Die Mauer hat bald rundes Umfalljubiläum. Bevor die große Gedenksause im Herbst anfängt zu nerven, erzählt Opa lieber schon jetzt von früher: Vor 30 Jahren rief ich als junger Wirtschaftsredakteur der Berliner Zeitung, um Zeugnis ablegen zu können von der Vervollkommnung der Errungenschaften, eifrig in volkseigenen Betrieben an. Habt ihr nicht eine Erfolgsmeldung für mich? Eine Planübererfüllung? Ein Jugendforscherkollektiv? Einen Bestarbeiter? Sehr schwierig. Aber die Leser waren nun mal vor Realitäten zu schützen, die sie nur verunsichert hätten – hätten sie sie nicht längst aus eigener Erfahrung gekannt. Ich staune immer noch, dass meinesgleichen bei der Wende so glimpflich davonkam. Es war eben eine friedliche Revolution.

In der Neuen Zürcher Zeitung erschien gerade ein Interview mit Stephen Bannon. Der Mann leitete die Rechtsaußen-Plattform Breitbart News und den Wahlkampf von Donald Trump. Im Weißen Haus war er dessen Chefstratege. Jetzt träumt er von davon, dass für die EU demnächst „jeder Tag Stalingrad“ ist. Constanze von Bullion, Journalistin im Parlamentsbüro der Süddeutschen Zeitung, twitterte an den Interview-Autor: „Warum gibst du solchen Leuten ein Forum, @MarcFelixSerrao? Sie wären nichts ohne uns.“ Später ergänzte sie: „Zum Glück findet nicht jeder von ihnen einen Handlanger, der den Lautsprecher hinhält.“

Wir sind etwa ein Alter. Allerdings stammt Frau von Bullion aus dem Westen. Andernfalls hätte ich gewettet, dass wir unseren Beruf einst mit dem gleichen Lehrbuch lernten: „Der Interviewpartner, der vom Journalisten ausgewählt wird, soll über Eigenschaften verfügen, die eine sozialistische Persönlichkeit auszeichnen. Als Kriterium sozialistischen und damit verallgemeinerungswürdigen Verhaltens ist das Wirken anzusehen, das sich auf den gesellschaftlichen Fortschritt richtet.“

Aus modischen Erwägungen könnte man „sozialistisch“ heute durch „vorbildlich“ ersetzen. Ein Problem bleibt: Du willst nicht täglich Robert Habeck interviewen. Obwohl, es gibt da so Kollegen…

Ich habe ein Journalistik-Diplom abzugeben 

Ich halte Bannons Positionen keineswegs für verallgemeinerungswürdig, finde es aber vorteilhaft, sie ungefiltert lesen zu können. Er ist nicht irgendeine hohle Pökelbirne. Er hat Trumps Triumph organisiert. Jetzt tingelt er durch Europa und redet mit Le Pen, Salvini, Orban und Meuthen. Es kann durchaus sein, dass ab Sonntag jeder dritte Europaabgeordnete tendenziell so tickt wie er. Sollte es da nicht gerade Bannons Gegner interessieren, was der seinen Leuten flüstert?

Dagegen steht die Denkschule, sich bei der Darstellung der Wirklichkeit ganz bewusst auf deren als fortschrittlich empfundenen Teil zu kaprizieren. Somit wird das verführbare Publikum nicht den falschen Personen ausgesetzt. Wenn das Böse kein Podium hat, verfallen weniger Menschen auf dessen dumme Gedanken. Das klingt gar nicht mal unplausibel. Nur: Ich habe dieses Berufsbild studiert und praktiziert.

Der Klassenfeind siegte trotzdem. Mein Vertrauen in den volksfürsorglichen Bewusstseinsschutz hat dadurch so gelitten, dass ich ihm nicht mehr genügen kann. Ich bin somit meines akademischen Titels unwürdig und hätte deshalb ein 1988er Journalistik-Diplom der Karl-Marx-Universität Leipzig umständehalber an geeignetere Medienschaffende abzugeben. Jemand Interesse?