"Emotionen nicht zu spüren und Dinge nicht zu tun, ist ein Fehler“: der Schauspieler und Musiker Daniel Donskoy.
Foto: Berliner Zeitung / Markus Wächter

BerlinDer Mann hat eindeutig Popstar-Potenzial. Obwohl Daniel Donskoy nur in einer Fernsehserie die Hauptrolle spielt und bisher gerade mal vier Songs veröffentlicht hat, war der Frannz Club seit Wochen ausverkauft. Unter den kreischenden Fans waren beileibe nicht nur Teenies. Trotzdem riss Donskoy sein Hemd bei den Liebesliedern auf, die Emotionen kochten hoch, auch als er etwas später während einer Ansage seine Wut über den Anschlag von Halle herausschrie. Der Sohn russischer Immigranten hatte in Berlin eine jüdische Schule besucht. Sein erster Kinofilm „Crescendo“, der am 16. Januar startet, scheint viele dieser Interessen und Identitätsstränge zu verbinden: Daniel Donskoy verkörpert einen israelischen Star-Geiger, der widerstrebend in einem Orchester mit Palästinensern spielt, das als gesponsertes Friedensprojekt zur Versöhnung beitragen soll. Der Konflikt ist ihm vertraut – er zog als Zwölfjähriger mit seiner Mutter nach Israel und kehrte mit 18 nach Berlin zurück. Das Schauspielen lernte er in London, wo er heute lebt. 

Trailer: YouTube

Kurz vor dem Filmstart ist er für ein paar Tage nach Berlin gekommen, um in einer Datsche in Brandenburg an neuen Songs zu arbeiten, im Studio weitere Stücke aufzunehmen und über „Crescendo“ Auskunft zu geben. Daniel Donskoy hat ein Hotelcafé in Kreuzberg fürs Gespräch vorgeschlagen – untergekommen ist er in der Wohnung einer Freundin. Das Gespräch steigert sich schnell ins Crescendo hinein – so leidenschaftlich, wie er spielt und singt, redet und gestikuliert er, wenn er es um sein Verhältnis zu Israel und um seine Herzensprojekte geht.

Sie haben Ihre Jugendzeit in Israel verbracht und sind Musiker. Da muss es Sie doch in den Fingern gejuckt haben, als das Angebot für diese Rolle kam.

Natürlich, mein Herz schlug im Himmel! Als ich das Angebot für „Crescendo“ bekam, hatte RTL gerade die zweite Staffel von „Sankt Maik“ in Auftrag gegeben. In der Serie spiele ich einen katholischen Pfarrer in einem kleinen Dorf in NRW – also eine Figur ganz weit entfernt von mir. Doch in „Crescendo“ konnte ich zum ersten Mal Erlebtes und Gefühltes in eine Rolle einbringen.

Lassen Sie uns in Ihrer Biografie zurückspringen: Sie sind als Kleinkind mit Ihren Eltern von Moskau nach Berlin gekommen und im Alter von zwölf Jahren mit Ihrer Mutter nach Israel gezogen ...

Als Kind möchte man alles – aber nicht nach den Sommerferien umziehen und seine Freunde verlieren. Ich habe damals auf die Karte geguckt und meine Mama gefragt: Warum gehen wir in dieses Land da unten, das bei Syrien, Libanon und der Türkei liegt? Warum nicht nach Hamburg?

Wie gut kamen Sie dann dort zurecht?

Das war schon verrückt. Ich war zwar mit einem gewissen Verständnis von Judentum als russischer Immigrant in Deutschland aufgewachsen. Doch allein die Vorstellung, schon wieder Immigrant zu sein, war krass. Dazu kam natürlich die fremde Sprache. Mein allererster Unterricht war eine Stunde Arabisch auf Hebräisch – ich hab mich nur gewundert und gefragt: Was mache ich hier? In Israel bekommst du als Neueinwanderer aber viel Verständnis und Hilfe entgegengebracht. Nach einem halben Jahr konnte ich Hebräisch sprechen.

Was haben Sie aus Israel mitgebracht?

