Berlin - Clubhouse ist eine neue App, über die Interessierte aus Politik und Gesellschaft zusammentreffen, um über Gott und die Welt, Seriöses und Profanes zu plaudern. Man muss von einem bestehenden Mitglied eingeladen werden, um Zugang zu erhalten. Das verleiht der App und ihren Nutzern einen elitären Hauch. Seit Anfang Januar existiert das neue Social-Media-Tool in Deutschland und hat in den vergangenen Tagen schon für ein paar kleine Skandale gesorgt (und für milliardenschwere Investitionen in den USA).

Kurz noch mal zur Auffrischung: Bei Clubhouse kann man sich nach einer Einladung anmelden und an Audio-Gesprächen teilnehmen. Der Moderator wählt den Titel der Diskussion aus – wie etwa „Die Hassliebe zwischen Politik und Journalismus“ – und darf entscheiden, wer von den Teilnehmenden Rederecht bekommt. So entstehen Endlosstreams von Diskussionen, die eine Art unkuratierter Ersatz für Podcasts sind.

Der Sog des großen Rauschens funktioniert. In kontaktlosen Pandemie-Zeiten ist die App zum virusfreien Influencer-Hotspot des politischen und publizistischen Berlins geworden. Blogger, Influencer, Provinz- und Großstadtjournalisten, Twitter-Größen, aber auch Landesminister und Vizepräsidentinnen des Europaparlaments nehmen an den digitalen Treffen teil, um sich ihre einsamen Pandemie-Stunden sozial aufzuwerten. Zur Idee gehört, dass die Gespräche nicht aufgezeichnet und mitgeschnitten werden dürfen, um eine lässige, halbprivate Atmosphäre zu kreieren.

Der Clubhouse-Spaß ist gering

Nun könnte man ausholen und lange erklären, warum die App eine absolute Horrorvorstellung für jeden Datenschutzbeauftragten ist. Die Daten der Teilnehmer, wie etwa die Inhalte ihres Adressbuches, landen in einer Datenkrake in Sillicon Valey und werden dort auf undurchsichtige Weise weiterverarbeitet. Und was bekommt der Nutzer für die Aufgabe seiner Anonymität? Die Gelegenheit, Argumente auszutauschen, die erstaunlich oft den bekannten und eingefahrenen Argumentationslogiken von Twitter folgen. Echokammern treffen auf Echokammern und Politiker auf Journalisten, die sich ihrer gemeinsamen Linie sicher sein dürfen. 

Nach mehreren Audio-Treffen verdichtet sich der Eindruck, man würde sich mitten in der Selbstbeweihräucherungsblase der regierenden Oberschicht befinden. Der Migrationsanteil der Diskutanten ist auffällig gering. Man hört immer wieder die Meinungen und Stimmen der bekannten Influencer: Journalisten, Politiker, PR-Spezialisten, jene Leute also, die ohnehin schon den Diskurs bestimmen. Gruppen, die sich im Alltag begegnen, bewahren auf der App ihr Stammesdenken. Der Algorithmus und die Gruppenvorschläge führen dazu, dass sich die Nutzer nicht mischen.

Verständlich also, dass die ersten Kritiker sich die Frage stellen, warum Politiker und Journalisten eigentlich so unheimlich viel Zeit auf Clubhouse und anderen sozialen Netzwerken verbringen, anstatt ein gutes Buch zu lesen, mit Freunden zu telefonieren oder einfach einen Spaziergang um den Block zu machen. Gibt es wirklich nichts Schöneres für den Abend, als sich einer Diskussion auszusetzen, die dem Rauschen einer endlosen Telefonkonferenz gleicht?

Gut. Sei’s drum! Die App hat einen Unterhaltungswert, und wenn Thema und Diskutanten zueinander passen, dann kann sich tatsächlich eine interessante, spritzige Diskussion ergeben. Man muss als passiver Zuhörer allerdings sehr viel Zeit investieren, bis man Zeuge eines solch lichten Moments werden darf. Das wirklich Deprimierende ist ohnehin eine ganz andere Tatsache: der Umstand nämlich, dass sich in den Diskussionen Journalisten tummeln, die den begrenzten Clubhouse-Spaß gefährden, indem sie so lange zuhören, bis sich in den zähen Gesprächsreihen irgendein Politiker verplappert, um am nächsten Tag zur Zielscheibe eines Zeitungskommentars zu werden.

