BerlinWelche dramatische, zum Teil auch nur traurig-ernüchternde Folgen die nicht enden wollende Pandemie mit sich bringt, zeigt sich auch in symbolpolitischer Hinsicht. In der kommenden Woche sollte, nach elfjähriger Planungs- und Bauzeit, endlich das Humboldt-Forum im wiedererrichteten Berliner Hohenzollernschloss für den Publikumsverkehr geöffnet werden. Eine erste Gelegenheit für die Berliner und ihre Gäste, sich einen Eindruck vom neuen Stadtraum in der Mitte Berlins zu verschaffen, dessen wechselvolle Geschichte von der Errichtung identitätspolitischer Bauwerke und deren Abrissen handelt. Was demnächst unter dem Namen Humboldt-Forum zu entdecken sein wird, ist weit mehr als nur ein schlossähnlicher Monumentalbau mit angegliederten Ausstellungsräumen. Im Humboldt-Forum, so jedenfalls die mitunter etwas hochtrabenden Vorstellungen der mit dem Projekt und dessen Entwicklung befassten Kulturpolitiker, soll der Optionsraum für ein Deutschlandbild entstehen, anhand dessen man sich der vergangenen und zukünftigen Rolle des Landes in der Welt vergegenwärtigen kann. Es wäre der Startschuss für ein ambitioniertes Vorhaben gewesen, das einerseits von der Geschichte Berlins erzählt, die widersprüchliche Rolle Preußens reflektiert und sich dabei ganz auf der Höhe geschichtspolitischer Diskussionen über Kolonialismus und Postkolonialismus zeigt. In jeder Vitrine ein Verweis auf die Leistungen und den Eigensinn anderer Kulturen, aber auch ein doppelter Boden mit oft auf illegitime Weise erworbenen Artefakten.

Foto: Berliner Zeitung/Markus Wächter
Die Drehtür im Eingangsbereich.

Von alldem dürften zunächst einmal nur Andeutungen sichtbar werden, bis auf weiteres bleibt das Humboldt-Forum verschlossen. Einblicke gewährt lediglich eine sogenannte digitale Eröffnung. Der Begriff ist zu einem unbefriedigenden Synonym geworden für die Möglichkeit, den Aufenthalt zu einer bestimmten Zeit an einem verabredeten Ort mit Hilfe medialer Prothesen zu ersetzen. Während der Besuch eines Museums nicht zuletzt auch durch die Fußwege, die man zurücklegt, und Treppen, die man hinauf- oder hinabsteigt, erfahren wird, reibt man sich nach einem digital zugänglichgemachten Raum meist nur die Augen.

Es ist verständlich, dass Hartmut Dorgerloh, der General-Intendant des Humboldt-Forums, und seine Expertenteams nun nicht länger warten mochten. Der Schlüterhof und das Eosanderportal wurden in den vergangenen Wochen herausgeputzt, hier soll ein urbaner Treffpunkt entstehen, der das Bedürfnis nach Unterhaltung befriedigt, historisches Wissen vermittelt oder einfach nur die Gelegenheit zum Flanieren und Durchqueren gibt. Groß genug, um all diese und noch viel mehr Erwartungen zu erfüllen, ist das Humboldt-Forum allemal. Es spart, so der Eindruck nach einer ersten Begehung, weder an einer imposanten Architektursprache noch an verspielten Nischen, die zum Ausruhen und Abschweifen einladen. Man darf gespannt sein, wie sich die Berliner diesen Ort aneignen und das Humboldt-Forum zur Stätte ihrer ganz eigenen Auseinandersetzung mit den Bildungs- und Verweilangeboten machen.

Foto: Berliner Zeitung/Markus Wächter
Der Empfangscounter im Eosanderhof.

In mancherlei Hinsicht bietet der erzwungene Aufschub tatsächlicher Begehungen auch eine Chance. Trotz aller Umzugsaktivitäten, zum Beispiel aus den Depots der Dahlemer Museen, wirkt das gegenwärtige Humboldt-Forum leer und seltsam unbestimmt, so als wisse man trotz jahrelanger Planungs- und Konzeptionsdiskussionen noch immer nicht ganz genau, was hier einmal gezeigt werden und wie es zueinander in Beziehung gesetzt werden soll. Hartmut Dorgerloh wird nicht müde zu betonen, dass man den Räumen, in denen sich der Baustaub noch nicht gelegt hat, Luft zum Atmen lassen müsse. Das kann man als leicht resignatives Eingeständnis missverstehen, trotz all der Bauverzögerungen und organisatorischen Veränderungen, die die Verwaltungsarchitektur durchlaufen hat, planerisch nicht fertig geworden zu sein. Eine andere Lesart aber könnte darin bestehen, das Humboldt-Forum als einzigartige Kultureinrichtung zu begreifen, die durch die Reaktionen und Interaktionen des Publikums in Kürze überhaupt erst entsteht.

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Der Innenhof des Homboldt-Forums.

Die Architekturkritiker werden in den nächsten Wochen ihren kritischen Blicken zum Widerhall verhelfen, und Historiker dürften ihre Finger heben, um auf geschichtliche Unschärfen aufmerksam zu machen. Die Umstände der Pandemie machen die Eröffnung zu einem stockenden Beginn, dem der Zauber des Anfangs vorerst verwehrt bleibt. Das Humboldt-Forum, das sich nicht zuletzt in vorsichtiger Halbdistanz zu Begriffen wie Völkerkunde, Ethnologie und Kolonialismus wird behaupten müssen, wartet nun auf die Bevölkerung.