In Pawel Althamers heidnischer Göttinnen-Welt, an die er barocke Goldfarbe verschwendet.
Foto: Galerie Neugerriemschneider/Jens Ziehe

Berlin-MitteDer Warschauer Bildhauer Pawel Althamer öffnet uns die Tür zu einer rätselhaften Welt: Die hohe, mit Oberlicht versehene Halle der Berliner Galerie Neugerriemschneider, zu deren Künstlerkreis er schon länger zählt, bevölkern Holzskulpturen, die auf den ersten Blick an den Nachlass der Brücke-Expressionisten denken lassen – auf den zweiten an Totems längst verschwundener Kulturen oder an furchteinflößend-schöne Tempelwächterinnen.

Auf dem blutrotem Teppich stehen und liegen schwarz-weiß bemalte oder roh aus dem Stamm geschnitzte Göttinnen. Sie gleichen weiblichen Orakeln, Amazonen oder Meerjungfrauen. Eine, schwarz-weiß bemalt und im Kopfstand, ähnelt einer der sinnlichen Nanas der französischen Bildhauerin Niki de Saint Phalle. Eine nächste könnte wohl als Karyatide, als klassische Säulenträgerin eines Tempels oder alten Palastes gedacht sein. Und für eine weitere, die rot bemalt auf einem gewaltigen Maskenkopf reitet, ließ der 53-jährige Warschauer mit Werkstatt in Berlin sich nach eigener Auskunft von den Dogon, einer afrikanischen Volksgruppe, inspirieren, die im Osten von Mali lebt und ursprünglich aus dem Nordwesten von Burkina Faso stammt. Die bizarren Masken-Tänze sollen, so der Mythos, die Dogon von der Unordnung befreien, die durch die Verbotsübertretungen ihrer Ahnen entstanden sei.

Althamer, bis 2011 Professor für Bildhauerei an der Akademie der bildenden Künste in Wien, eingeladen auf die Documenta X, zur Manifesta in Ljubljana, zum Skulpturenprojekt Münster und zur Biennale in Venedig 2019, inszeniert in der Berliner Schau namens „Unerwartet“ disparateste weibliche Gestalten aus einer wilden, mystisch-archaischen Welt. Das aus dicken Baumstämmen geschnitzte Bildpersonal entstand  im Frühjahr, während der Corona-Zeit, bei weltabgeschiedenen Bildhauer-Workshops in Warschau und Berlin, zusammen mit Berufskollegen. Häufig setzt der Künstler auf derartige Kooperationen, sodass am Ende nicht mehr die Frage im Zentrum steht, von wem es ist, sondern was es bewirkt.

Stellenweise hat Althamer die ihm von Kindheit an aus den katholischen, polnischen Kirchen vertrauten, barocken Figuren- und Goldpracht auf seine Skulpturen übertragen. So sind die Füße, Waden, Gesichter, Arme und sogar die Köpfe seiner Figuren verschwenderisch mit Goldfarbe überzogen. Fast möchte man meinen, der Bildhauer wolle so die christlich-abendländische Religion samt  ihrer Madonnen und Heiligen mit dem urhaft Heidnischem verbinden. Er bringt – augenscheinlich ketzerisch – die Spiritualität beider Welten zusammen, um eine übersinnliche Aura zu schaffen. Vielleicht auch nur, um dem Betrachter der Werke das Staunen und den unschuldigen Blick auf die Welt zurückzugeben.

Der Eindruck dieser Mission wird noch durch einen Feuerkorb und verbrannt-herumliegende Holz- und Papierreste verstärkt. Die Wände dahinter sind mit zeichenhaften Frauengestalten und Chimären bemalt. Es sind Wesen wie von einem anderen Stern. Und überall liegen zwischen den Holzspänen Werkzeuge auf dem Boden verteilt, als habe der Künstler nach seiner fieberhaften Arbeit abrupt die Werkstatt verlassen:  Auf Eisen, Stech- und Kerbschnitzbeitel, Schweifhobel und Holzhämmer sieht man Spuren von Goldfarbe. Als wollte Pawel Althamer damit – Achtung gebietend – darauf hinweisen, wie sehr  Kunst und Handwerk „goldenen Boden“ verdienen,  wie es das alte Sprichwort besagt.

Galerie Neugerriemschneider, Linienstr. 155, Mitte. Bis 8. August. Di–Sa 11–18 Uhr. Besuch mit den geltenden Abstandsregeln

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