Überzeugt mit den Berliner Philharmonikern: Daniel Harding.
Foto: Stephan Rabold

BerlinAlban Bergs „Lyrische Suite“ für Streichquartett ist ein ebenso eindrucksvolles wie beunruhigendes Stück. Die gespannten Linien und die deklamatorische Gestik besitzen unnachgiebigen Mitteilungscharakter, die tragische Stimmung wird reflektiert durch einen ebenso strengen wie eigenwilligen zyklischen Verlauf. Die sechs Sätze driften in ihrem Tempo immer mehr auseinander, die schnellen werden schneller, die langsamen immer langsamer. Am Ende steht ein „Largo desolato“, die Ausweglosigkeit eines Liebesdramas, in dem eine allgemeingültige musikalische Erzählung und ein chiffriertes autobiografisches Bekenntnis untrennbar verbunden sind.

Dass Berg kurz nach der Entstehung drei mittlere Sätze herausgriff und für Streichorchester bearbeitete, entsprang einem Wunsch des Verlegers, dessen Rechnung aufging. Namhafte Dirigenten griffen zu, und so wurde das Stück nach der Uraufführung durch die Berliner Philharmoniker im Jahr 1930 einem größeren Publikum zunächst in der Streichorchester-Fassung bekannt. Sie ist gleichzeitig fragmentarisch und klanglich aufgepolstert und vermittelt eigentlich wenig von der Aura des heute allgegenwärtigen Quartett-Originals. Für ein Orchester ist es viel schwerer, aus dieser Musik Funken zu schlagen.

So überzeugt in dem von Daniel Harding geleiteten Philharmonikerkonzert zunächst einmal die reine Präzision und Durchsichtigkeit, mit der die vierzig Streicher die eigentlich solistisch angelegten Linienzüge nachzeichnen – trotz des vorgeschriebenen großen Abstands zueinander, der die Musiker weit über das Podium verteilt. Wohl auch deshalb herrscht in dem einleitenden „Andante amoroso“ aber ein auffällig neutraler, fast kernloser Ton, eher kontrolliert als emotional aufgeladen erklingen die großen melodischen Bögen in den Ersten Violinen. Dass Harding dabei insgesamt nicht auf eine versachlichende Interpretation zielt, zeigt das fließend nuancierte Tempo, auch die sprechend modellierte Gestik, in der die imaginäre Erzählstimme dieser Musik volle Präsenz erhält.

Bergs inneren Spannungen stellt das Programm dann pointiert die wunderbar gelöst und frei sich ausschwingenden Pulse von Beethovens 6. Symphonie gegenüber. Harding und den Philharmonikern gelingt hier eine Aufführung, die alles Genreartige und bloß Programmatische dieser Naturmusik weit hinter sich lässt. Restlos überzeugend wirkt die Transformation einzelner rhythmisch-motivischer Impulse in Klang und Bewegung, gleich vom Anfangsmotiv an. Lebendig, frisch und innerlich atmend verweben sich die Motive der oft so langweiligen „Szene am Bach“. Die Vogel-Kadenzen der Holzbläser sind, obwohl hier alle Spitzen-Solisten des Orchesters beteiligt sind, ebenso aufgehoben im Ganzen wie das Donnergrollen. Und der Hymnus des Schlusssatzes erklingt gleichermaßen entspannt wie innerlich erleuchtet, eine perfekte Balance von Pastoralem und Symphonischem, ohne jede Sentimentalität und Forciertheit.