Hijacking Memory. Der Holocaust und die Neue Rechte“ – so lautet der Titel einer viertägigen Konferenz, die am Donnerstag am Berliner Haus der Kulturen der Welt (HKW) am Spreeufer startet. Die Konferenz widmet sich der Frage, wer an den Holocaust erinnert, wie an ihn erinnert wird und inwieweit die Holocaust-Erinnerung in den letzten Jahren von rechts angeeignet und instrumentalisiert worden ist. Die Autorin und Kuratorin Emily Dische-Becker hat die Tagung gemeinsam mit der Direktorin des Einstein-Zentrums Susan Neiman sowie der Direktorin des Berliner Zentrums für Antisemitismusforschung Stefanie Schüler-Springorum konzipiert.

„Wir haben beobachtet, dass rechte Akteure international, aber auch in Deutschland das Gedenken an den Holocaust vereinnahmen oder kapern, um nationalistische, xenophobe, rechtspopulistische Politik zu machen“, sagt Dische-Becker der Berliner Zeitung über den Entstehungsprozess und die Idee zur Konferenz. Zu den Organisationsformen der Neuen Rechten gehöre, dass sie international sehr gut vernetzt sei, in den USA, Ungarn, Polen, Frankreich und auch in Israel.

„Eine Strategie, den Holocaust zu missbrauchen“

„Überall dort sehen wir diese Strategie, die Erinnerung an den Holocaust zu missbrauchen, um die eigene rechte Agenda zu verfolgen.“ Diese Agenda, betont Dische-Becker, bedrohe auch Juden selbst. „In den USA sehen wir eine immer offen antisemitische Rechte – Republikaner im Kongress verbreiten antisemitische Verschwörungstheorien zu den Rothschilds oder stehen Neonazis nahe. Gleichzeitig präsentieren sie sich als große Unterstützer Israels, um zu beweisen, dass sie nicht antisemitisch sein können. Das ist eine Strategie, wie sie übrigens auch Hans-Georg Maaßen verwendet.“

Im Zentrum dieser Konferenz steht etwa die Frage nach den Schnittmengen von Antisemitismus und Rassismus. Inwieweit ähneln sich die Diskriminierungsformen? Wie unterscheiden sie sich? Und wie werden sie in politischen Kontexten gegeneinander ausgespielt? Auch ob Antisemitismus und Rassismus historisch womöglich enger zusammen gedacht werden müssten, wird hier diskutiert.

In diesem Kontext sprechen an diesem Freitag der Literaturwissenschaftler Ben Ratskoff mit dem Journalist René Aguigah und der Autorin Hannah Black zur Frage, inwiefern die „Black Lives Matter“-Aufstände infolge des Mords an George Floyd die Solidarität zwischen jüdischen und Schwarzen Bewegungen neu belebt haben. Aber auch, wie sich darin bestehende Spannungen spiegeln, etwa im Kontext Israel/Palästina. Im Zentrum des Gesprächs steht ein Essay des Schwarzen Intellektuellen James Baldwin.

BDS, Antisemitismus, Erinnerungskultur

Wie in einem Spiegelkabinett leuchten im Konferenzprogramm all jene Debatten auf, die im deutschsprachigen Medienkontext in den letzten zwei Jahren oftmals auf unsachliche und reduktionistische Weise diskutiert worden sind: Debatten über die BDS-Resolution des Bundestags von 2019 und die Initiative Weltoffenheit, die sich infolge des Beschlusses gegen die politische Instrumentalisierung des Antisemitismusvorwurfs und die antipluralistischen Tendenzen der deutschen Debattenkultur positionierte.

Debatten, die vom vermeintlichen Antisemitismus des kamerunischen Philosophen Achille Mbembe über die Entziehung von Geldern für eine Veranstaltung kritischer Israelis an der Kunstuni Weißensee über die vorauseilende Kündigung der Ärztin und Journalistin Nemi El-Hassan beim WDR bis hin zur aktuellen Diskussion um die Documenta reichen. In letzterem Fall wurden das Kurator:innen-Team Ruangrupa und andere von einem Blog und deutschen Feuilletons in die Nähe des Antisemitismus gerückt.

Damit verbunden werden auch Fragen der Erinnerungs- und Entlastungskultur auf der Konferenz eine zentrale Rolle spielen. Im vergangenen Jahr wurde unter dem Titel eines „Zweiten Historikerstreits“ bekanntlich intensiv über die Frage diskutiert, ob sich die Erinnerung an den Holocaust und die in Deutschland noch vergleichsweise randständige Erinnerung an die Kolonialverbrechen wechselseitig vertiefen lassen, indem man sie – zu einem Grad – verbindet. Jener Ansatz war von Feuilletons und manchen Historikern als unzulässige Relativierung abgewunken worden. Auf der Konferenz wird nun erneut über die Potenziale einer erneuerten Erinnerungskultur gestritten.

Der Philosoph Omri Boehm geht hier etwa der Frage nach, inwieweit der erste Historikerstreit der 1980er-Jahre und die daraus abgeleitete Überhöhung der faktischen historischen Singularität des Holocaust für die deutsche Gesellschaft identitätsbildend waren und wie dies unser Nachdenken über Erinnerungspolitik heute prägt.

An Komplexität mangelt es „Hijacking Memory“ nicht. Für all jene Kontexte liefern die Panels dieser Konferenz dringend nötige Graustufen und Tiefe, die jede und jeder, der sich an genannten Debatten bereits aktiv beteiligt oder noch beteiligen möchte, mindestens zur Kenntnis nehmen sollte.

Hijacking Memory. Der Holocaust und die Neue Rechte Haus der Kulturen der Welt, John-Foster-Dulles-Allee 10, 9. bis 12. Juni. Programm unter: www.hkw.de