Der Fall Bodo Ramelow

So ist es Bodo Ramelow passiert. Während eines Clubhouse-Talks fühlte er sich unbelauscht und erzählte im Plauderton, dass er während zäher Ministerialkonferenzen in der Bekämpfung der Corona-Pandemie das Smartphone-Spiel Candy Crush spielt. Außerdem nannte er die Bundeskanzlerin nicht bei ihrem bürgerlichen Namen – Dr. Angela Merkel – sondern bezeichnete sie als „Merkelchen“. Danach witterte ein Journalist der Welt einen Eklat und schrieb einen Text, in dem er die Ausrutscher des Ministerpräsidenten skandalisierte.

Zeit Online setzte nach und zeichnete in einem Text das Psychogramm eines Linke- und (linken) Politikers, der im Grunde am Rande seiner politischen Existenz steht. Ramelow lavierte herum und entschuldigte sich daraufhin für seine verbalen Ausrutscher mit einer nicht ganz ehrlich wirkenden Erklärung. 

Um den Philosophen Slavoj Zizek zu zitieren: „Wollt ihr mich veräppeln?“ Man muss ja nicht gleich die Fallstricke der Cancel Culture herbeizitieren, um die Skandalspirale als das zu enttarnen, was sie ist: ein riesen Wirbel um Nichts. Es reicht allein aus, den gesunden Menschenverstand einzusetzen und sich zu fragen, ob man selbst im stillen Kämmerlein in der einen oder anderen Plauder-Situation vielleicht nicht auch die Grenzen der politischen Korrektheit überschreitet und im Privatgespräch beizeiten einen schiefen Vergleich benutzt.

Das Private ist politisch. Wirklich immer?

Klar, Zeit Online und die Welt haben ja irgendwie recht: Ramelow ist nicht irgendeine dahergelaufene Privatperson, sondern muss sich seiner Verantwortung und politischen Angreifbarkeit bewusst sein. Überall, wo er sich bewegt, ist er zugleich Politiker und Würdenträger. Er muss mit den Konsequenzen seiner Rede leben. Wo er spricht, gibt es keinen halbprivaten Raum. Das Private und Halbprivate ist bei Berufspolitikern politisch. Ein Kollege der Süddeutschen Zeitung zitierte einen Tweet und den Satz: „Politiker:innen, die auf ‚Clubhouse‘ rumlabern, als seien sie abends beim Vino im engsten Freundeskreis, sind offenkundig von allen guten Geistern verlassen.“

Dennoch muss man sich als Journalist oder als Medium die Frage gefallen lassen, ob es nicht zynisch ist, einerseits Politiker für Sprachverfehlungen zu diskreditieren, andererseits die Logik des Shitstorms an den Pranger zu stellen. Mit anderen Worten: Sollte man wirklich jeden Ausrutscher eines Politikers skandalisieren?

Politiker müssen aufpassen

Die Sucht nach dem Eklat war schon immer Teil des journalistischen Geschäfts. Dennoch fällt auf, dass sich die Häufigkeit in Zeiten der digitalen Kommunikation entschieden maximiert hat. Dabei sollte der Wesenskern bei der journalistischen Beurteilung von Aussagen immer der Kontext sein, in dem sie getätigt werden. 

Die große Frage ist doch: Muss man ein halbprivates Kanzlerinnen-Späßchen, möge es noch so misslungen sein, ähnlich gewichten wie eine Beleidigung auf einem Podium? Ist der Kontext wirklich der gleiche? Ist das ausgesprochene Schimpfwort auf dem Fußballfeld wirklich ähnlich zu gewichten wie die bewusste Beleidigung in einem Leitartikel? 

Was in der Rechtsprechung zum Alltagsgeschäft gehört, die Exegese und Interpretation, ist in der digitalen Kulturwelt zum vernachlässigten Gegenstand geworden. Der Fall Clubhouse ist ein neuer Beweis dafür. Sehr gut möglich, dass sich Politiker ab jetzt stärker hüten werden, einen Schimmer ihrer privatpersönlichen Seite zu zeigen. So oder so. Der große Gewinner des Wirbels ist weder der Journalismus noch der politische Diskurs, sondern vor allem: das Unternehmen Clubhouse.