Es war ein riesengroßes Geschenk, in einem Land zu leben, in dem alle Kulturen so aufeinanderprallen. Das öffnet einen ungemein. Was das Land so krass interessant macht: Du hast Moslems, Christen, Juden, also Menschen aus allen Kulturen der Welt, und selbst der geschichtliche Hintergrund von Juden aus Marokko oder aus Polen könnte unterschiedlicher nicht sein. Trotzdem entwickelt das Land ein Zusammengehörigkeitsgefühl, zumindest auf der israelischen Seite. Ein Land, das so enge Grenzen hat, entwickelt ein stärkeres Gefühl in Bezug auf sich selbst.

Ist das nicht ein Widerspruch: Einflüsse aus aller Welt und eingegrenztes Denken?

Das kann positiv und negativ sein, man sieht es gerade bei der endlosen Regierungsbildung. Weil keine demokratische Partei mit einer streng religiösen Partei zusammen gehen will – auch nicht sollte, finde ich – sind wir schnell bei der großen Frage: Was ist Israel? Was heißt Judentum? Schon als kleiner Junge bekommt man ein ganz anderes Gefühl für Geschichte und Verständnis von Politik. Dort bedeutet jede politische Entscheidung eine Veränderung in deinem Leben. Würde sich Netanjahu entscheiden, eine große Militäroffensive zu starten, hieße das, dass deine Freunde eingezogen werden. In Deutschland geht es eher um Dinge wie die Verabschiedung eines längst fälligen Klimapaketes. Dies hat nicht sofort Konsequenzen, leider. In Israel ist alles politisierter, es wird viel mehr geschrien. In einem Land, in dem es so viele Kulturen gibt, geht es oft darum, wer am lautesten schreit.

Sie  sind mit 18 nach Deutschland zurückgekehrt. Haben Sie mit dem Gedanken gespielt, in Israel zu bleiben und zur Armee zu gehen?

Bei einer Einberufung bestand die Gefahr, die deutsche Staatsbürgerschaft zu verlieren. Dieses Risiko wollte ich nicht eingehen, mir wurde schnell klar: Ich will zurück nach Berlin und studieren. Doch nach zwei Jahren, als meine Freunde alle eingezogen waren und ein militärischer Konflikt ausbrach, habe ich mich schuldig gefühlt. Denn ich kam vom Biologie-Studium in meine coole Altbauwohnung in der Neuköllner Hermannstraße, damals noch für 300 Euro, zündete mir einen Joint in der Küche an – und meine Freunde saßen gerade an der Grenze oder zerrten Leute aus Häusern. Da war ich kurz davor, mich in Israel einziehen zu lassen.

Kommen wir zu Ihrer Rolle als Geiger Ron, der ja zunächst arrogant wirkt mit seinem Vorschlag, statt den schlechter spielenden Arabern lieber arabisch aussehende Israelis ins Orchester zu holen.

Für ihn macht das Sinn: Er ist ja da, um Musik zu machen, hat eher diese Scheiß-drauf-Attitüde: Hauptsache sie können spielen. Hätten die Araber gut genug gespielt, hätte er sich gar nicht aufgeregt. Er hat ein Problem damit, dass sie ausgewählt wurden, weil sie Araber sind. Dass Leyla Konzertmeisterin wird, das geht in seinen Kopf nicht rein, denn er ist der bessere Musiker. Mit Sabrina Amali als Leyla hatte ich das erste Casting – und wir haben sehr explosiv aufeinander reagiert.

Sind das die beiden typischen Antipoden – die Palästinenserin aus einem besetzten Gebiet und der arrogante Israeli?

Es fiel mir zunächst sehr schwer, Ron zu spielen, denn er steht ja eigentlich für das Klischee des bösen Israelis. Ich wollte aber vermeiden, ihn so zu sehen. Man muss die Arbeit an einem Charakter ja mit Empathie beginnen. Ich hatte mit dem Regisseur Dror Zahavi einige Auseinandersetzungen über Rons Motivation und Handeln

 Wie lief die Zusammenarbeit mit Zahavi, der auch ein Pendler zwischen Israel und Deutschland ist?

Dror spricht Deutsch, Hebräisch und Englisch und musste mit allen in allen drei Sprachen inszenieren. Das war für mich, der alle drei Sprachen versteht, sehr interessant, denn die Ansagen veränderten sich von Sprache zu Sprache, alle spielten ein bisschen was anderes, was aber auch schön war. Dror und ich haben politisch verschiedene Meinungen, was oft – im positivsten Sinne! – zu Auseinandersetzungen geführt hat. Beim Inszenieren ist er sehr sachbezogen, aber sobald es um Politik geht, wird er explosiver – ein echter Israeli!

