BerlinJournalisten haben mitunter Probleme, für Fehlleistungen Abbitte zu leisten. Das liegt daran, dass sie ihr Tagwerk vor den Augen der Öffentlichkeit verrichten. Müssen sie sich für einen Fehler entschuldigen, tun sie das nicht nur gegenüber dem Betroffenen, sondern gegenüber der kompletten Leserschaft. Das verkraftet nicht jedes Ego.

Es scheint folglich bemerkenswert zu sein, dass die beiden Chefredakteure der Süddeutschen Zeitung (SZ), Judith Wittwer und Wolfgang Krach, sich für einen Artikel ihres Musikkritikers Helmut Mauró, den man als antisemitische Polemik gegen den jüdischen Pianisten Igor Levit verstehen kann, bei dem Künstler und ihren Lesern entschuldigt haben. Mauró hatte in seinem Stück im Zusammenhang mit Levit von einer „Opferanspruchsideologie“ geschwafelt. Er warf die Frage auf, ob der Kampf des Musikers gegen Rechtsextremismus „nur ein lustiges Hobby sei“. Und er machte sich über dessen Tweet nach dem gewaltsamen Angriff auf einen jüdischen Studenten in Hamburg lustig. In ihm hatte Levit geschrieben, wie müde er sei.

Schaut man sich diese Entschuldigung genauer an, ist sie allerdings weniger bemerkenswert als vielmehr hochnotpeinlich. Maurós Pamphlet erschien vergangenen Freitag, die Entschuldigung erst am Mittwoch, also fünf Tage (!) später. Offenbar hatte Chefredakteur Krach gehofft, die Sache in der Zwischenzeit auf einem anderen Weg aus der Welt zu schaffen. Das legt ein Tweet Levits vom Montag nahe: Er schreibt, Krach habe sich via Mail bei ihm gemeldet und erklärt „hinter diesem Artikel“ zu stehen. Er habe ihm das „Angebot“ unterbreitet, auf Maurós Stück in der SZ zu antworten. Das habe er abgelehnt. Ihn habe die Mail des Chefredakteurs mehr getroffen als das Machwerk des Musikkritikers.

Tatsächlich scheinen Krach und Wittwer den Artikel für einen durchaus diskutablen Debattenbeitrag zu halten. Über ihn sei in der Redaktion „leidenschaftlich und kontrovers“ gestritten worden. Folglich entschuldigen sich die beiden auch nicht für dessen Abdruck, sondern lediglich dafür, dass Leser, aber auch Levit selbst, ihn „als antisemitisch“ empfänden. Der Text der beiden endet mit dem Satz: „Die Frage, was und wie wir aus dem Fall lernen können, wird uns weiterhin beschäftigen.“

Mit der Lernfähigkeit der Chefredakteure dürfte es allerdings nicht weit her sein: In derselben Ausgabe, in der sich die zwei wortreich entschuldigen, ist der Leserbrief einer Evelyn Hecht-Galinski abgedruckt. Obwohl sie die Tochter des ehemaligen Vorsitzenden des Zentralrats der Juden in Deutschland Heinz Galinski ist, gilt sie als Antisemitin. Mit Vorliebe publiziert die Dame in dem verschwörungstheoretischen Blog NRhZ-Online, von dem sie 2014 mit dem „Kölner Karlspreis für engagierte Literatur und Publizistik“ ausgezeichnet wurde. Die Laudatio hielt damals die einschlägig bekannte Szenegröße Ken Jebsen.

Das alles muss man nicht unbedingt wissen. Allerdings sollte man schon aufmerksam werden, wenn jemand, wie Hecht-Galinski es tut, im Zusammenhang mit einem jüdischen Künstler raunt, er sei „von interessierten politischen Kreisen … zum ,Gott erkoren‘“ worden und „dank ,besonderer‘ Unterstützung“ nicht nur ein, ach was, „der ,Medienliebling‘“. Solche Formulierungen müssen einen erfahrenen Redakteur hellhörig machen. Denn wer so schreibt, verbreitet Verschwörungstheorien, die nicht selten antisemitischer Provenienz sind.

Aber die Sensibilität gegenüber antisemitischen Topoi war in der SZ-Redaktion in den vergangenen Jahren nicht groß. Ganz im Gegenteil:

-         2013 illustrierte das Blatt die Rezension zweier Israel-kritischer Bücher mit einem Bild von dem Künstler Ernst Kahl. Es entstand für den Gastro-Titel Feinschmecker und zeigt ein Monster, dem eine opulente Mahlzeit serviert wird. In der Bildunterschrift steht, „Israels Feinde“ hielten das Land für einen „gefährlichen Moloch“. Die SZ nannte die Bildauswahl später einen „Fehler“.

-         Im selben Jahr bebilderte die SZ auf der Leserbriefseite Zuschriften zu dem damaligen Chaos am Mainzer Hauptbahnhof mit einem Bahngleis des Vernichtungslagers Auschwitz-Birkenau. Ein „Fehler“, wie man auch hier einräumte.

-         2014 brachte die Zeitung am 21. Februar in ihrer Frühausgabe eine Karikatur, die den jüdischen Facebook-Gründer Mark Zuckerberg als Kraken mit wulstigen Lippen und Riesennase zeigt. In der Spätausgabe wurde der Kopf des Kraken durch einen Monitor ersetzt.

-         2018 zeigte die SZ in einer Karikatur den israelischen Ministerpräsidenten Benjamin Netanjahu mit wulstigen Lippen, großer Nase und riesigen abstehenden Ohren. Das Blatt entschuldigte sich und trennte sich von dem Karikaturisten Dieter Hanitzsch, der die Zeichnung angefertigt hatte.

Nun soll die Publizistin Carolin Emcke in der SZ eine Replik auf Maurós Text schreiben. Reicht das?

In Norddeutschland sagt man, der Fisch stinkt vom Kopf. Der Kopf der SZ ist eine Doppelspitze. Chefredakteurin Wittwer kam erst im Juli dieses Jahres vom Zürcher Tages-Anzeiger. Krach dagegen gehört der SZ-Chefredaktion seit 2007 an. Seit 2015 ist er Chefredakteur.