Bemerkenswert altbackene Meinungen sind im Umlauf. Der Streit um die Erziehung zur Akzeptanz sexueller Vielfalt im Lehrplan von Baden-Württemberg und das Gerede um das Outing von Thomas Hitzlsperger zeigen das Unbehagen, das Abweichungen vom heterosexuellen Mainstream noch immer erzeugen. Der Film „Dallas Buyers Club“ spielt im Jahr 1985 in Texas, aber offenbar darf man sich 30 Jahre später in Deutschland keinesfalls anmaßen, über die Homophobie des US-Bundesstaates mit der Testosteron-sattesten Luft den Stab zu brechen.

Die altbackenen Meinungen verkörpern sich im Film allerdings in einer zunächst maximal abstoßenden Figur. Ron Woodroof wohnt im Trailerpark, arbeitet als Elektriker, bezahlt aber den Koks und die Nutten, die er sich paarweise bestellt, mit dem Geld, das er durch illegale Wetten beim Rodeo einnimmt. Obwohl dieser klapperdürre Texaner einer der unsympathischsten Helden der letzten Jahre ist, zeigen die Autoren Craig Borten und Melisa Wallack, dass man auch mit einer solchen Figur mitgehen kann. Als man nach einem Arbeitsunfall feststellt, dass Ron Woodroof HIV-positiv ist, zeigt dieser den Ärzten den Mittelfinger: Kann nicht sein, er ist doch kein „Schwanzlutscher wie Rock Hudson“. Er muss erst recherchieren, bis er herausfindet, dass die „Schwulenpest“, wie man sie damals nannte, auch durch ungeschützten Verkehr übertragen werden kann – und an dem hat es in seinem Leben nicht gemangelt.

Was nun? Zentral und uramerikanisch ist, wie Woodroof die Behandlung seiner Krankheit auf eigene Faust in Angriff nimmt: Er besticht einen Pfleger, ihm das gerade in einer Doppelblindstudie erforschte Medikament AZT zu besorgen und pfeift es sich neben Alkohol und Kokain rein wie Gummibärchen – sodass es ihm bald noch schlechter geht. Also fährt er nach Mexiko und begegnet dort einem Alternativ-Mediziner, der ihn wieder hochpäppelt – sofort wittert Woodroof ein Geschäft: Er schmuggelt in großem Stil, allerdings auch verfolgt von den Behörden, die Vitamine, Mineralien und T-Peptide über die Grenze. Zu Hause zieht er den Dallas Buyers Club auf: Die Mitglieder erhalten „kostenlos“ die Medikamente; als Mitgliedsbeitrag müssen sie allerdings saftige 400 Dollar im Monat zahlen – aber es ist der einzige Weg, diese symptomlindernden Mittel zu erhalten, da nicht zugelassene Medikamente nicht „verkauft“ werden dürfen.

Wie Woodroof sein Geschäft einerseits bis nach Japan und in den vorderen Orient ausdehnt, andererseits gegen die Behörden kämpft, das folgt der Blaupause amerikanischer Moral, zeigt, wie aus Eigennutz Gemeinnutz entsteht und wie dieser Adam-Smith-Mechanismus von staatlicher Seite, von Vorschriften und Beamten nichts als behindert wird. So gesehen hält „Dallas Buyers Club“ ein Plädoyer für den klassischen Kapitalismus wie schon lange kein Film mehr.

Daneben spielt sich die Läuterung des Wüstlings ab – das war zu erwarten, geschieht aber in anderer Form als erwartet, die Regie Jean-Marc Vallées macht auch kein großes Aufheben daraus. Im Krankenhaus lernt Woodroof den Transvestiten Rayon kennen, vor dem er zwar zurückzuckt wie vor dem Leibhaftigen, den er aber als Geschäftspartner beteiligt, weil ihm dieser Rayon den Weg zur Kundschaft ebnet. Aus seiner Haut als White Trash kann er jedoch nicht heraus – im Gegenteil: Als ihn seine Kollegen ausgrenzen und verspotten, er müsse als HIV-Positiver doch wohl schwul sein, hält das die Verachtung für die Schwulen erst recht frisch. Woodroof versteht nur eines: Dass diese Schwulen genauso gern leben wie er – und darin erkennt er schließlich ihre Menschlichkeit.

Matthew McConaughey, einst „Sexiest Man Alive“ und seit seiner Rolle als Stripper in „Magic Mike“ als erstaunlicher Darsteller zwielichtig-abgewrackter Typen empfohlen, traut sich mit einem traurigen Proleten-Schnurrbart, einer grauenvollen 1970er-Jahre-Frisur und um 25 Kilogramm erleichtert vor die Kamera. McConaughey spielt diesen Woodroof umwerfend; er spekuliert nicht auf Mitleid mit seiner kranken Figur, sondern kehrt ihre Ekligkeit derb hervor – daraus entsteht die Kontur eines bei aller Fragwürdigkeit unbeugsamen Charakters mit vielen Facetten zwischen aufgekratzter Lebenslust und Müdigkeit, dumpfer Brutalität und lebenspraktischer Intelligenz – zu Recht wurde McConaughey für diese Darstellung für den Oscar nominiert. Zusammen mit Jared Letos nicht weniger bewunderswerter und zugleich psychologisch undurchdringlicher Darstellung des Transvestiten Rayon ist „Dallas Buyers Club“ großes Schauspieler-Kino von historischer Sensibilität und thematischer Dringlichkeit.

Dallas Buyers Club USA 2013. Regie: Jean-Marc Vallée, Buch: Craig Borten & Melisa Wallack, Kamera: Yves Bélanger, Darsteller: Matthew McConaughey, Jared Leto, Jennifer Garner, Michael O’Neill, Denis O’Hare u. a.; 117 Minuten, Farbe, FSK ab 12.