Wie stark hat er Ihnen Vorgaben gemacht?

Er hat uns vertraut, hat uns gar nicht so viel vorgeschrieben, wir sollten uns einbringen. Bei der Therapiesitzung des Orchesters, da blieb niemand mehr zu 100 Prozent in seiner Rolle. Alle haben Sachen herausgeschrien, die ihnen passiert sind, fünf Minuten lang. Das war berührend und erschreckend zugleich. Ein palästinensisches Mädchen kam und sagte: Du hast mich gerade an etwas erinnert, was ich ausgeblendet hatte. Das war die Besonderheit an diesen Dreharbeiten, diese Echtheit herauszuholen. Ich habe ja eine Schauspielausbildung und gelernt, mit Emotionen technisch umzugehen. Viele andere aber waren Schauspiel-Laien, haben sich als Orchestermusiker selbst gespielt.

Hatten Sie zuvor Geige gespielt?

Ich dachte anfangs: Das kann doch nicht so schwer sein, ich spiele ja Gitarre und Klavier. Doch ich bekam nach einem Tag Üben Krämpfe und es klang schrecklich. Ich kann jetzt immerhin die C-Tonleiter. Bei einem anderen Filmprojekt habe ich nach Drehschluss noch Unterricht genommen. Die Fingersätze zu lernen, das war fast Mathematik. Da hat mir mein musikalisches Verständnis schon geholfen, aber ich habe inzwischen einen Riesenrespekt vor dem Instrument. Die Geige ist Stimme, ist Soloinstrument, sie weint immer.

Donskoy als Maik in der Serie „Sankt Maik“, in der er einen Kleinkriminellen spielt, der sich als Priester tarnt.
MG RTL D

Wie funktionierte das Zusammenspiel von Profi-Schauspielern und Profi-Musikern musikalisch?

Nach Drehschluss haben wir abends in der Hütte in Südtirol oft gejammt, auf Hebräisch, Russisch, Englisch, Arabisch, Deutsch. Das Zusammenspiel vor der Kamera war schon problematisch: Mein Solo wurde über Playback eingespielt, das Orchester musste synchron mitspielen. Ich musste ja trotzdem das Instrument visuell spielen. Meine Klänge waren aber nicht nur extrem falsch, sondern irritierend für Musiker, die auf die erste Geige hören müssen. Die erste Probe hatten wir für die allerletzte Szene des Films auf dem Flughafen – keine Dialoge, und wir waren durch eine Glaswand getrennt. Regisseur Dror Zahavi rief: Los Sabrina, los Daniel, fangt an zu spielen! Eine sehr emotionale Szene – und deine Geige klingt wie ein Meerschweinchen, das seit sieben Tagen nichts mehr zu essen hatte. Es war schwierig, dabei ernst zu bleiben.

Gab es auch inhaltliche Dissonanzen zwischen den Darstellern?

Nein, die Gespräche im Cast drehten sich gar nicht um den Konflikt Israel-Palästina, sondern um Islamophobie und Antisemitismus. Es gab aber keinen Streit. Leute, die in einem solchen Film mitspielen, sind ja keine Hardliner. Viele Kunstprojekte werden von Liberalen für Liberale gemacht, da dreht man sich leider in seiner eigenen kleinen Welt.

„Crescendo“ zeigt, wie schwer ein israelisch-arabisches Zusammenspiel ist. Ron nennt die Versöhnung „Science-Fiction“. Sind Sie auch so desillusioniert?

Eine Versöhnung ist tatsächlich „Science-Fiction“, denn das hieße ja Vergeben, in einer Generation, in der jeder jemanden kennt, der gestorben ist. Ein friedliches Nebeneinanderleben aber ist keine Science-Fiction. In Tel Aviv und Jaffa sitzen Israelis und Palästinenser nebeneinander am Strand – nur darüber berichtet keiner, das sind keine News. Bestes Beispiel neulich: Ich hatte es gar nicht mitbekommen, weil ich keine israelischen Nachrichten verfolgt hatte, da schrieb mir meine Mutter eine SMS, ich solle mir keine Sorgen machen. Ich schrieb zurück: Sorgen um was? Es waren gerade wieder Raketen aus Gaza Richtung Israel geflogen, sie saßen im Bunker. Ich suchte in den deutschen Medien und fand gar nichts. Doch wann wurde aktiv und großflächig berichtet? Erst als Israel zurückschoss!

