Der Lockdown wird aller Wahrscheinlichkeit nach verlängert. Daher wird es auch im neuen Jahr wichtig sein, guten Stoff für die übrig gebliebenen Wintermonate zu hamstern, also Lese-, Film-, Bücher- und Podcast-Futter. Die Redaktion der Berliner Zeitung gibt in regelmäßigen Abständen Tipps für eine aufregende Zeit zu Hause. Hier also die neueste Folge.

Streaming

Erinnern Sie sich noch an den Schachkampf Boris Spasski gegen Bobby Fischer? USA gegen UdSSR, Kommunismus gegen Kapitalismus. Gut gegen Böse. Die freie Welt gegen die andere. Episch. Mein Bruder kaufte sich damals Bücher und spielte die Spiele nach. Die Parallelen in der kleinen Netflix-Serie „Das Damengambit“ sind unübersehbar, aber ohne historischen Bezug. Im Mittelpunkt steht die hochbegabte, aber tabletten- und alkoholabhängige Spielerin Elizabeth „Beth“ Harmon, gespielt von Anya Taylor-Joy. Die wichtigsten Gründe, warum sich die Serie lohnt: Den Männern zuzuschauen, wie sie die Fassung verlieren, wenn sie vom Brett gefegt werden; die Kleider, die Anya Taylor-Joy trägt, sind ein Augenschmaus; und das Ende. Das Damengambit, Netflix, 2020. (Tobias Miller)

Allein schon wegen des schwindelerregenden Drohnenflugs rund um das Ulmer Münster – immerhin höchster Kirchturm der Welt – ist die Dokumentation „Wettstreit der Kathedralen - Die Gotik“ zu empfehlen. In einer knappen Stunde wird man durch die spektakulärsten Bauten dieser Zeit geführt, es wird gezeigt, wie revolutionär die Baumeister zu Werke gingen. Und dass es nicht nur um die Verehrung Gottes ging, sondern schlicht um einen sehr irdischen Wettstreit, die noch größere und noch schönere Kirche zu bauen. Bis zum 25. März in der Arte-Mediathek. (Tobias Miller)

Eigentlich müsste alles gut sein: Hunter Conrad (Haley Bennett) war einst eine einfache Verkäuferin, jetzt wohnt sie in einer Luxusvilla am Hudson River und ist mit dem Multimillionär Richie (Austin Stowell) verheiratet. Trotzdem ist sie nicht ganz glücklich. Der Mann treibt sich auf Geschäftsterminen herum, sie langweilt sich im blitzblankpolierten Zuhause. Was tut sie gegen die Lethargie, die Sinnlosigkeit, die Unlust? Hunter isst spitze Gegenstände wie Reißzwecken, Nägel oder Schrauben. Anders gesagt: Sie leidet am Pica-Syndrom. Regisseur Carlo Mirabella-Davis entfaltet in dem Psychodrama „Swallow“ eine klinische Traurigkeit, die sich tief ins Bewusstsein nagt. Nichts für schwache Nerven, trotzdem einer der besten Filme des Jahres mit schockierendem Ende. „Swallow“, 2019, auf Amazon Prime. (Tomasz Kurianowicz)

Das Universum hat zum Glück immer geöffnet. Da spielt der Lockdown keine Rolle. Das Berliner Planetarium hat sich etwas einfallen lassen, wie man sich die Sterne ganz bequem vom Sofa aus erklären lassen kann. Regelmäßig werden auf YouTube Livestreams übertragen, welche sich auch im Nachhinein noch anschauen lassen. Immer mittwochs um 20 Uhr werden die Phänomene des Weltalls erklärt, in der Reihe „All@Home“. Freitags werden unterschiedliche Live-Formate geboten, von der englischsprachigen „Starry Night“ über „Astronomie Aktuell“ bis hin zu kurzweiligen Musik- oder Kulturprogrammen. Auch für das neue Jahr sind schon Veranstaltungen geplant. Stiftung Planetarium Berlin, auf YouTube. (Dorothea Nitzsche)

Ich bin spät dran, ich weiß. Die erste Staffel der britischen Serie „The End of the F***ing World“ wurde schon 2018 auf Netflix veröffentlicht. Aber – welcher Serientitel passt besser in dieses verhasste Horrorjahr? Obendrein liefern die Briten, mal wieder, eine herrlich makabre Coming-of-Age-Story, die erste Staffel habe ich an einem Abend geguckt. Gut, dass die Folgen maximal 25 Minuten lang sind. Die Teenager Alyssa und James haben, verständlicherweise, keinen Bock auf ihre Familien und hauen ab. James glaubt, er wäre Psychopath, hat seit seiner Kindheit schon allerhand Tiere umgebracht und kommt nur mit, um jetzt endlich auch mal eine menschliche Kehle (Spoiler: Alyssas) durchzuschneiden. Die freche, eigensinnige Rotzgöre Alyssa sucht ihren Vater. Auf ihrem Roadtrip entdeckt James seine Menschlichkeit wieder und Alyssa durchlebt eine emotionale Achterbahnfahrt. Eine morbide Serie zum Lachen, Weinen und mit Musik zum Mittanzen. Jeder, der den Kultfilm „Harold & Maude“ mag, wird diese Serie lieben! The End of the F***ing World, 2017, auf Netflix. (Maxi Beigang)

