Adolf (Taika Waititi, l.) und Jojo (Roman Griffith Davis)
Foto: Fox/Walt Disney

BerlinZehnjährige Jungs haben es nie leicht, aber Johannes oder auch Jojo (Roman Griffith Davis) hat es schon besonders schwer: Der kleine Junge lebt in einer süddeutschen Kleinstadt während des Dritten Reichs, der Vater ist aus dem Krieg noch nicht zurückkehrt, seine Mutter Rosie (Scarlett Johansson) umhegt ihn liebevoll, ist aber selten daheim. 

Der Jojo möchte gern ein Nazi werden, doch auch das funktioniert nicht so recht. Beim Manöver der Hitlerjugend ist er zu ängstlich und sensibel und wird von allen nur noch „Jojo Rabbit“ (Kaninchen) genannt. Nur einer steht dem jungen Hasenfuß bei: Adolf Hitler (Taika Waititi) ist Jojos bester, wenn auch nur fiktiver Freund, eine eher alberne Version des Gröfaz, ein Führer, wie ihn sich ein von dauernder Propaganda zugedröhnter Zehnjähriger vorstellt. Als seine Mutter wieder einmal unterwegs ist, hört Jojo Gerappel im Haus, hinter einer Holzvertäfelung findet er einen Teenager (Thomasin McKenzie). Elsa ist Jüdin und wird von Jojos Mutter versteckt, für den Jungen gerät sein ganzen Weltbild ins Wanken.

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Das Haus der Maus

Aber erst einmal hat er schreckliche Angst, vor dem Monster im Versteck, dem jüdischen Horror, den ihm die Propaganda in allem blutigen, fantastischen Detail eingebläut hat. Jojo weiß nicht, was er tun soll. Er will Elsa nur los werden, so schnell wie möglich. Lange war unklar, ob und wie Taika Waititis „Jojo Rabbit“ veröffentlicht wird: Der Film war eine der letzten Fox Searchlight-Produktionen vor dem Einkauf der Fox-Studios durch Disney, man ahnte fast, dass das familienfreundliche Haus der Maus die Nazi-Satire entweder an einen anderen Verleiher oder Streaming-Anbieter abgibt. Doch dazu kam es dann doch nicht, vielleicht weil der neuseeländische Filmemacher Waititi für Disney nicht unwichtig ist – seine Superhelden-Komödie „Thor: Ragnarok“ (2017) hat dem Marvel-Kino ein wunderbar unterhaltsames wie profitables Glanzlicht verpasst; inzwischen ist Waititi auch an der gefeierten Star-Wars-Serie „The Mandalorian“ auf dem neuen Streaming-Dienst „Disney+“ beteiligt. So kommt „Jojo Rabbit“ doch ins Kino, begleitet von nicht wenig PR-Aufwand.

Trailer zu „Jojo Rabbit“

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Und tatsächlich findet man in dem Film vieles, was lustig und ausgefallen ist, einen aber auch emotional treffen kann. Waititi besitzt ein großes komödiantisches Talent und einen rebellischen Zug, was bei einem Film über Nazis eigentlich nicht falsch sein kann: Nichts setzt der selbst ernannten „Herrenrasse“ härter zu als Gelächter über ihre Macht-Fantasien und Weltbeherrschungsträume. Waititi selbst liefert eine tolle Hitler-Parodie ab, ein Führer aus dem Kinderbuch, der im Verlauf dieser Geschichte, je mehr Jojo über Elsa und Juden erfährt, immer ekligere, bedrohliche Züge annimmt. Auch die anderen Nazi-Figuren sind hier komödiantische Karikaturen, der versoffene, einäugige, schwule Wehrmachtsoffizier (Sam Rockwell) ebenso wie der hochgewachsene Gestapo-Mann (Stephen Merchant). Das ist alles oft schon sehr lustig. Aber als Film leider nicht gut.

Die braunen Clowns 

Denn Waititi fehlt bei diesem nach wie vor heiklen Sujet – das ist fast erschreckend – das erzählerische Fingerspitzengefühl genau so wie eine klare inhaltliche Linie. Mit großer Freude macht er die Nazis und das Dritte Reich zur Lachnummer, will aber trotzdem immer wieder ganz ernsthaft sein: Die braunen Clowns sind eben auch Mörder, Krieg und KZs eben keine Fantasy-Konstrukte, der Zweite Weltkrieg kein düsteres Märchen. Diese Unebenheit, das permanente Schlingern zwischen Respektlosigkeit und Geschmacklosigkeit, machen aus „Jojo Rabbit“ letztlich „Hitlerjunge Quatsch“, eine Nazi-Sketch-Revue mit unbequemen Realitätsbezügen.

„Jojo Rabbit“

USA 2019. Regie & Drehbuch: Taika Waititi, nach dem Roman von Christine Leunens, Kamera: Mihai Malaimare Jr. , Schnitt: Tom Eagles, Musik; Michael Giacchino, Darsteller: Roman Griffith Davis, Thomasin McKenzie, Scarlett Johansson, Taika Waititi, Sam Rockwell u.a.; Farbe, 108 Minuten. FSK: ab 12 Jahren

Aus der Ferne, aus Neuseeland oder den USA betrachtet, ist das möglicherweise reizvoll: Waititis Film hat inzwischen schon zahlreiche Kritiker-Preise gewonnen und ist für sechs Oscars nominiert. Für ein europäisches, ein deutsches Publikum ist „Jojo Rabbit“ eher schwer verdaulich. Dem Film fehlt die Wahrhaftigkeit oder auch die Konsequenz, was bei Waititi Pointe sein soll, ist hier aus der Nähe betrachtet ein allzu sorgloses Spiel mit Vergangenheit.