Wie verhalten Sie sich in Diskussionen in Berlin bei diesem Thema?

Ich beobachte an mir, dass ich in Diskussionen aus einem inneren Zwang heraus massiv pro Israel argumentiere. Wenn du auf einer Party gesagt bekommst, dass Israel ja mit den Arabern auch eine Art Holocaust vollziehe, dann ist das schon echt schwierig für mich. Man muss ja die israelische Politik nicht verstehen oder unterstützen, aber eine industrielle Menschenvernichtung betreibt sie wirklich nicht. Ich hatte kürzlich eine Anfrage für eine Talkshow, da hätte ich konfrontativ argumentieren sollen. Da habe ich gesagt: Klar, gerne – aber nur mit einem Historiker neben mir.

Was kann ein Film wie „Crescendo“ in Deutschland bewirken?

In Ludwigshafen, auf dem Filmfestival, habe ich eine irritierende Erfahrung gemacht: Ich hatte bisher im Kino noch nie Standing Ovations erlebt. Wenn der Film Leute berührt, zeigt mir das, dass die Menschheit vielleicht doch nicht so schlimm ist, wie wir gerade alle denken. Aber vom Klatschen bis zur echten Auseinandersetzung mit dem Konflikt ist es ein weiter Weg.

Aber wird der Film nicht nur das Festivalpublikum, sondern auch das Kinopublikum erreichen?

Natürlich ist ein Film, der um klassische Musik und um den israelisch-palästinensischen Konflikt kreist, erst mal ein Nischenfilm. Ich hoffe aber, „Crescendo“ erreicht auch Leute, die sich noch nicht damit befasst haben, wünsche mir einen offenen Blick – nicht auf den Konflikt, aber auf die Menschen, die in diesem Konflikt leben. Wenn du jemanden auf der Straße in Berlin auf den Israel-Palästina-Konflikt ansprichst, wirst du hören: Hör auf, ich hab darauf keinen Bock mehr. Die Reaktionen des Publikums haben mir aber Hoffung gegeben, dass man doch noch Menschen erreichen kann, wenn man sich die Mühe macht, in den Dialog zu gehen. Der von Peter Simonischek gespielte Dirigent sagt: Ihr spielt zwar miteinander, aber ihr hört einander nicht zu. Diesen schönen Satz kann man gleich an alle Politiker der Welt weitergeben.

Ich bin sehr akribisch im Ausprobieren.

Daniel Donskoy

Glauben Sie, dass die Jugend sich stärker politisiert hat?

Ich bin viel in Mitte unterwegs, höre fast nur Englisch und frage mich: Wer seid ihr? Ihr seid gut gekleidet, tragt T-Shirts mit der Aufschrift „Nazis raus“, aber meint ihr das wirklich? Geht ihr zum Klimastreik – und fliegt trotzdem am nächsten Tag nach Bali? Es wird gerade suggeriert, dass die Menschen wieder politischer sind, aber es fühlt sich nicht so an, ich glaube das noch nicht. Ich kenne keinen, der Trump gewählt hat, keinen, der den Brexit gewählt hat, keinen, der AfD wählt – doch wahrscheinlich kennen wir alle solche Leute, aber keiner sagt’s. Der Film wirbt ja für Offenheit, aber ich finde, es wird gerade nicht mehr, sondern weniger miteinander gesprochen.

Woran könnte das liegen?

Zum Teil werden wir einsamer durch diese Geräte (er zeigt auf sein Smartphone), denn sie suggerieren uns, alle Menschen in unserem Umfeld hätten genau die gleiche Meinung wie wir. Das ist ein riesengroßes Problem und entzweit uns. Vielleicht werden wir erst in zehn, fünfzehn Jahren verstehen, wie wir beeinflusst und manipuliert werden. Man kann sich wehren. Aber wer liest schon noch drei verschiedene Zeitungen? Die Leute lesen Nachrichten auf Twitter im Schnelldurchgang, alles ist vorgekaut – das macht mich traurig.

