Daniel Spoerri 2009 in Düsseldorf vor  "Tableau piege" - „Fallenbilder“ aus „abgegrasten“ Esstischen. 
Foto: Achim Scheidemann/dpa

Berlin-Krems-Auch das zählt zu den Zumutungen dieser Corona-Plage: Da wird ein weltberühmter Künstler 90, aber er kann nicht mit Familie, Freunden und Gefährten feiern. Auch in seiner Wahlheimat Österreich, er lebt nahe Krems, gilt strenge Kontaktsperre; ein 90-Jähriger braucht gar besonderen Schutz vor Ansteckung. Und so wird dieser Geburtstag an diesem 27. März wohl eine Telefon-Party.

Daniel Spoerri ist einer der international bedeutendsten Vertreter der Objektkunst. Als er die Eat Art erfand, war das zunächst befremdlich. Kunst, die Essen zelebriert, das war ungewohnt im zunächst bedürftigen Nachkriegs-Europa, wo es an allem mangelte, und hatte auch später, in den Zeiten des Wirtschaftsbooms im Westen,  mit der konsumkritischen Pop Art aus Übersee kaum etwas zu tun.

Spoerri machte so lustvoll wie behutsam Speisen, Obst, Gemüse, Kuchenteig und Marzipan zu einer Art Reliquien. Das soll besagen, wie kostbar, ja heilig unser täglich Brot und all die köstlichen Zutaten von der Feldfrucht übers Obst zu Fleisch und Fisch sind. Keine Selbstverständlichkeiten vor allem, denn alles muss erst wachsen, gedeihen und reifen.

Der Öko-Bewegung weit voraus

1968 eröffnete Spoerri in Düsseldorf ein eigenes Eat Art-Restaurant, in dem seine Kunstwerke bewusst für den Verzehr serviert wurden. Geschmackssinn und das Hinterfragen von Herkunft des Essens sowie Essgewohnheiten, auch Traditionen, bestimmten die Speisekarte. Da war er der Öko-Bewegung weit voraus.

Zum Essen hat Spoerri eben ein ganz besonderes Verhältnis. Er hat Nahrung als Kind in Notzeiten zu schätzen gelernt: Eigentlich heißt er Daniel Isaac Feinstein, geboren in Galati, Rumänien. Sein Vater ein ökumenischer Missionar mit jüdischen Wurzeln, wurde von den Nazis in einem Vernichtungslager umgebracht; die Mutter floh 1942 mit den Kindern in die Schweiz. In Zürich adoptierte ihn sein Onkel, dessen schweizerischen Namen Spoerri er bekam.

Zunächst war er Tänzer, studierte in Paris, traf dort Avantgardisten wie Marcel Duchamp und Man Ray. Später, in seiner Zeit am Berner Stadttheater, freundet er sich mit Künstlern wie Dieter Roth und Meret Oppenheim an. Wie viele Künstler seiner Generation plädiert Spoerri für eine Übereinstimmung von Kunst und Leben und war der Fluxus-Bewegung nahe. Er arbeitet als Dichter, Bühnenbildner, Regisseur, Verleger, Objektkünstler, Filmemacher und er lehrte, erst an der Kölner Fachhochschule für Kunst und Design und in den Achtzigern war er ein bei den Studenten beliebter Professor an der Kunstakademie in München.

Alltagsdinge als Passion

Spoerri befasst sich geradezu passioniert mit Dingen des Alltags, seien es Suppenteller, Salzstreuer oder eine banale Knoblauchpresse. Und er macht das derart originell, dass ihn das New Yorker MoMA sozusagen in den Olymp der Künste hob. Für ihn sind seine Objekte „Topographien des Zufalls“. Er wolle, sagt er, „Momentaufnahmen des Alltags einfrieren.“

Freunde, die ihn in Österreich besuchten, erzählen, sein Atelier gleiche einem Trödelladen. Er kann alles gebrauchen, was anderen Leuten unnütz erscheint. Dinge, die in zufälligen Situationen gefunden werden, fixiert er in genau der Situation, in der er sie vor- findet. Dazu sagt er: „Fallenbilder“, und vor knapp vier Jahren begann er eine ganze Serie der Flohmarkt-Tische zu gestalten.

Das Frühstück auf dem Stuhl

Schon 1960 überraschte – und verstörte – er fröhlich den Kunstmarkt, so mit „Petit déjeuner de Kichka“. Er verewigte auf einem Schneidbrett auf dem Stuhlsitz die Reste eines Frühstücks mit seiner Freundin. Wenige Jahre später redete ganz Köln von „Hahns Abendmahl“. Das kreierte er 1964 im Wallraf-Richartz-Museums. Alle Gäste mussten ihr eigenes Geschirr mitbringen , für die Speisne sorgte er. Nach dem Essen klebte Spoerri das Geschirr samt Essensresten, Aschenbechern und Weinflaschen auf der Tischplatte fest, wie zu einem Abendmahl-Gemälde. Seitdem gehört das witzige, chaotische Tableau dem Museum der Stiftung Ludwig in Wien.

Es versteht sich wohl von selbt, dass dem Jubilar zu seinem 90. Wiegenfeste und den Gästen am Telefon eine echte Kochkunst-Seele sein Lieblingsmahl serviert.