Golo Mann (Edgar Selge, m) trifft beim Verlassen der Villa Hügel auf Demonstranten, die gegen den Krupp-Deal mit dem Iran protestieren.
WDR

BerlinDer Mann kann auch im Urlaub auf Sylt einfach nicht abschalten. Seit zwanzig Jahren kämpfe er jeden Tag dafür, den Namen Krupp zu erhalten und den Konzern vor dem Konkurs zu retten – erklärt er jedenfalls seiner Frau. Doch nun bringe ausgerechnet die Schmonzette eines Reporters über das Innenleben der Konzernspitze alles in Gefahr. Um den Ruf von Krupp zu retten, will er ein Gegenbuch in Auftrag geben und sucht nach einem passenden Autor. Sein Blick fällt auf die Urlaubslektüre seiner Gattin – es ist die Wallenstein-Biografie von Golo Mann. 

Prägung durch die Nazizeit

Eher nebenbei erfährt der Zuschauer, wer dieser Manager auf Sylt eigentlich ist: Es handelt sich um Berthold Beitz. Die Idee, den langjährigen, 2013 verstorbenen Generalbevollmächtigten des Krupp-Konzerns ins Zentrum eines Spielfilms zu stellen, hatte WDR-Fernsehdirektor Jörg Schönenborn. Der war von Berthold Beitz schon als Journalist fasziniert und preist in einem Geleitwort der Pressemappe die „Opulenz der Biografie“ und Beitz’ „universelles Unternehmer-Selbstverständnis“. Als „schillerndste Industriellenfigur der jüngsten Geschichte“ sieht ihn gar der ARD-Programmdirektor Volker Herres.

Der Film soll aber kein traditionelles Biopic sein, sondern danach fragen, wie so unterschiedliche Personen wie Berthold Beitz und Golo Mann mit ihrer Prägung durch die NS-Jahre umgingen.

In den Disputen zwischen dem Krupp-Chef und dem Historiker wird schnell klar, dass es gar nicht, wie geplant, um Alfred Krupp von Bohlen und Halbach geht, der von den Alliierten erst als Kriegsverbrecher verurteilt, dann zur rein zivilen Produktion verpflichtet worden war, sondern um jenen Mann, der seit 1952 als Generalbevollmächtigter von Krupp arbeitet – nämlich Berthold Beitz selbst.

Die Gespräche mit Golo Mann zeigen einige Widersprüche der Biografie. So will Beitz den „guten Namen“ seiner Vorgänger retten, jener Großindustriellen, die die Kriegsproduktion der Nationalsozialisten anfeuerten. Er selbst indes hatte während des Krieges als Betriebsleiter eines Erdölunternehmens in Galizien jüdische Arbeiter vor dem KZ bewahrt und soll von Israel als „Gerechter unter den Völkern“ geehrt werden.

Es fragt sich, ob dieser Spielfilm tatsächlich die geeignete Form gefunden hat, um den Konflikt zu verhandeln. Dror Zahavi (als Regisseur gerade mit „Crescendo im Kino) sagt, dass der dramaturgische Rahmen „sehr fragmentarisch“ sei.

Barfuß im Park

Am besten funktioniert der Film als Kammerspiel, als Duell zwischen Beitz (Sven-Eric Bechtolf) als machtbewusster Manager und Mann (Edgar Selge) als Historiker, der im Schatten seines übermächtigen Vaters steht. In poetischen Momenten sieht Beitz immer wieder eine junge Frau vor sich, die er nicht vor dem KZ hatte retten können – die späte Bebilderung der dramatischen Szene ist überflüssig.

Kitschig wirken Szenen, in denen Beitz barfuß durch den Park der Villa Hügel läuft – der Film zeigt dabei nicht einmal die echte Villa, sondern Schloss Nordkirchen. Die wenigen Gespräche um ein Buch, das von Anfang an ein Missverständnis ist und nie erscheinen wird, sind als roter Faden viel zu dünn für neunzig Minuten.

„Das Geheimnis der Freiheit“ leidet an einer allzu episodischen Struktur, die alle paar Minuten ein paar Jahre weiter springt und immer neue Figuren der Zeitgeschichte aufploppen lässt.

Erst kommt der Schah von Persien, dem der forsche Beitz ein Viertel der Krupp-Anteile verkauft, dann Erich Honecker, mit dem Beitz heimlich in die alte Mecklenburger Heimat fährt und schließlich taucht noch Helmut Schmidt auf, der nur an seinem Scheitel zu erkennen ist. Die Politiker sind so schlecht imitiert, dass die Szenen schnell ins Skurrile umschlagen. Als der Film schließlich mit dem Jahr 1989 ausklingt, ist der Ausgangspunkt von Sylt 1972 längst vergessen.

WDR
Das Geheimnis der Freiheit

Mittwoch, 15. Januar 2020, 20.15 Uhr, ARD

So bleibt dieser eigenartige, oft schwerfällige Film wie das Buch von Golo Mann eine Art Auftragsarbeit, die ihr Ziel verfehlt. Denn „Das Geheimnis der Freiheit“ zeigt zwar eine eher unbekannte, introspektive Seite von Berthold Beitz. Seine eigentlichen Verdienste als Industriemanager, der die Umgestaltung des Ruhrgebiets maßgeblich mitgestaltete, kommen dabei aber nur ganz am Rande zur Sprache. Hier hätte eine Dokumentation, die ARD und ZDF sonst so gern ihren Historiendramen anhängen, wirklich geholfen.