Die Ruinen von Hiroshima, überblendet von der Fotografie eine jungen Kambodschanerin und der Aufnahme eines Butho-Tänzers. 
Foto: Berlinale

Berlin -  Das fehlende Bild“ heißt ein Film des kambodschanischen Regisseurs Rithy Panh. Es ist das fehlende Bild seiner Familie, die 1975 unter den Roten Khmer aus Phnom Penh deportiert wurde, weil sie Stadtmenschen waren, gebildet, der Vater Lehrer. Rithy Panh war damals 13, sie mussten auf den Reisfeldern Zwangsarbeit leisten, erschöpft, unterernährt. Rithy Panh überlebte als einziger. Von den Eltern, von den Geschwistern ist ihm nicht einmal ein Foto geblieben. Das fehlende Bild wurde ihm zu einer Obsession. Als es ihm gelang, aus einem thailändischen Flüchtlingslager nach Frankreich zu kommen, studierte er dort das Bildermachen – an der Filmhochschule in Paris. Sofort nach seinem Abschluss kehrte er nach Kambodscha zurück.

Eine grausige Bilderflut

Die Roten Khmer beendeten die Blütezeit des kambodschanischen Kinos. Bilder, die aus dieser Zeit geblieben sind, sind Propagandabilder. Diesen wendet sich Rithy Panh nun zu. Er zeigt jedoch nicht allein Bilder, die unter den Khmer Rouge entstanden sind, sondern er verlässt mit diesem Film zum ersten Mal sein Land und zeigt die Schreckensbilder des 20. Jahrhunderts. Bilder aus den Weltkriegen, den Konzentrationslagern der Nationalsozialisten, aus Hiroshima nach der Atombombe.

Es ist eine grausige Bilderflut, die der Filmemacher aus den Archiven gehoben hat, und die sich nun auf einen ergießt. Bilder von Leichen, von Menschen so mager, dass sich das Skelett durch die Haut drückt – die den Verstand verloren zu haben scheinen, weil das, was man ihnen antut, ja auch nicht zu verstehen ist. Bilder von Exekutionen, von der Zwangsarbeit in den Reisfeldern, von der Rekrutierung von Afrikanern und Asiaten in den Kolonien, um sie auf den europäischen Schlachtfeldern kämpfen zu lassen. Bilder aus dem Vietnamkrieg von Entlaubungsflügen, Napalmeinsätzen, verbrannte Menschen, lebend und tot. Und immer wieder der Atompilz, immer wieder. Rithy Panh potenziert die Flut noch durch Wiederholung und durch die dreigeteilte Leinwand, die jedes Bild vervielfacht, die sie aufeinander reagieren, sie ineinanderfließen lässt. Es ist allein diese Form des Triptychons, die einen diesen Strom halbwegs aushalten lässt, indem sie die Bilder als Bilder wahrnehmbar macht.  

 

Was bleibt: Manchmal sind es nur ein paar Fotografien.
Foto: Berlinale/Rithy Panh

Zu der  Installation, die Rithy Panh geschaffen hat, gehören wenige eigene Sequenzen: dokumentarische Bilder, in die er anderes dokumentarisches Material blendet, Aufnahmen von weißgeschminkten Butho-Tänzern. Wie in sinnloser Abwehr halten sie die Hände empor, wie Geister schauen sie durch blinde Fensterscheiben. Eine Art Todesfuge ergänzt die Bilder: „Das Böse jagt uns.“  Auch wenn die jüngsten Bilder in „Irradiés“ gut 40 Jahre alt sind, erzählt Rithy Panh doch von der Gegenwart, von der Zukunft. Das Bild eines Leichenbergs verhindert nicht, dass weitere Leichenberge entstehen. „Hiroshima, Nagasaki. Ich kenne die dritte Stadt nicht, aber sie wird kommen.“ Sind Bilder machtlos?

Bophanas Erbe

Die Antwort liegt vielleicht in einer dieser wenigen von Rithy Panh gedrehten Sequenzen in Toul Sleng, dem einstigen Foltergefängnis der Roten Khmer in Kambodschas Hauptstadt. Die Kamera fährt an den Stellwänden mit den Schwarz-Weiß-Bildern all der Menschen entlang, die vor ihrem qualvollen Tod fotografiert wurden. Bei dem Bild einer jungen Frau hält sie inne, holt es näher. Sie heißt Bophana. 25 Jahre alt war sie, als sie ermordet wurde. Es gibt nur dieses eine Bild von ihr, das Bild der Täter.  

Rithy Panh aber hat das von ihm in Phnom Penh etablierte Zentrum nach Bophana benannt, in dem Bildmaterial über Kambodscha gesammelt wird, ein Archiv, frei zugänglich für jedermann. Zudem werden hier Filmemacher ausgebildet, diejenigen also, die den Strom der Bilder nicht versiegen lassen.  Rithy Panh beendet seinen Film mit dem Bild eines blühenden Baums.