Prospero (Anselm Lipgens) mit dem Luftgeist Ariel (Wiebke Acton).
Foto: Jens Kalaene/dpa

BerlinHuch, was macht der Reinhold Messner auf dieser einsamen zauberischen Insel mitten in Charlottenburg? Na ja, Mähne und Bart des Schauspielers Anselm Lipgens mögen an den Bergsteiger erinnern, sein Gebaren aber ist alles andere als besonnen im Umgang mit den eigenen Kräften, demütig vor der Natur. 

Lipgens spielt Prospero, den einstigen Herzog von Mailand, der sich lieber um die schönen Künste und um Magie kümmerte als um seine Amtsgeschäfte, was es seinem Bruder Antonio leicht machte, ihn vom Thron und mit seiner Tochter Miranda auf eben jene Insel zu jagen. Und während Miranda von einem dreijährigen Kindchen zu einer Frau heranreift, ohne je eine menschliche Gestalt außer ihren Vater zu sehen, bildet sich Prospero zwölf Jahre lang weiter, gewinnt die Herrschaft über die indigenen Geister und wartet auf den Tag der Rache. Die Handlung des Theaterstücks setzt mit einem von Prospero und Ariel inszenierten Unwetter ein, das all seine Feinde erst an Land und später dann in kathartische Gewissenszerknirschung wirft.

Shakespeares „Sturm“ wird gegeben. Wir sitzen auf einem spreenah gelegenen Parkplatz im Rund, das ein als Bühne fungierender Steg (Bühne: Thomas Lorenz-Herting) umschließt. Dieser Steg ist aus Teilen eines gebraucht gekauften 600-Plätze-Holztheaterbaus zusammengefügt, für dessen Errichtung in Berlin der Impresario Christian Leonard seit gefühlten 400 Jahren Geld und Genehmigungen sammelt.

Künstlerisch zwingende Gründe

Seine Idee: Shakespeares Globe-Theater an die Spree zu holen, um es, auch das gehört zur Vision, „wirtschaftlich zu betreiben“. Dass Leonard gut vernetzt ist, sieht man schon am Premierenpublikum, in dem Honoratioren des guten alten West-Berliner Kulturbürgertums gesichtet und trotz Mund-Nasen-Schutzmasken erkannt wurden. Wobei die Corona-Regeln eher lax ausgelegt werden und beim Spiel fast ganz in Vergessenheit geraten. Nichts da von Abstand und Berührungsverbot.

Da ist schon etwas seltsam, wenn man liest, wie es bei den Proben von Falk Richter in München gehandhabt wird, wo, wie der Berliner Regisseur in der Süddeutschen Zeitung schreibt, infektionsrelevante Szenen erst einem Corona-Beauftragten des Theaters vorgelegt werden müssen. Der hält „Rücksprache mit den Betriebsärztlichen Dienst (BÄD)/ Fachdienst für Arbeitssicherheit (FAS)“ und rät dann zum Beispiel von einer Berührung (mit Maske und Handschuhen!) ab, wenn diese „künstlerisch nicht zwingend begründet“ sei.

Nun „künstlerisch zwingend“ ist insgesamt nicht gerade das erste Attribut, das man der fröhlichen und geradezu sonnigen Inszenierung von Jens Schmidl anheften möchte. Es geht eher um inspirierende und niederschwellig angenehme Freizeitgestaltung, von sieben Schauspielern in mehreren Rollen und zweieinhalb Stunden inklusive Ausschankpause handwerklich souverän absolviert. Was man so im Sommer eben zwingend braucht. Und das brachial-harmonische Ende war schließlich Shakespeares Idee.

Sturm. Viele Vorstellungen bis Mitte September. Globe Berlin (Open Air), Sömmeringstraße 15, Karten und Termine: www.globe.berlin