Die Wüste glüht. Rot strahlt der Sand, den die Nukleartests der Regierung in Atomstaub verwandelt haben. Er bedeckt ein indianisches Reservat im Painted Desert. „Von Euch vergiftet, von uns verflucht“, nennen die Indianer ihre ehemalige Heimat, die, überzogen von Strahlung, für Jahrtausende unbewohnbar bleiben wird. In diese Wüste verirren sich Harry Fletcher (Jonathan Pryce) und seine Frau Buffy (Judy Davis). Im luxuriösen Oldtimer bricht das Ehepaar in die zweiten Flitterwochen auf, um eine Ehekrise beizulegen. Doch der Bentley bleibt liegen, schon kurz nach Reiseantritt sind der Starschauspieler und seine Frau dem Ödland ausgeliefert. Während Harry resigniert, sucht Buffy nach Rettung. Sie findet die Hütte eines Jungen, der allein im Painted Desert lebt.

River Phoenix spielt diesen namenlosen Jungen, dessen sexuelles Begehren für Buffy sich bereits bei ihrer ersten Begegnung offenbart. In diesem Augenblick erstarrt der Film. Nur ein Standbild von der Hütte des Jungen ist zu sehen, während der Regisseur George Sluizer aus dem Off erzählt, wie dieser Buffys verletzen Fuß bandagiert. Sluizer konnte diese Szene nie drehen. Der plötzliche Tod von River Phoenix beendete 1993 vorzeitig die Dreharbeiten. Das bereits gedrehte Filmmaterial erlangte der niederländische Regisseur erst Jahre später wieder. 2012 stellte er die Version des Films fertig, die nun in den Berliner Kinos zu sehen ist. Die Standbilder im Film sind eine ständige Erinnerung an die Tragödie. Was passiert, während sie zu sehen sind – etwa die Zärtlichkeiten zwischen Buffy und dem Jungen –, bleibt Behauptung, so trügerisch wie die Absichten des Jungen.

Der hilft dem Ehepaar trotz seiner Verbitterung über den Tod seiner Squaw, die nach den Atomtests einer Krebserkrankung erlag. Er versorgt das Paar in seiner Hütte, während im nächsten Dorf der Bentley repariert wird, verwehrt ihm aber gleichzeitig die Möglichkeit, seinen Truck zu nutzen, um ein Motel zu suchen. Der Konflikt schwillt langsam zum Duell zwischen Harry und dem Jungen an. Dabei entzieht Sluizer seinem Film die Eindeutigkeit, mit der im Western üblicherweise Duelle ausgetragen werden. Das Painted Desert ist für die Figuren ein Gefängnis, das keine Genre-Formeln zulässt. Festgesetzt in der Wüste, changiert der Film zwischen kultureller Annäherung und der Inszenierung eines Machtkampfs.

„Dark Blood“ ist ein Kammerspiel, dessen Spannung aus der Ambivalenz des Verhältnisses zwischen Ehepaar und Gastgeber gespeist wird. Der Konflikt zwischen dem überheblichen Schauspielstar Harry und dem archaischen, naiven Jungen, die jeweils das wohlhabende und das indigene Amerika verkörpern, wirkt durch die abrupten Richtungswechsel mitunter unbeholfen. Sicher zeichnet dafür die fragmentarische Struktur der Geschichte verantwortlich: Die Lücken, die die fehlenden Szenen reißen, stellen Sluizers Idee einer atmosphärisch dichten Genrevariation vor zu große Hindernisse. Die Ambiguität, die er im Duell zwischen dem Jungen und Harry angelegt hat, verliert sich in den Leerstellen, die den Film zerschneiden wie die Canyons das verstrahlte Reservat der Indianer.

„Dark Blood“ webt die Tragödie der Zerstörung indigener Kultur geschickt in ein Kammerspiel, bleibt aber letztlich ein Fragment, das der Tragödie seiner eigenen Entstehungsgeschichte nicht entgeht.

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