Diese Augen! Wer sich nicht vom Blick der zerbrechlich wirkenden, siebenjährigen Maisie berühren lässt, muss ein Herz aus Stein haben. Und es ist Maisies Sicht, aus der wir das Scheidungsdrama „Das Glück der großen Dinge“ erleben – eine Perspektive permanenter Untersicht auf Erwachsene, die ihrer Verantwortung nicht gerecht werden wollen. Die alternde Rockmusikerin Susanna und der sarkastische Kunsthändler Beale mögen sich ja einst geliebt haben; aber jetzt konzentrieren sie sich darauf, den anderen möglichst effektiv zu verletzen. Das schicke New Yorker Loft, die coolen Klamotten von Susanna und die hippen Mini-Cowboystiefel, in denen sich Maisie (Onata Aprile) durch ihr Leben tastet, lassen auf bessere Zeiten schließen. Jetzt wird auch ums Geld gestritten. Beale und Susanna liefern sich aber vor allem eine unerbittliche Schlacht um das Sorgerecht für die gemeinsame Tochter, deren Betreuung indes längst in die Hände des Kindermädchens Margo abgegeben wurde.

Während Susanna im unberechenbaren Wechsel zwischen euphorischer Zuneigung zum Kind und dessen völliger Vernachlässigung agiert, verbringt Maisies Vater die gemeinsame Zeit mit der Tochter eigentlich ausschließlich am Handy. Es ist herzzerreißend zu sehen, wie tapfer sich Maisie noch jedem halbwegs zuverlässig wirkenden Erwachsenen anschließt, seien es der Hausportier oder die neuen Lebenspartner der Eltern. Maisies Vater hat sich nämlich das junge, hübsche Kindermädchen in jeder Beziehung zu Diensten gemacht, während sich die Mutter bei einer ihrer zahlreichen Partys den ebenfalls sehr viel jüngeren, attraktiven Barkeeper Lincoln (Alexander Skarsgård) angelacht hat. Erst als diese beiden eines Tages auch einmal ausfallen und Maisie völlig allein in der nächtlichen Metropole steht, weint das stille, stets beobachtende Kind zum ersten Mal.

Klug und einfühlsam

1897 erschien Henry James’ Roman „What Maisie knew“, der in der Londoner High Society der vorletzten Jahrhundertwende angesiedelt ist. Die Regisseure Scott McGhee und David Siegel haben das Buch nun auf kluge, einfühlsame Weise ins Kino und in unser Jahrtausend überführt. In eine Zeit also, in der die Selbstverwirklichung des Einzelnen und das individuelle Streben nach Glück wenigstens in den westlichen Industrienationen zum Leitbild moderner Lebensführung erhoben worden ist. Die daraus eben auch immer wieder resultierende sogenannte Wohlstandverwahrlosung von Kindern ist allerdings nicht länger der Oberschicht vorbehalten. Wohl auch deshalb denunzieren die Drehbuchautoren und das Regisseursteam ihre erwachsenen Protagonisten nicht. Sie führen vielmehr die Unfähigkeit von Maisies Eltern vor, die fraglos vorhandene Liebe zu ihrem Kind auch angemessen verantwortungsbewusst zu leben. Auch Siegel und McGhee finden keine Antwort auf das Dilemma; stärker als Henry James lassen sie aber das Ende offen. Ein Strahlen erhellt schließlich den Kinosaal, als Maisie wenigstens einen unbestimmten Augenblick lang einfach nur ein geborgenes Kind sein darf – und endlich lächelt.

Das Glück der großen Dinge, USA 2012. Regie: Scott McGhee, David Siegel, Darsteller: Julianne Moore, Alexander Skarsgård, Onata Aprile, Steve Coogan, Joanna Vanderham u..a.; 103 Minuten, Farbe. FSK ab 12.