Rainer Wiencke und Friederike Maltz vom Berufsverband Angewandte Kunst Berlin-Brandenburg.
Foto: Berliner Zeitung /Markus Wächter

BerlinEine Bienenwabe aus Porzellan, eine Schafgarbenblüte aus Bronze, ein Gefäß aus Mooreiche oder auch Silberbroschen, die aussehen wie Collagen aus Papier. Die Objekte, die ab Donnerstag von rund hundert Gestaltern aller Materialrichtungen auf der Zeughausmesse angeboten werden, sind Unikate oder Kleinauflagen. Ausstellen darf nicht jeder; eine Fachjury hat über die Teilnehmer entschieden, die mit einer Standmiete von 600 bis 1000 Euro ins Risiko gehen.  

Hans Ottomeyer holte die Messe 2004 ans Zeughaus

Gewinn macht der Veranstalter, der Berufsverband Angewandte Kunst Berlin-Brandenburg, nicht, wie Vorstandsmitglied Rainer Wiencke versichert. Und zwar trotz der günstigen Konditionen nicht, die das Deutsche Historische Museum (DHM), zu dem das Zeughaus gehört, dem Verband seit 2004 für diese Messe gewährt. Die Einladung erfolgte vom damaligen Leiter Hans Ottomeyer, der auch stets ein Objekt für die Sammlung des Museums ankaufte. Schließlich war das Zeughaus schon 1844 Schauplatz der ersten Gewerbeausstellung des Deutschen Zollvereins. Inzwischen ist schon der übernächste Museumsleiter am Zuge, angekauft wird nichts mehr, aber die Berliner Volksbank vergibt vier Designpreise in Höhe von insgesamt 3 500 Euro.

Neben der Grassimesse in Leipzig, die vom Museum für angewandte Kunst im Grassimuseum veranstaltet wird, und der Messe Kunst und Handwerk in Hamburg, ausgerichtet vom dortigen Museum für Kunst und Gewerbe, ist die von den Berlin-brandenburgischen Gestaltern selbst organisierte und selbst finanzierte Zeughausmesse eine der wichtigsten Leistungsschauen für Angewandte Kunst in Deutschland. Immerhin hat Kultursenator Klaus Lederer zum zweiten Mal die Schirmherrschaft übernommen und wird ein Grußwort beisteuern – zumindest postalisch.

Mein Geld ist für die Kunst

Kultursenator Klaus Lederer

Denn dass mit ihm in Persona nicht zu rechnen sei, hatte er Friederike Maltz, ebenfalls Vorstandsmitglied des Berufsverbands, schon vor Monaten versichert. „Ihr seid zu kommerziell“, habe er gesagt. Dabei, siehe oben, gehe die Sache für die Veranstalter mit den Kosten für Raum und Pressearbeit auf null aus, während das DHM das Eintrittsgeld der Besucher bekomme, 8 000 seien es im vergangenen Jahr gewesen . Dass die zeitgenössische angewandte Kunst in Berlin mit sehr spitzen Fingern angefasst wird, wurde auch im Juni mehr als deutlich, als Klaus Lederer während einer Diskussion über die Zukunft der Alten Münze die Raumansprüche von Vertretern des Kunsthandwerks und des Designs mit den Worten zurückwies: „Mein Geld ist für die Kunst!“

Aus Eisenschrauben geschmiedete Ringe von Friederike Maltz.
Foto: Friederike Maltz

Dabei wird die Alte Münze seit Jahren unter anderem von einem privat betriebenen Museum für Kunst, Handwerk und Design in Zwischennutzung lebendig gehalten. Und für die zeitgenössische Designszene ist dieses „Direktorenhaus“ in Berlin im Grunde der einzige Anlaufpunkt. Denn das Kunstgewerbemuseum im Kulturforum ist im Vergleich etwa zu seinem Pendant in Köln, das sich schon 1989 in „Museum für Angewandte Kunst“ umbenannte und eine ständige Ausstellung zum Thema „Kunst und Design im Dialog“ hat, doch eher historisch orientiert. Die Zeughausmesse findet seit 2011 nur einmal jährlich statt (zuvor zweimal). Und aus der Bauhaus-Tradition ist der Stadt außer dem Bauhaus-Archiv auch nichts erwachsen – jedenfalls nicht die  Verpflichtung, das Miteinander von Kunst und Handwerk zu pflegen.

 Dissonanzen in der Förderlogik

Kunst komme von Können, schrieb Johann Gottfried von Herder für die Zeit der Aufklärung. Kunst bemesse sich nach der Unwahrscheinlichkeit ihrer Existenz, fasst der Philosoph Christoph Menke die Sache für das 21. Jahrhundert. Kunst sei, was nicht auf ökonomischen Gewinn ziele, versucht Klaus Lederer die Verhältnisse für die Förderpolitik in seinem Ressort zu ordnen.  Wobei einmal auszurechnen wäre, wie viel von den 538,8 Millionen Euro, die Berlin 2019 für Kultur ausgab, am Ende tatsächlich in den Händen von Künstlern geblieben ist. Und wie viel in denen von Bauunternehmern, Vermietern, Werbeagenturen, technischen oder administrativen Dienstleistern, Wach- und Einlassdiensten, Putzfirmen oder Druckereien. Alles Betriebe, ohne deren Beiträge sich eine künstlerische Idee oft nicht formulieren kann, das ist schon klar.

