Die Aufnahmen belegen in beklemmend banaler und verlogener Art und Weise die Karriere eines bis vor kurzem unbekannten, minutiös handelnden Überzeugungstäters, eines todbringenden Meisters aus Deutschland.
Foto: dpa / Britta Pedersen

Berlin„Der Tod ist ein Meister aus Deutschland“, das ist ein wiederkehrender Vers in dem Gedicht „Todesfuge“ von Paul Celan.

Er hätte über den Eingang des Vernichtungslagers Sobibor in Ostpolen gepasst. Als Celan das schrieb, hatten die Nazis die Schreckensstätte unter dem Tarnbegriff „Aktion Reinhard“ (1,8 Millionen ermordeter polnischer Juden, auch Sinti und Roma) schon fast spurlos beseitigt, ihre Tötungsmaschinerie verlegt nach Treblinka. Sobibor steht für den verzweifelten Aufstand der Häftlinge 1943. Dabei beförderten sie den Lagerkommandanten Johann Niemann – ins Jenseits. Seine Komplizen aber machten andernorts weiter.

Einblick in die „Aktion Reinhard“

Davon erzählt das druckfrische Buch „Fotos aus Sobibor“ aus dem Metropol-Verlag. Die „Niemann-Sammlung zu Holocaust und Nationalsozialismus“. Am Dienstag war Premiere in der Stiftung Topographie des Terrors. Medien aus aller Welt waren gekommen, um die Ausführungen der beteiligten Forscher zu hören. Auf dem Buchdeckel prangt ein verblasstes Foto mit gezackten Rändern: ein Dorfeingang mit Büschen, über dem Hakenkreuz-und SS-Fahne wehen und das Schild „Sonderkommando“, ein gestreiftes Wachhäuschen, zwei Uniformierte, ein weißes Haus mit Holzgiebel. Der Schrecken steckt im Unsichtbaren.

In dem Niemanns Witwe zugesandten Nachlass befanden sich zwei Fotoalben, die die Familie in den Nachkriegszeiten nicht entsorgte. Und diese Aufnahmen sowie weitere Fotos belegen in beklemmend banaler und verlogener Art und Weise die Karriere eines bis vor kurzem unbekannten, minutiös handelnden Überzeugungstäters, eines todbringenden Meisters aus Deutschland. Ein Nachfahre übergab die Sammlung von 361 Fotos, schwarz-weiß, vergilbt und teils schon brüchig, an die Holocaust-Forschung. Wie der Forscher und Mitautor Martin Cüppers berichtet, mit den Worten, der anonyme Nachkomme wolle keinen privaten Kommentar abgeben. Aber die Fotos und Dokumente sollten, so sein ausdrücklicher Wunsch, endlich an die Öffentlichkeit kommen und aufgearbeitet werden.

Für die Öffentlichkeit ist der späte Fund eine Sensation, ergibt sich daraus doch ein aufschlussreicher Einblick in die „Aktion Reinhard“. Daraus geht nicht zuletzt die Initiativfreudigkeit eines eiskalten Fanatikers sowie der Handlungsspielraum hervor, den Niemann auch ohne Befehle aus Berlin hatte, als er neue Tötungsmethoden ausprobierte, etwa mit Motorabgasen.

Johann Niemann: Lagerkommandanten von Sobibor

Johann Niemann war ein Malergeselle aus Ostfriesland, der sich schon in den KZs Esterwegen und Sachsenhausen, anschließend bei der „Aktion T4“, Tarnbegriff für Krankenmorde in den Euthanasie-Zentran Grafeneck, Brandenburg und Bernburg (70.000 Tote), überaus „tüchtig“ erwiesen hatte. Im Herbst 1941 wurde er ins polnische Belzec befördert, um dort das erste der drei „Aktion Reinhard“-Lager zu errichten. In „Anerkennung seiner Dienste“ kam 1942 die nächste Beförderung: zum Lagerkommandanten von Sobibor. „Das deutsche Dorf“ wurde der trügerische Ort genannt, wegen der weißen Villen, der idyllischen Einfamilien- und Bauernhäuser, der Gärten und Blumenbeete.

Die Fotos, die Niemann von namenlosen Fotografen machen ließ, lügen, indem sie harmloses Landleben vortäuschen. Da ist keine Halle, in der die Häftlinge zu Hunderttausenden vergast wurden, kein Krematorium, da sind keine Massengräber, nicht einmal ein ausgemergelter Gefangener ist zu sehen. Nur fröhlicher Schein: die Dorf-Idylle und die launigen, alkoholreichen „Feierabend“-Zusammenkünfte der Schergen, Büttel – und Sekretärinnen im Kasino.

Da sind auch etliche Aufnahmen der Trawniki (nichtdeutsche Lagerwachen), auf dem Exerzierplatz. Eines der Fotos zeigt die uniformierte SS-Söldner-Truppe mit aufgepflanzten Gewehren, vorn in der Mitte einer, den die heutige Forschung, auch mit kriminaltechnischer Gesichtserkennung, mit Wahrscheinlichkeit als den 2011 verurteilten Wächter Iwan Demjanjuk identifizierte. Diese Entdeckung bezeichnen Forscher und Buchautoren als überraschenden Nebeneffekt. Paradigmatisch aber sind die vergilbten Bilder aus der Sammlung des machtbesessenen Niemann: wie er sich als Feldherr auf hohem Ross stilisiert oder karrierebewusst mit SS-Bonzen posiert.

Am Dienstag ging die beredte Niemann-Sammlung ans Archiv des US-Holocaust Memorial Museums in Washington.

Fotos aus Sobibor. Die Niemann-Sammlung zu Holocaust und Nationalsozialismus

Metropol Verlag Berlin, herausgegeben vom Bildungswerk Stanislaw Hantz e.V. und der Forschungsstelle Ludwigsburg der Universität Stuttgart. 382 Seiten, 29 Euro, E-Book 23 Euro