Ihre Musik klingt alles andere als traurig. Auf dem Konzert im Frannz Club haben Sie auch Ihren schulischen Werdegang erwähnt: Neben der jüdischen Schule und der Wohnung in Neukölln haben Sie auch den Kindergarten in Hellersdorf besucht. Gibt es Kontakte, die bis heute bestehen?

Kontakte nach Hellersdorf habe ich keine mehr, ich war ja erst sechs, als wir nach Wilmersdorf umgezogen sind. Ich bin aber neulich mal mit der U5 bis Hönow gefahren und habe mir unser tristes Haus angeguckt. Aber als Kind wusste ich nicht, dass wir „Kontingentflüchtlinge“ sind oder in der „Platte“ leben. Was ich bekommen habe ist Liebe, gutes russisches Essen und Bildung.

Und russische Musik bestimmt auch.

Meine Eltern haben auch gern Sting gehört – ich habe ihn kürzlich in Berlin erlebt. Aber vor allem bin ich mit der Musik russischer Barden aufgewachsen, Größen wie Wladimir Wyssozki oder Veronika Dolina. Sie hatten starke Texte, waren melancholisch. Vielleicht ist es das, was meine Emotionalität ausmacht. Bis heute tendiere ich dazu, beim Komponieren klassische russische Akkordfolgen zu nutzen.

Sie haben in Israel dann sogar an Casting-Shows teilgenommen. War das hilfreich?

In der jüdischen Kultur lernst du einfach, dich mit der Musik mitzuteilen. Ich wollte mit 13, 14 unbedingt singen, deshalb habe ich da mitgemacht. Jetzt sage ich mir: Ein Glück, dass das damals nicht geklappt hat. Denn erst später habe ich die Erfahrungen gesammelt, die ich in meine Lieder einfließen lassen kann.


Daniel Donskoy ...

  • ... wurde am 27. Januar 1990 in Moskau geboren und kam mit seinen Eltern als Kleinkind als jüdische „Kontingentflüchtlinge“ nach Berlin. Seine Mutter stammt aus der Ukraine, der Vater ist Russe. 2002 folgte er der Mutter und deren neuem Partner nach Israel. Mit 18 kam er nach Berlin zurück und begann ein Biologiestudium. 2011 zog er für seine Schauspiel- und Musicalausbildung nach London und war ab 2014 auf englischen Bühnen und in TV-Serien zu sehen.
  • ... macht seit 2018 als Hauptdarsteller in der RTL-Serie „Sankt Maik“ auf sich aufmerksam. Dort spielt er einen Kleinkriminellen, der zur Tarnung in eine Priestersoutane schlüpft und aus der Rolle nicht mehr herauskommt, dafür aber an ihr Gefallen findet. In diesem Jahr wird die dritte Staffel gedreht. Seit 2018 ist er auch im „Tatort“ zu sehen: zuerst als Mörder in Dresden, seit letztem Jahr als Rechtsmediziner Nick Schmitz im NDR-„Tatort“ mit Maria Furtwängler.
  • ... liebt die Musik seit seiner Kindheit. Er bekam Klavierunterricht und brachte sich das Gitarrespielen bei. In Israel nahm er an Talentshows im Fernsehen teil, in Berlin erprobte er sich als Straßenmusiker. Im Mai 2019 veröffentlichte er eine EP mit vier eigenen englischsprachigen Songs, produziert von Mic Schroeder, der für Rea Garvey und Silly arbeitete.

Während des Konzerts sagten Sie auch: Fehler muss man wieder und wieder machen, „Again And Again“. Doch nichts aus Fehlern lernen, immer der kleine Junge bleiben – wie lange kann man das durchhalten?

Solange man für niemanden sonst verantwortlich ist, vielleicht bis zum Lebensende. Mir hilft das gerade extrem – warum sich selbst Zwänge auferlegen? Das wirkt von außen sicher auf gewisse Weise egozentrisch, aber aus dem Suhlen im eigenen Saft entsteht auch Kunst. Ich mache Musik ja, um andere zu berühren. Das Fehlermachen ist für mich Teil des Genusses, der darin besteht, dass du eben noch nicht an die Konsequenzen denkst, angstbefreit bist – was soll denn groß passieren in Deutschland? Vielleicht hast du weniger Geld, aber du bist frei.

