Jesus-Film von Porta dos Fundos: Gregório Duvivier als Jesus (links) und Fábio Porchat als Orlando.
Foto: AFP

Rio de JaneiroHa! Gerade noch geschafft! Sofort, nachdem ich am Donnerstagmorgen die dpa-Meldung gelesen hatte, dass Netflix auf Geheiß eines brasilianischen Gerichtes die seit 3. Dezember zur Verfügung gestellte Jesus-Satire „A Primeira Tentação de Cristo“ (Die erste Versuchung Christi) bis auf Weiteres aus dem Netz nehmen muss, habe ich mich dort natürlich sofort eingeloggt, um zu prüfen, ob der Film (dessen Titel sich an Martin Scorseses „Die letzte Versuchung Christi“ von 1988 anlehnt), vielleicht doch noch zu sehen ist – und ich hatte Glück! Und danach eine wirklich nette Dreiviertelstunde. 

Gott ist ein Angeber mit Undercut

Danke, liebes Verbot, das stets das Böse will und oft das Gute schafft. Anders hätte ich (und mit mir sicher ein guter Teil der nicht-brasilianischen Welt) kaum von diesem Spaß der Komikertruppe Porta dos Fundos (Hintertür) erfahren, die auf YouTube seit einigen Jahren einen eigenen Kanal unterhält. Was das in Rio de Janeiro ansässige christliche Dom-Bosco-Zentrum an diesem Monty-Python-artigen Kostümfilm über eine Party zu Jesus’ 30. Geburtstag so erzürnte, dass es Klage einreichte, ist offenbar nicht, dass Gott – der zum Ärger von Josef auch eingeladen wurde – ein Angeber ist, der Undercut mit Zöpfchen trägt und Maria gegenüber andeutet, dass die Empfängnis vielleicht doch nicht ganz so unbefleckt war. Auch nicht, dass Jesus nach den 40 Tagen in der Wüste mit der Erkenntnis zurückkehrt, sich ganz aufs Jonglieren konzentrieren zu wollen. Sondern dass er Orlando mitbringt, seinen schwulen Geliebten.

Der Umstand, dass sich Orlando im munteren Verlauf des von Rodrigo Van Der Put inszenierten Films als Luzifer entpuppt, der von Jesus in einem Kampf mit viel Laserstrahlen und Kunstblut bedauernd, aber letztlich eben doch besiegt wird und zwar final, weil „Gott in jedem von uns“ ist und daneben kein Teufel Platz hat, spielte bei der Bewertung offenbar keine Rolle. Der Skandal, dass Jesus seinen Job als Gottes Sohn am Ende nur unter der Bedingung annimmt, dass er sich die 12 Aposteljungs selbst auswählen darf, hat wohl schwerer gewogen.

Trailer von „A Primeira Tentação de Cristo“ (Die erste Versuchung Christi), 2019,  Regie: Rodrigo Van Der Put.

Quelle: YouTube

Das Gericht, legt die Meldung nahe, folgte der Klage in zweiter Instanz, um weitere Unruhen zu verhindern. Am 24. Dezember waren schon Molotowcocktails auf den Firmensitz von Portas dos Fundos in Rio de Janeiro geworfen worden. Dem Verbot geholfen hat möglicherweise auch, dass Präsidentensohn Eduardo Bolsonaro am 11. Dezember getwittert hatte: „Wir sind für Meinungsfreiheit, aber ist sie einen Angriff auf den Glauben von 86 Prozent der Bevölkerung wert?“ Und tatsächlich gibt es eine breite Front gegen diese Satire; eine am Donnerstagmittag auf change.org noch immer geöffnete Petition für das Verbot des Filmes wartet mit mehr als 2,3 Millionen Unterschriften auf.

Jede Art der Zensur bedeutet einen Rückschritt und kann von der Gesellschaft nicht hingenommen werden.

Anwalt Felipe Cruz

Der Vorsitzende der brasilianischen Anwaltskammer Felipe Cruz hat die Entscheidung mit Hinweis auf die in der brasilianischen Verfassung verankerte Freiheit der Kunst kritisiert. „Jede Art der Zensur bedeutet einen Rückschritt und kann von der Gesellschaft nicht hingenommen werden“, sagte er dem Nachrichtenportal G1. Und es gibt auch einen weiteren Rechtsweg, die jetzige Entscheidung ist nicht unrevidierbar. Aber dass hier ernsthaft der Tatbestand einer Verletzung religiöser Gefühle aufgrund einer rein verbalen Markierung von Jesus als Homosexuellem nicht nur debattiert, sondern auch rechtlich festgestellt wurde, dürfte nicht nur homosexuelle Christen schockieren (und wiederum deren religiöse Gefühle empfindlich verletzen).

Es sind keine sexuellen Handlungen zu sehen, Jesus trägt ordnungsgemäß ein härenes Gewand und dunkle Locken mit Bart und Orlando, die Tunte, wird als Luzifer sogar vernicht. Es ist nicht anzunehmen, dass sich wirklich alle Unterzeichner der Petition (oder besser: der Petionen, es gibt mehrere auf change.org) den Film vorher angesehen haben. Ein Hörensagen von "Blasphemie" könnte latente oder offene Homophobie hier bereits ausreichend getriggert haben. Und was hört man nicht alles so ... Und wo lässt man sich nicht überall gerne triggern ...  

"Liebt eure Feinde und bittet für die, die euch verfolgen"

Aber um jetzt mal nicht kulturpessimistisch zu werden: All jene, die sich durch den saloppen Umgang von Porta dos Fundos mit dem Personal des Neuen Testaments tatsächlich gekränkt und angegriffen fühlen, die ihre religiösen Gefühle wirklich verspottet sehen, die haben hier Gelegenheit, den Jesus in sich zu zeigen und die zu lieben, von denen sie denken, dass sie ihnen schaden wollen. Denn wie sagte "J" (wie er im Film heißt) auf dem Berg zu seinen Jüngern: "Liebt eure Feinde und bittet für die, die euch verfolgen, damit ihr Kinder seid eures Vaters im Himmel. (...) Denn wenn ihr liebt, die euch lieben, was werdet ihr für Lohn haben? Tun nicht dasselbe auch die Zöllner? Und wenn ihr nur zu euren Brüdern freundlich seid, was tut ihr Besonderes? Tun nicht dasselbe auch die Heiden? Darum sollt ihr vollkommen sein, wie euer Vater im Himmel vollkommen ist." Will sagen: Verbot ist immer moralischer Bankrott.