Mit Plakaten wie diesem wirbt das Zeitungshaus NOZ Medien um neue Zusteller.
NOZ Medien

BerlinEs klingt fast nach bezahltem Frühsport: „Mehr als 15.000 Schritte an nur einem Morgen“, steht auf dem Plakat. „Besser als du denkst.“ Mit solchen Sprüchen wirbt der in Osnabrück ansässige Verlag NOZ Medien um Zeitungszusteller. Seit der Übernahme der Medien Holding Nord gehört den Niedersachsen nicht mehr nur die Neue Osnabrücker Zeitung. Teil ihres Imperiums sind nun auch Titel wie das Flensburger Tageblatt, die in Rendsburg erscheinende Schleswig-Holsteinische Landeszeitung oder die Schweriner Volkszeitung. Die NOZ Medien zählt somit zu den größten deutschen Zeitungshäusern. Entsprechend selbstbewusst bietet es die Kampagne ihrer hauseigenen Agentur Brandence anderen Verlagen zur Übernahme an.

Denn Zusteller fehlen nicht nur im Verbreitungsgebiet der Blätter der NOZ Medien, sondern bundesweit. Das liegt daran, dass sie miserabel bezahlt werden. Mehr als der Mindestlohn von derzeit 9,35 Euro pro Stunde ist in der Regel nicht drin. Wer so wenig verdient, räumt aber lieber im trockenen und warmen Supermarkt Regale ein, als zu nachtschlafender Zeit bei Wind und Wetter Zeitungen zuzustellen.

Die Verlage wollen das Salär ihrer Austräger jedoch nicht erhöhen. Ganz im Gegenteil: Angesichts rückläufiger Auflagen und sinkender Werbeerlöse ist ihnen der Mindestlohn viel zu hoch. Als er 2015 eingeführt wurde, gelang es dem BDZV, dem Lobbyverband der Branche, eine Ausnahmeregelung für Zeitungszusteller zu erwirken, die erst 2018 auslief. Im Koalitionsvertrag von Union und SPD ist zudem vorgesehen, dass die Verlage fünf Jahre lang für ihre Austräger statt 15 Prozent Beitrag zur Rentenversicherung nur fünf Prozent zahlen müssen. Allerdings ließ sich dieser Plan nicht umsetzen, weshalb der Bundestag mit den Stimmen der großen Koalition Ende 2019 beschloss, die Zeitungszustellung mit 40 Millionen Euro zu subventionieren.

Statt in die Zeitungszustellung fließt die Subvention in die Digitalisierung

Doch auch dieser Beschluss wurde schon wieder kassiert. Stattdessen gab der Bundestag Anfang Juni 220 Millionen Euro für Verlage frei, von denen bereits 20 Millionen in den Haushalt des laufenden Jahres eingestellt wurden. Allerdings soll mit dem Geld nun nicht mehr nur die Zeitungszustellung, sondern vor allem die Digitalisierung der Medienhäuser finanziert werden. Das ergibt Sinn: Denn warum sollte der Staat ein Pressevertriebssystem fördern, das ohne Subventionen nicht überlebensfähig ist? Das Problem ist nur, dass kein Zeitungsverlag ein tragfähiges Digitalkonzept hat, das die Verluste im analogen Leser- und Anzeigenmarkt auch nur ansatzweise kompensieren könnte.

Und so blieb am 6. August eine Anhörung der Verlegerverbände zum Thema im Bundeswirtschaftsministerium ohne Ergebnis. Man vertagte sich. Einen neuen Termin gibt es aber noch nicht. Die Wahrscheinlichkeit, dass die 20-Millionen-Euro-Förderung für 2020 fließen wird, ist gering.

Den Verlagen fällt derweil nicht viel mehr ein als die Zusteller-Kampagne der NOZ Medien. Die Lohnfrage wird dort umdribbelt, eine konkrete Summe nicht genannt. Stattdessen heißt es: „Pünktliche Gehaltszahlungen sind selbstverständlich.“ Immerhin …