Haben Sie wirklich nie Sachen bereut?

Nein. Ich bin sehr akribisch im Ausprobieren: Party, Alkohol, Genussmittel, Liebe, Sex, Studium ... Leben halt. Ein Studium anzufangen und es wieder abzubrechen, ist doch kein Fehler. Ich hörte neulich im Musikladen neben mir einen Mann sagen, er wolle jetzt endlich mit dem Posaunespielen anfangen, denn er gehe bald in Rente – und ich hab mich auf dem Nachhauseweg gefragt: Warum hast du so lange gewartet? Wenn etwas ein Fehler ist, dann ist es Emotionen nicht zu spüren, Sachen nicht zu tun, zu warten.

Die Frauen im Saal konnten alle Ihre Texte mitsingen, obwohl Sie nur vier Songs veröffentlicht haben. Wie geht das?

Viele kennen mich aus der RTL-Serie „Sankt Maik“ und folgten mir dann bei meiner Musik. Ich habe im Sommer auf Festivals gespielt, die Fans filmen alles mit, schreiben sich dann die Lyrics raus und verbreiten sie. Ich liebe das Schauspiel, aber eine Tour gespielt zu haben, war eine Schippe krasser. Du machst dich komplett blank, lässt die Leute an privaten Emotionen teilhaben. Wenn ich die volle Aufmerksamkeit habe, darf ich auch politisch sein, darf erklären, dass Homophobie, Sexismus und Antisemitismus scheiße sind – Gesellschaftskritik mit Spaß verpackt.

Sind Sie nun mehr Musiker oder mehr Schauspieler?

Da will ich mich gar nicht entscheiden. Mein einziges Problem ist die Zeit. An den einzigen beiden freien Tagen während der Tour habe ich einen „Tatort“ für den NDR gedreht, seit drei Jahren habe ich gar kein Theater mehr gespielt, das fehlt mir schon.

Für Ihr Debütalbum lassen Sie sich aber ungewöhnlich viel Zeit.

Es gibt nur ein erstes Album. Die Leute sind verwöhnt von schnellen Veröffentlichungen. Aber ich will es ganz langsam und behutsam angehen, genau das erzählen, was ich erzählen will, an den Texten feilen. Durch „Sankt Maik“ weiß ich ja, wie es ist, von einem großen Konzern gepusht zu werden. Das ist künstlerisch schwierig, weil man Sachen nicht so spielen kann, wie man will. Hier will ich keinen Fehler machen, etwa bei der Auswahl des Labels. Doch die Künstler, die mich immer noch berühren, haben genau das gemacht, was sie gewollt haben: Patti Smith, Billy Joel, Kate Bush, auch Amy Winehouse – die ich übrigens unbedingt treffen wollte. Sie war aber schon gestorben, bevor ich nach London umgezogen bin.

Wie weit sind die Vorbereitungen für Ihr Album?

Ich habe in den letzten Jahren mehr als 80 Songs geschrieben, es war sehr schwer für mich, eine Auswahl für die Tour und für das Album zu treffen. Die große Herausforderung besteht darin, meine eigene Stimme zu finden. Das braucht Zeit und Geld. Ich habe bisher jeden Cent in die Musik gesteckt, jedes Konzert kostet Geld.

Haben Sie etwa mit der Musik noch kein Geld verdient?

Nein, dabei war die Tour ausverkauft, wir haben 3 000 Tickets verkauft. Aber nach Abzug aller Kosten bleibt am Ende gar nichts übrig. In diesem Jahr soll die Tour größer werden, weitere Veröffentlichungen werden kommen. Überhaupt wird in diesem Jahr alles noch heftiger: Die dritte Staffel „Sankt Maik“, ein deutscher Kinofilm, es gibt weitere Projekte in England, über die ich noch nicht reden darf. Zwischen all dem werde ich weiter an meiner Musik arbeiten.

Erst mal gibt es am kommenden Mittwoch die Filmpremiere von „Crescendo“ im Delphi – und danach ein Konzert mit Ihnen?

Ja, im Quasimodo. Wir basteln gerade noch an einem speziellen „Crescendo“-Song.