Große königliche Statuen des Königreichs Dahomey im Quai Branly Museum. Dahomey war ein westafrikanisches Kšnigreich, aus dem die heutige Republik Benin hervorgegangen ist. Kein Geschenk, sondern Beutekunst behauptet die beninische Regierung. 
Quelle: Gerard Julien/AFP/dpa

ParisEs gibt Momente, da freut sich der Nerd in einem selbst. Etwa der Marvel-Film „Black Panther“ (2018): In einer Szene betrachtet „Killmonger“ vor einer Glasvitrine im britischen Museum zusammen mit dessen Direktorin die ethnologische Sammlung. „Das hier werde ich Ihnen abnehmen“, sagt er, einen axtartigen Gegenstand aus Afrika betrachtend. „Das Werk steht nicht zum Verkauf!“, protestiert die Museumsleiterin. Darauf Killmonger: „Was glauben Sie, wie Ihre Vorfahren daran gekommen sind? Haben sie einen fairen Preis bezahlt?“ Dann schnappt er sich die Axt. Jahrzehntelang in Museen und Seminarräumen geführte Restitutionsdebatten sind im Mainstream angekommen.

Diesen Juni geschah etwas, das diese rabiate Szene spiegelbildlich in die Wirklichkeit übersetzte. Auf dem Höhepunkt der Black-Lives-Matter-Proteste betrat der kongolesische Aktivist Mwazulu Diyabanza das Quai-Branly-Museum am Pariser Flussufer, das Schätze aus Frankreichs ehemaligen Kolonien beherbergt.

Quelle: Mwazulu Diyabanza
Mwazulu Diyabanza

Der 41-jährige, gebürtige Kongolese Mwazulu Diyabanza ist Sprecher einer panafrikanischen Bewegung, die sich für Reparationszahlungen europäischer Länder für Kolonialismus, Sklaverei und kulturelle Enteignung einsetzt. Wegen seiner umstrittenen Aktionen muss er sich am 30. September vor einem Pariser Gericht wegen versuchten Diebstahls verantworten.

Im Black-Panther-Look wanderte er durch die afrikanische Sammlung und ließ sich dabei filmen. Diyabanza begann lautstark, den postkolonialen Kulturraub anzuprangern. Die Aktion erreichte einen surrealen Höhepunkt, als er gewaltsam einen hölzernen Grabpfosten (aus dem heutigen Tschad oder Sudan) entfernte und damit in Richtung Ausgang lief. Museumswächter stoppten ihn.

Dabei blieb es nicht: Im Folgemonat griff Diyabanza im südfranzösischen Marseille nach einem weiteren Artefakt – wieder aus einem Museum für afrikanische Kunst. Anfang September entfernte er eine kongolesische Grabstatue aus einem Museum in den Niederlanden. In beiden Fällen wurde er von Sicherheitskräften aufgehalten.

Diyabanzas Aktion goß Öl ins Feuer der Restitutionsdebatte

Ende des Monats muss Diyabanza sich dafür vor einem Pariser Gericht verantworten: Er ist des versuchten Diebstahls angeklagt. „Am 30. September stellen wir Sklaverei und Kolonialismus vor Gericht“, sagte sein Anwalt Calvin Job der New York Times. Wenngleich auf der Hand liegt, dass Diyabanza ein Gesetz gebrochen hat, handelt es sich bei dem Fall doch um ein Politikum, das Öl ins Feuer der Restitutionsdebatten gießt: Rund 90.000 Objekte afrikanischen Kulturerbes befinden sich derzeit in französischen Museen.

2017 verpflichtete sich Emmanuel Macron, einen Großteil davon zurückzugeben. Er beauftragte die Wissenschaftler Bénédicte Savoy und Felwine Sarr, einen Bericht zu verfassen, der regelt, wie dies ablaufen soll. Alle Artefakte, die gewaltsam entwendet oder unter ungerechten Bedingungen erworben wurden, sollten zurückgegeben werden, hieß es darin. Eine Forderung, die auch für Deutschland folgenreich wäre.

Allein beim Ethnologischen Museum Stiftung Preußischer Kulturbesitz liegen knapp eine halbe Million Objekte aus kolonialen Kontexten. Im August 2020 begann eine zentrale Anlaufstelle, die mögliche Restitution solcher Objekte aufzuklären. Wer sie als Raubkunst begreift, wird Diyabanzas Aktion eher als medienwirksame Polit-Aktion lesen anstatt als Diebstahl.