Dennoch könnte man die tatsächliche Verteilungspraxis des Geldes für Kunst und Kultur durchaus als Dissonanz einer Berliner Förderlogik festhalten, die den Bereich des Kunsthandwerks und Designs ausdrücklich ausschließt. Während gleichzeitig das Bauhausjubiläum gerade bundesweit mit 21 Millionen Euro aus Mitteln des Bundes in 2 000 Veranstaltungen gefeiert wurde. Und der Verlust von kunsthandwerklichen Objekten wie denen aus dem 18. Jahrhundert aus dem Grünen Gewölbe in Dresden nahezu eine nationale Identitätskrise auszulösen imstande ist.  

Und es sind ja keine Projektmittel, die das Direktorenhaus oder der Berufsverband Angewandte Kunst beanspruchen würden! Obwohl dessen rund 90 Mitglieder zum Teil ebenso prekär leben wie ihre Kollegen aus der sogenannten freien Kunst und gemeinsam mit diesen in der Künstlersozialkasse versichert sind. Tatsächlich stellen Friederike Maltz und Rainer Wiencke aber gar keine finanziellen Ansprüche an die Kulturverwaltung. Nicht ganz so abgetan zu werden und auch mal ein wenig logistische Unterstützung zu bekommen, wäre schon ein Riesenfortschritt, sagen die beiden Schmuckdesigner beim Ortstermin in der Produzentengalerie VON in der Auguststraße in Mitte.

Bei der Suche nach einem Ausweichquartier für die Messe etwa, da das Zeughaus wegen Renovierung in den kommenden Jahren nicht zur Verfügung steht, habe man sich recht alleingelassen gefühlt. Glücklicherweise sei ihnen das privat betriebene Kühlhaus am Gleisdreieck mit moderaten Konditionen entgegengekommen, sodass der Auftritt 2020 und 2021 gesichert sei. Dort fand in diesem Jahr im April auch schon die „Echt – modern craft“-Ausstellung des Verbandes im Rahmen der Europäischen Tage des Kunsthandwerks statt – ein Anlass zu dem der Kultursenator („wenn eine Veranstaltung die Worte Kunst und Europa im Titel trägt, darf ich ja auch nicht fehlen“) selbst erschienen war, um jedoch auch an dieser Stelle zu betonen, dass er  seine Aufgabe eher darin sehe, „Kunst und Kulturproduktion in der Stadt zu fördern  …“.

Es gibt keinen Wesensunterschied zwischen dem Künstler und dem Handwerker

Walter Gropius 

„Die Diskussion, wer Künstler sei und wer nicht, brauchen wir nicht mehr“, sagt Friederike Maltz im Hinterzimmer des kleinen Galerieraumes. „Kunst ist Kunst. Genauso wie es bei Kunstmalern Handwerker gibt, gibt es auch unter den Handwerkern Handwerkerei. Aber es gibt auch Leute, die eine eigene Sprache entwickeln, die Ideen haben, wie ein Material einmal anders verwendet wird, wie Gestaltung einmal ganz anders funktioniert, und allein wegen des Umstandes, dass man eine Sache auch benutzen kann, darf man ihr doch nicht den Kunstcharakter absprechen.“  – „Es gibt keinen Wesensunterschied zwischen dem Künstler und dem Handwerker“, schrieb Walter Gropius 1919 in seinem „Bauhaus-Manifest“. Kunst sei das, was dem Künstler „in seltenen Lichtmomenten“ und „jenseits seines Wollens“ vielleicht einmal gelinge. Der „Urquell des schöpferischen Gestaltens“ aber sei das Handwerk, und zu diesem müssten die Künstler zurück.

Was viele ja auch tun. Und nicht nur im Sinne für Unikate. Der Installationskünstler Olafur Eliasson etwa hat nebenbei die Solarleuchte Little Sun geschaffen, von der dieser Tage das Millionste Exemplar verkauft wird! Unter allen „Kreativen“, die in der Game- oder Musikindustrie  teilweise sehr gutes Geld verdienen, sind die Kunsthandwerker und Designer, die im eigenen Auftrag benutzbare Dinge schaffen und verkaufen, sicher die bescheidenste Gruppe. So bescheiden, dass sie auch bei der in Berlin für sie vorgesehenen Verwaltung mit der Bitte nach ein paar Strukturmitteln für ein Büro nicht landen kann: „Die Kultur sagt, wir sind zu kommerziell, die Wirtschaft sagt, wir sind zu klein und zu künstlerisch“ (Rainer Wiencke).

Foto: Stefan Reinberger
Zeughausmesse

Arts & Crafts Days: 5.12.:15–18 Uhr, 6./8.12: 10–18 Uhr, 7.12.: 10–21 Uhr, Deutsches Historisches Museum, Unter den Linden 2 (Im Bild: Ring von Rainer Wiencke)

Blieben vielleicht die in der Kulturverwaltung angesiedelten interdisziplinär ausgerichtetem Europamittel für die „Stärkung des Innovationspotenzials  in der Kultur“, von denen in Berlin sowohl Kunstverbände als auch die Filmwirtschaft schon profitiert haben. Aber dafür müssten die Gestalter ein Projekt entwickeln, das mehr anstrebt als die schiere Verbandsförderung. Ein Projekt, das die Gestalter aus ihren Ateliers eher noch fernhalten würde. Was eigentlich ist im Kulturbereich so unsexy daran, jemanden einfach in dem zu unterstützen, was er von sich aus will und kann und was man am Ende anfassen kann?