Renée Green aus Ohio macht in Berlin gerade einen Spagat: eine Ausstellung in den Kunst-Werken in der  Auguststraße, zeitgleich in der Kreuzberger DAAD-Galerie. Die afroamerikanische Installationskünstlerin und Filmemacherin, Jahrgang 1959, Schwester des Musikers Derrick Green, Frontmann der Band Sepultura, ist bekannt für ihren so lapidaren wie insistierenden, realen wie fiktiven Bilder-Erzählstil. Der fiel schon auf der von Okwui Enwezor kuratierten Documenta 11 auf.

Inzwischen hat die Stipendiatin des Berliner Künstlerprogramms DAAD dieses unkrawallige, eher unterschwellige und oft wie nur beiläufige Befragen der Macht- und Gewaltstrukturen noch konsequenter kultiviert. Mit „Inevitable Distances“ erzählt Green auch von ihrem Weg als schwarze Künstlerin, von guten Begegnungen und von ernüchternden Erkenntnissen. Immer schwingt jener wie ein zigmal entferntes Geschwür, von Generation zu Generation weiterwuchernde Rassismus mit, der Hass, die Menschenverachtung, seit der Zeit, als ihre Vorfahren noch Sklaven waren im Land der unbegrenzten Möglichkeiten.

Free Agent Media/Frank Sperling
Renée Green „Space Poem #2 (Laura’s Words)“, 2009, Detailansicht in der Halle des KW Instituts.

Green zeigt an beiden Orten von der Decke hängende, mit Schrift bedruckte Banner: Die fragmentarischen Worte sind Poems, fast wie Tagebucheintragungen: „the time alone can read“. Viel blaue, gelbe, grüne Seide hat sie für die kryptischen Botschaften vernäht. Grün, die Farbe der Hoffnung? In der DAAD-Galerie hängen darunter Schwarz-Weiß-Fotos: Alltagsmomente, auf den ersten Blick harmlose, aber intensiv beobachtete Erinnerungen, auf der Straße, von Auslagen, Werbung, Interieurs mit Kleiderständern, zerwühlte Betten, Zigarettenasche auf Laken. Eine leicht Absurdität schwingt immer mit, so ein Gefühl, gleich könnte etwas Unheilvolles passieren.

In den Kunst-Werken kommt man vorbei an einer Installation mit grafischen Darstellungen zur amerikanischen Sklavenzeit auf dem Kontinent. Auf zwölf großen, bunten Gouachen ist auch dargestellt, wie es vom 16. bis ins 19. Jahrhundert hinein Schwarzen erging unter weißen Herrenmenschen von Gottes Gnaden. Die für mich stärkste Arbeit ist ein in der Halle wie ein Inselchen schwimmendes Podest, darauf verschnörkelte Sitzmöbel, Stehlampe alles mit Gobelinstoff in Weiß-Rot bezogen. Aber wie perfide – die Muster entpuppen sich nicht nur als kitschige Heimat-Idyllen und pathetische Schäferstündchen, sondern dazwischen auch als grausame Gewaltszenen gegen Schwarze. Green stellte hier die biedermeierlichen Möbel eines Sklavenpeinigers aus. Das Böse ist trivial.

Institut KW, Auguststr. 69 (Mi–Mo 11–19, Do bis 21 Uhr), und DAAD-Galerie, Oranienstr. 161 (Di–So 12–19 Uhr), bis 9. Januar, Besuch mit 2G-Regel