dass Betriebe geschlossen worden sind, die schwarze Zahlen schrieben, deren Auftragsbücher voll waren. Jetzt erst wird das langsam aufgearbeitet. Aber es ist innerhalb von Monaten einfach mal ein ganzes System abgelöst worden, und die Leute mussten sich umstellen. Das fing bei der Geldkarte für den Bankautomaten an, ging übers Arbeitsamt, das neue Bildungssystem, bis hin dazu, wie man sich verkauft. Das hatte man ja alles nicht gelernt. Wie geht man damit um? Das hat große Löcher und Abstürze in vielen Biografien hinterlassen.

Sie waren da schon aus der Partei ausgetreten und in die katholische Kirche eingetreten.

Das war mein eigener Lebensweg. Der hatte ganz andere Ursachen. Man muss das in Relation sehen zu Menschen, die wirklich viel riskiert haben. Ich hatte persönliche Beweggründe und sehe mich nicht als Dissidentin, die auf die Barrikaden gegangen ist.

Hat Ihnen diese Entscheidung für die Religion geholfen, hilft Sie Ihnen heute?

Wichtig ist, dass ich aufgrund meiner Lebenserfahrung, aufgrund der Höhen und Tiefen, durch die ich ja auch gegangen bin, begriffen habe, wie wertvoll, wie schön dieses Leben ist. Und wenn man Familie hat, Kinder, Enkelkinder, dann ist das so ein Motor. Alles, was auf einen zukommt und nicht lösbar erscheint, ist gemeinsam doch irgendwie lösbar.

Sie haben vorhin gesagt, dass die junge Generation sich durchsetzt mit ihren Wünschen und Vorstellungen. Was macht Sie da optimistisch?

Mein Sohn. Und seine Freunde, die ich kenne, und die eine tolle politische Haltung haben. Sie sind streitbar, wollen verändern. Wunderbar! Unsere Generation muss sich da einiges fragen lassen. Letztendlich sind wir die Gewinner, so wie wir leben, auch wenn sich viele als Verlierer hinstellen, weil sie aus dem DDR-System kommen.

Sie meinen, weil wir weiter hemmungslos die Ressourcen verbrauchen?

Genau. Wir schränken uns ja nicht ein. Wir haben alles und nutzen alles, was das Leben angenehm macht. Und das kann so nicht weitergehen, das spüren die jungen Leute. Die wollen das ändern und sie meinen es ganz ernst. Sie wollen eine grundsätzliche Veränderung.

Sagen Sie Ihrem Sohn manchmal, dass er aufpassen soll, dass seine Generation nicht dieselben Fehler macht wie Sie damals 1990.

Klar, und er hat da auch eine ziemlich klare Haltung.

Nämlich?

Dass das System verändert werden muss. Aber grundlegend.

Revolution?

Ja. Das ist die Generation, die auf die Straße geht und sich nichts mehr gefallen lässt. Die einfach sagt: Schluss, aus. Gerade sind zwei Mädels verurteilt worden, weil sie gewaltsam Container mit weggeworfenen Lebensmitteln geöffnet haben. Sie wollten zeigen: Sag mal, was schmeißt ihr alles weg. Das könnten Menschen noch essen. Sie sind verurteilt worden. Aber der Ansatz ist doch völlig richtig.

Sie haben vorhin Ihren Garten erwähnt.

Ich muss jetzt gucken, ob meine Kartoffeln endlich so weit sind. 

Ist das ein Nutzgarten?

Ich habe einfach einen wunderschönen wilden Garten mit kleinen Blumenbeeten und einem Gemüsebeet. Aber ich versuche eigentlich nur, ein bisschen zu bändigen, ansonsten überlasse ich ihn der Natur. Da gibt es mit Efeu bewachsene Kiefern, darüber eine Trompetenblume, die blüht dann auf einmal. Und auf der Wiese wachsen Heilkräuter von allein.

War der Garten ein bisschen Theaterersatz?

Er war noch nie so gut in Schuss wie jetzt in dieser Corona-Zeit. Ich hab mich dort abreagiert. Und ich hab dort auch laut an Texten gearbeitet. Hat mich ja keiner gehört.