Bücher

Hans Fallada wollte seinen Kindern die Dorfschule von Carwitz ersparen und schickte sie aufs Internat. Der Briefwechsel mit ihnen ist in diesem Jahr erschienen, ein kleines Buch nur, aber eine große Freude für alle, die mehr über den Autor von „Jeder stirbt für sich allein“ wissen wollen. Depressionen, Wut, Alkohol prägten die letzten Jahre des Schriftstellers (1893–1947). In den Briefen an die Kinder aber wirkt er umsichtig und heiter. Und es gibt sogar Bezüge zu heute. „Du kannst mich leider nicht Besuchen, denn bei uns haben 3 Kinder Scharlach“, schreibt die neunjährige Lore im Februar 1943 aus Potsdam. Zehn Tage durften die Kinder wegen der Ansteckungsgefahr nicht zur Schule, berichtet sie dem Vater. „Es können immer noch mehr Kinder Scharlach bekommen, dann müssen wir immer noch 10 Tage länger nicht in die Schule.“ Die Eltern schickten ein Päckchen in den Lockdown. Hans Fallada hat sogar seine letzte literarische Arbeit im Auftrag eines seiner Kinder verfasst: Sein Sohn Uli hatte ihn als 16-Jähriger gebeten, in einem Vortrag zu erzählen, wie man Schriftsteller wird. Auch diesen Text enthält das Buch. Man müsse versuchen zu erreichen, „dass man nicht irgendwas tut, nur um etwas zu tun, sondern dass man etwas tut, das einen freut – und damit auch die anderen“, schreibt Hans Fallada. „Dass Ihnen dies beschieden sein möge, das ist mein Wunsch für jeden von Ihnen!“ Das klingt nach einem guten Motto für 2021. Der aufschlussreiche Vortrag gab dem Band den Namen: Hans Fallada: „Meine lieben jungen Freunde“ (Aufbau-Verlag, 144 S., 16 Euro). Cornelia Geißler

Spiele

Strategische Brettspiele erfreuen sich großer Beliebtheit – wer wollte nicht immer schon mal sein eigenes Königreich errichten, sein Reich verteidigen, Herr über Burgen und riesige Ländereien sein? Alle, die an derartigen Aufbauspielen Freude haben, denen sei „Kingdom Builder“ ans Herz gelegt. Die Entwicklung des erfolgreichen US-Spieleautors Donald X. Vaccarino mit Illustrationen von Oliver Schlemmer gewann im Jahr 2012 die Auszeichnung „Spiel des Jahres“ und hat seither nichts von seiner Faszination eingebüßt. Die Spieler übernehmen die Rolle von Siedlern, die sich jeweils ihr eigenes Königreich erschaffen. Wer am Ende das meiste Gold gescheffelt hat, gewinnt, aber vorher besteht der große Spaß darin, Siedlungen auf verschiedenen Wald-, Wiesen- und Wüstenfeldern zu bauen, und zwar möglichst großflächig und raumgreifend. Dabei gibt es viele Sonderaktionen und Möglichkeiten, allzu kompliziert ist es nicht, dafür aber immer spannend und abwechslungsreich. Zahlreiche Erweiterungen wie das 2017 erschienene „Harvest“ mit einem Farmland als neuem Geländetyp sorgen dafür, dass es nie langweilig wird. Kingdom Builder, Queen Games, ab ca. 32 Euro. (Anne Vorbringer)

So gelingt der Königreich-Aufbau.

Quelle: Youtube

Der „Tatort“ gehört zu den beliebtesten TV-Sendungen. Millionen Zuschauer sitzen vor den Fernsehern, wenn ermittelt wird. Vielleicht liegt’s an der Lust, Geheimnisse zu entschlüsseln und rätselhafte Verbrechen zu klären? Inzwischen gibt es dieses Vergnügen auch für den Couchtisch. Die Firma „iDventure“ bietet etwa Krimi-Spiele an, bei denen es darum geht, ein fiktives Verbrechen aufzuklären. In der Box liegt eine Akte voller Dokumente und Beweisstücke, die analysiert werden wollen. Klingt nach langweiligem Papierkram, ist aber spannend – denn beim Lesen der unzähligen Seiten setzen sich die Informationen nach und nach wie ein Puzzle zusammen. Echte Ermittlungsarbeit ist gefragt: Immer wieder gibt es zu den fiktiven Personen Profile in den sozialen Netzwerken, die ausfindig gemacht werden müssen – denn vielleicht lassen sich dort Motive oder Alibis entdecken. Im ersten Fall, „Das Feuer in Adlerstein“, geht es um ein abgebranntes Haus – und die zentrale Frage: Wer war’s? Ein Spaß für alle Hobby-Detektive und die, die es werden wollen. Übrigens: Wenn sich zwei Haushalte jeweils eine Box leisten, kann der Spürsinn auch auf Distanz via Telefon trainiert werden. iDventure: „Das Feuer in Adlerstein“, 24,95 Euro, Infos: www.idventure.de. (Florian Thalmann)

Foto iDventure
In den Krimi-Boxen von iDventure liegen Dokumente und Beweisstücke, die analysiert werden wollen.