Um das gleich in aller Deutlichkeit auszusprechen: Nein. Wer nach dem Ende der Weltmeisterschaftsvorrunde allen Ernstes auf die Idee gekommen war, seine Karten für das Damon-Albarn-Konzert in irgendeinem virtuellen Flohmarkt für ein paar Kopeken wieder zu verscherbeln, um das zeitgleich ausgetragene Achtelfinalspiel nicht zu verpassen, hat damit weder recht noch vorausschauend gehandelt.

Sondern fraglos einen fatalen Fehler begangen: Zugunsten ein wenig torlosen Herumgekickes hat er oder sie nämlich in diesem Fall den Besuch des tollsten Konzertes geopfert, das seit langem in Berlin auf irgendeiner Bühne zu sehen war; ein musikalisches Fest von sagenhafter Beschwingtheit und von einer derart umstandslos den gesamten Saal ergreifenden Gutgelauntheit und Freude am Spielen, dass man noch Stunden später davon ganz betrunken sein konnte.

Und selbst wenn dieser Auftritt nicht ganz so toll gewesen wäre, wie er nun einmal war: Wer die knapp zweistündige Retrospektive des Albarn’schen Schaffens am Montagabend bis zum Ende genoss, kam immer noch gerade recht, um im Garten des Astra Kulturhauses den Beginn der Nachspielzeit mit dem ersten Tor zu erleben.

„Everyday Robots“ heißt das erste Soloalbum, das Damon Albarn im Frühjahr herausgebracht hat – nach einer fünfundzwanzigjährigen Karriere als Sänger und Songschreiber von Blur, den Gorillaz und The Good, the Bad & the Queen sowie nach diversen Künstlerpersönlichkeitstransformationen vom gebildeten, aber gleichwohl zur Grobheit und zum Drogenmissbrauch neigenden Britpopper über den spätpostmodernen Zeichentrickfigurenpopregisseur bis zum globetrottenden Weltmusikeklektizisten. Auch als Opernkomponist („Dr. Dee“) hat er sich vor einer Weile versucht, mit allerdings eher überschaubarem Erfolg.

Abend mit herzzerreißender Klavier-Solo-Ballade

„Everyday Robots“ ist hingegen eine großartige Platte – weil Albarn sich jenseits aller Klang- und Konzeptspielereien wieder einmal auf sein Talent als Songschreiber und Sänger besonnen hat. Auf dem Cover sieht man ihn klein in einer Ecke in einem schluffigen Parka auf einem Metallhocker kauern. Ähnlich ich-bezogen und introspektiv wirken die meisten Songs, sie handeln von Kindheitserinnerungen oder vom Unbehagen in der hypertechnisierten Kultur der Gegenwart. Die Grundstimmung ist von jener melodisch virtuos ausgepinselten Melancholie, wie man sie auch auf der letzten, von Albarn weitgehend allein komponierten Blur-LP „Think Tank“ aus dem Jahr 2003 fand. Deren tollsten Song, „Out of Time“, bot er am Montag denn auch kurz vor Ende des Hauptteils als herzzerreißende Solo-Klavier-Ballade dar.

Eröffnet wurde der Abend mit Songs vom neuen Album wie „Lonely Press Play“, „Hostiles“ oder dem Titelstück. Doch führte deren gedämpfte Stimmung keineswegs zu kammermusikalischer Unbewegtheit. Im Gegenteil, vom ersten Takt an hüpfte Albarn mit schnurlosem Mikrofon in leicht gebückter Haltung über die Bühne, als hätte der wilde Watz ihn gebissen, seine Mitmusiker posierten dazu wie eine Glamrockgruppenkarikatur. Später zerkicherte er, jetzt am Klavier, eine besonders besinnliche Stelle ähnlich enthemmt wie weiland Elvis Presley sein „Are You Lonesome Tonight“. Zwischen den Stücken gab er leicht lallend ein paar Jugenderinnerungen an eine Schüleraustauschreise nach Wetzlar wieder; zudem schwitzte er so stark, dass im Publikum eine angeregte Debatte über die Art und Kombination der Substanzen entstand, die Damon Albarn sich vor Beginn des Konzertes zugeführt haben könnte.

Auf eine Blur-Widervereinigung kann man verzichten

Doch egal ob und wenn ja was: Wenn er denn sang, dann sang er so sicher und schön wie in keinem Konzert, in dem ich ihn bisher gesehen habe. Und noch toller als die hysterische Beschwingtheit des Auftritts war, dass diese den zurückhaltend-entschleunigten Ton der neuen Songs nie beschädigte.

Im Gegenteil: Noch die betrübteste Selbstzweifelballade schien in geradezu erhebender Weise vom Glück des gemeinsamen Musizierens beleuchtet; und in diesem Licht fügten sich auch die scheinbar so disparaten Teile des Albarn’schen Schaffens – die neuen Solo- mit den alten Blur-Songs, aber auch mit dem ironischen Reggae der Gorillaz („Clint Eastwood“) und dem düsteren Dub von The Good, the Bad & the Queen („Kingdom of Doom“) – zueinander.

Am Ende stand ein dutzendköpfiger Chor auf der Bühne; einem allerdings namenlos bleibenden Mitglied – „der da hinten rechts hat heute Geburtstag!“ – wurde unter großer Anteilnahme des Publikums auch noch ein Ständchen gesungen. Was für ein großer, glücklicher, kollektiver Taumel! Und was für einen Triumph für einen Sänger, der nach einem Vierteljahrhundert des Musizierens keinerlei Erschlaffung verspüren lässt, sondern so inspiriert – und im eigenen Schaffen zentriert – wirkt wie niemals zuvor. Auf eine weitere Wiedervereinigung von Blur kann man nach einem solchen Erlebnis übrigens ohne jedes Bedauern und für alle Zeiten verzichten.