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Erinnern heißt leben, sagt man mitunter, meist wenn es um Verstorbene geht und deren Andenken. Im Kino gelten nun mitunter andere Wahrheiten als im sogenannten wirklich Leben, zumal bei dem Briten Danny Boyle. Der Regisseur von Filmen wie „Trainspotting“, „28 Tage später“ oder auch „Slumdog Millionär“ ist dafür bekannt, das Gemessene und Bedenkenhafte eher gering zu schätzen. Statt dessen setzt er gern noch eins obendrauf, wo ohnehin schon reichlich vorhanden ist, etwa an Tempo, Vorstellungen, Abbildfolgen. Und manchmal wirken seine Arbeiten, als könne es Danny Boyle darin gar nicht bunt und tricky genug zugehen.

Amalgam aus Heist-Movie und Psychotrip

Das ist nun auch in „Trance“ so, und wenn man ein Motto wählen müsste für diesen Film, dann wäre es dieses: Erinnern heißt sterben. Erinnern soll sich der Kunstauktionator Simon (James MacAvoy): Er war seiner Spielschulden wegen bei einer ganz großen Sache von Kunstdiebstahl mit den Gangstern im Bunde. Für 27 Millionen britische Pfund hatte man Goyas Gemälde „Flug der Hexen“ versteigert, das dann aber nach dem Überfall irgendwo zwischen den Kellergängen des Auktionshauses und der Straße obendrüber verschwand. Nun blickt der Bandenboss Franck (Vincent Cassel) einigermaßen verblüfft auf einen leeren Rahmen, aus dem die Leinwand fein säuberlich herausgeschnitten wurde. Nicht ohne Grund hat Franck seinen Komplizen Simon in Verdacht, das Bild beiseite geschafft zu haben. Doch leider hat er Simon eins übergezogen, nachdem dieser unerwartet Widerstand leistete bei dem Coup. Amnesie ist die Folge. Doch ohne Simons Erinnerung kein Bild. Und mit der Erinnerung – so viel steht fest, denn Franck ist sauer – kein Simon mehr.

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Das ist für beide Seiten eine heillos verfahrene Situation. Wie kommen die Beteiligten, wie kommt vor allem der Regisseur dieses Amalgams aus Heist-Movie und Psychotrip da nur wieder raus? Nun, nach einigen seiner typischen Mätzchen zur Temposteigerung, etwa beschleunigten Szenenbildern und Uptempo-Musik, bietet Danny Boyle als erste Attraktion eine sagenhaft schöne Psychologin auf. Doktor Elizabeth Lamb (Rosario Dawson) soll Simon mittels Hypnose in die vergangene Gegenwart des Kunstraubs zurückführen, um so für Franck den Verbleib des Gemäldes zu klären. Dass sie dabei ihre eigene Agenda verfolgt und das auch noch aus Gründen, die dem Zuschauer zu Tränen rühren können, soll dann der zweite, nämlich erzählerisch raffinierte Coup von „Trance“ sein – Mehrdeutigkeit, Doppelung der Ebenen, eben das. Aber wem soll man noch vertrauen, wenn nicht mal dem eigenen Seelenklempner!

Die vertrackte Gemengelage aus diversen fragmentarischen Rückblenden, die Zugang zu Teilgeschichten öffnen, aus individuellen Motiven der einzelnen Figuren und ihren Maskierungen machen den Überblick in diesem Film ein wenig schwierig. Aber wenn man denselben verliert, ist das eigentlich überhaupt nicht schlimm!

Unsere Erinnerung nicht wert

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Es wird zwar auch ein bisschen halbschlau auf Illustrierten-Niveau herumpsychologisiert über das Gedächtnis, Vergessen und Erinnern, über Traumata und deren Verkapselung. Es gibt auch ein paar lustige Momente; Danny Boyle mimt gern mal den Witzbold. Aber eigentlich geht es in „Trance“ nur darum, die tatsächliche oder vorgebliche Amnesie von Simon immer mal wieder lässig durch visuelle Unschärfen, Doppelbilder, Spiegelungen in glatten Oberflächen oder Bilderflashs zu illustrieren Und es geht darum, Dr. Lamb irgendwann nackt zu zeigen (Dawson verfügt über fabelhafte Brüste), bevor sie sich mit Franck, aber auch mit Simon sexuell umtut. Geschossen wird natürlich auch. Und eine hilfsbereite junge Frau kommt auf grauenhafte Weise um, nur weil sie zur falschen Zeit am falschen Ort war.

„Kein Kunstwerk ist ein Menschenleben wert“, heißt es zu Beginn dieses Films, womit die Angestellten des Aktionshauses ermahnt werden, im Fall eines Kunstraubs nicht die Helden zu spielen. Dieser Film ist nun erst recht kein Leben, ja nicht mal unserer Erinnerung wert.

Trance GB 2013. Regie: Danny Boyle, Kamera: Anthony Dodd Mantle, Darsteller: James McAvoy, Rosario Dawson, Vincent Cassel u. a.; 101 Minuten, Farbe. FSK ab 16.