Alexander Kluge und Ferdinand von Schirach (r.) bei einem Gespräch vor Corona-Zeiten
Foto: Luchterhand

BerlinNiemand hat die Fähigkeit zum Zuhören derart zu einem Erkenntnisinstrument verfeinert wie der Schriftsteller, Filmemacher und Jurist Alexander Kluge. In den Gesprächen für das Kulturmagazin DCTP auf RTL lauert er seinen Gästen eher auf, als dass er sie bloß zu Wort kommen lässt. Kluge schnappt Stichworte auf, gibt sie verändert zurück und macht so deutlich, dass Expertenwissen nicht einfach nur in Personen aufgehoben ist, sondern eben auch situativ hervorgebracht werden kann. Die allmähliche Verfertigung der Gedanken beim Reden (Kleist) hat Alexander Kluge in das Fernsehzeitalter überführt. Wissen wird in diesem Format immer auch zur Erzählung.

Gleich mehrfach hat Kluge sich dazu den Schriftsteller und Dramatiker Ferdinand von Schirach eingeladen, hinsichtlich ihres juristisch geschulten Denkens darf man die beiden, etwas altmodisch ausgedrückt, als geistesverwandt bezeichnen. So sehen sie das in dem Band „Trotzdem“ auch selbst. Ende März, knapp drei Wochen nachdem die Weltgesundheitsorganisation WHO die Ausbreitung des Coronavirus SARS-CoV-2 zu einer Pandemie erklärt hatte, führten Alexander Kluge und Ferdinand von Schirach zwei Gespräche über einen Instant-Messaging-Dienst.

Sie nehmen den Leser darin mit in ihre Welt assoziativer Wahrnehmungen, in der sie die Phänomene der sozialen Isolation, politische Entscheidungen und juristische Fragestellungen mit ihrem kritischen Urteilsvermögen und persönlichem Unbehagen abgleichen.

Das zuletzt häufig zitierte, aus der Militärmedizin stammende Verfahren der Triage hat von Schirach bereits in seinem Stück „Terror“ bearbeitet, das ein tragisches Entscheidungsdilemma als juristischen Fall verhandelt. Der Pilot einer von Terroristen entführten Maschine sieht sich gezwungen, zwischen verschiedenen Opfergruppen abzuwägen. Wie der Pilot in von Schirachs Stück hatten zuletzt auch Ärzte in italienischen Kliniken während der Corona-Epidemie darüber zu entscheiden, wer weiter beatmet werden kann und wer nicht.

„Trotzdem“ ist eine anregende Handreichung zu den eigenen Bemühungen, das Verhalten während einer Epidemie zu verstehen und ihm zugleich rational und emotional gerecht zu werden. Es zeigt aber auch die intellektuellen Grenzen des Formats auf. Vieles, was Kluge und von Schirach hier als originelle Intervention des Augenblicks kommunizieren, klingt angesichts allabendlich ausgestrahlter Talkshow-Gespräche seltsam überholt.

Die Kraft des dialogischen Erkenntnisgewinns zeigt sich auf bemerkenswerte Weise in einem kleinen Band unseres Kollegen Arno Widmann. Für seinen Kleinst-Roman „Szenen aus der frühen Corona-Periode“ hat er sich strikt an das Ausgehverbot der Bundesregierung gehalten, sich aufs Sofa gelegt und Geschichten ausgedacht. Wir begegnen darin Thomas, Alex, Anja, Claudia, dem Dealer Sam und anderen als Menschen in dürftiger Zeit. Sie reden mal mehr und mal weniger klug über ihre Lage, das Virus und die Sorgen der anderen. Während Alexander Kluge und Ferdinand von Schirach um so etwas wie Wahrheit und Erkenntnis ringen, machen Widmanns Szenen deutlich, wie relativ und fragil Gewissheiten in Zeiten der Krise sind. Was klug klingt, erweist sich mitunter als dumm. Und was eben noch als haltbare Erklärung eines komplexen Zusammenhangs diente, entpuppt sich bald als falsch oder trivial.

Zusammengenommen verdeutlichen beide Schnellbücher, dass unser Sprechen über die Corona-Krise und ihre Folgen kaum mehr ist als eine Momentaufnahme, in der man zu sich und anderen spricht, um sich selbst zu beruhigen oder anzuspornen.

Alexander Kluge/ Ferdinand von Schirach: Trotzdem.  80 Seiten, Luchterhand Literaturverlag,  als E-Book 6 Euro,  die Printausgabe erscheint am 11. Mai.

Arno Widmann: Szenen aus der frühen Corona-Periode Edition Fototapeta, 66 Seiten, 4,99 Euro als E-Book, 7,50 Euro als gedrucktes Buch