Alma: „Wenn eine Frau erfolgreich ist, steigert es den Glauben an alle Frauen.“
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BerlinSie ist jung, queer, erfolgreich und laut dem englischen Guardian die „Cybergoth-Version einer jungen Adele“. Die finnische Popexplosion Alma (eigentlich Alma-Sofia Miettinen) hat nicht nur eine Ausnahmestimme, sondern auch jede Menge Songschreiber-Talent, von dem Superstars wie Miley Cyrus und Ariana Grande profitieren. Mit „Have U Seen Her?“ (Sony) erscheint nun das Debütalbum der Frau mit den grell leuchtenden Haaren. Im Interview erzählt die 24-Jährige, warum sie gerne Frauen auf die Sprünge hilft, wieso sie einen Song für ihre Mutter schrieb und wie sich ihre weiche Seite ausdrückt.

Alma, liest man in den Kommentarspalten unter Ihren Youtube-Videos, ist der Tenor, Sie seien als Künstlerin unterschätzt. Empfinden Sie das selbst auch so?

Unterschätzt zu sein ist besser als überschätzt zu sein, oder? Ich denke, das ist ein gutes Zeichen. Ich bin jetzt schon einige Jahre dabei und habe bisher nur Singles herausgebracht. In den letzten zwei Jahren legte ich eine Pause ein, um für andere Künstler zu schreiben. Es hat ewig bis zu diesem ersten Album gedauert. Ich habe das Gefühl, dass meine Karriere erst jetzt anfängt.

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Zur Person

Alma-Sofia Miettinen wurde 1996 im finnischen Kuopio geboren. Entdeckt wurde sie 2013 durch den finnischen Ableger von „Pop Idol“, dabei belegte sie den fünften Platz und bekam erste Jobs als Backgroundsängerin.

Ihren Durchbruch hat Alma 2016, in dem Jahr veröffentlicht sie ihre Single „Karma“, einen melodischen, eingängigen Elektropop-Song, der sofort gute Laune verbreitet. Es folgen weitere Single-Veröffentlichungen.

Mittlerweile reißen sich andere bekannte Musiker um eine Zusammenarbeit mit Alma, als queerer Antityp mit den grellen Haaren bedient sie gleichwohl den Mainstream. Sogar Elton John zählt zu ihren Fans.

Es ist selten, dass eine finnische Künstlerin noch vor ihrem eigentlichen Debüt mit Superstars wie Ariana Grande, Dua Lipa und Lana Del Rey zusammenarbeitet.

Ich habe viele Freunde, die Produzenten und Sänger sind, und großes Glück, mit so vielen großen Namen zusammenzuarbeiten. Es fing mit Charli XCX an – sie mochte mich einfach. Von da an hatten die Leute mich irgendwie auf dem Schirm: Alle Künstler, die dann folgten, schickten mir eine Nachricht über Instagram oder Twitter. Da war kein Management dazwischen geschaltet. Ich lernte meine Künstlerfreunde auf persönlicher Ebene kennen.

Auch Miley Cyrus?

Ja. Zwischen uns hat es sofort klick gemacht. Wir trafen uns auf einer Party und feierten die ganze Nacht durch. Gleich am nächsten Tag gingen wir ins Studio und kamen zwei Wochen nicht mehr raus. Wir haben so viele Songs zusammen geschrieben. Wir sind beide voller Energie und menschlich total auf einer Wellenlänge. Und wir benutzen viele Schimpfwörter bei der Arbeit. Wir haben uns sogar dasselbe Tattoo stechen lassen!

Der Song für die drei Diven im Film „3 Engel für Charlie“ stammt auch aus Ihrer Feder.

Wenn man mir mit 15 gesagt hätte, was alles passieren wird, hätte ich ungläubig den Kopf geschüttelt. Ja, es ist verrückt und eine supergroße Sache für mich! Es fühlt sich gut an, dass all diese Frauen mich im Studio haben wollten. Sie haben an mich und meine Fähigkeiten als Songwriterin geglaubt.

Stehen Frauen heute enger zusammen, vielleicht auch als Konsequenz der „Me Too“-Bewegung?

Ganz sicher. Ich habe nie an die Konkurrenz zwischen Frauen geglaubt. Aber dadurch, dass Frauen ständig miteinander verglichen werden, werden solche Gedanken geschürt.

Schüchtern Sie Männer ein?

Das könnte sein. Ich bekomme allerdings jede Woche mindestens eine Anfrage eines DJs. Meistens brauchen sie eine gute Stimme für ihren Track. Selbst David Guetta hat schon bei mir angeklopft.

Im Song „Worst Behaviour“ geht es um einen Typen, der Sie schlecht behandelt hat. Was für eine Situation war das?

Das war am Anfang meiner Karriere. Ich arbeitete mit einem Produzenten zusammen. Er wollte ändern, wer ich bin, er ignorierte die Richtung, die ich einschlagen wollte, er hörte mir nicht mal zu. Wenn man sich umschaut in der Welt, wo jemand wie Trump Amerika anführt oder Putin Russland, sind das schlimmste Umgangsweisen, sexistisch, homophob.

Wollen Sie auch die Queer-Community ermutigen?

Ja, sicher sogar. Es sind aber keine Lieder, die nur davon handeln, wie es ist, queer zu sein. Ich bin einfach nur ehrlich, es ist meine Geschichte, und ich bin nun mal queer. Wenn ich über Liebe schreibe, dann schreib ich eben nicht „Boy“. Ich schreibe entweder über eine Person oder ein Mädchen – in wen auch immer ich mich gerade verliebt habe.

Bunt, synthetisch, authentisch: Alma wird Cybergoth-Version von Adele gefeiert.
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Ein Lied haben Sie für Ihre Mutter geschrieben!

Mein Vater ist nun ein klein wenig eifersüchtig. Aber damit muss er klarkommen, meine Mutter ist meine Heldin! Weil sie – egal, was ich Dummes anstelle – immer hinter mir steht. Wenn alle aus meinem Leben verschwinden und mich hassen würden, meine Mutter wäre da für mich. Ihre Liebe ist unantastbar. Sie gab mir immer alle Freiheiten. Meine rebellische Seite habe ich von ihr. Sie ist heute 70 und immer noch ein Rebell.

Wie drückt sich das aus?

Sie war Modedesignerin, als sie jünger war. In den Achtzigern hatte sie langes Haar mit diagonalen Streifen in Schwarz und Weiß. Speziell wo sie herkommt, ganz aus dem Norden Finnlands, ziehen sich alle gleich an. Aber meine Mutter machte einfach alles anders. Zu ihrer Abschlussprüfung kam sie im Männeranzug. Das war ihr Protest gegen die Kleiderordnung bei Frauen. Aber der Lehrer schickte sie nach Hause und weigerte sich, so die Prüfung abzunehmen. Verglichen mit meiner Mutter war ich eine Musterschülerin!

Wie war denn Ihre Schulzeit?

Schlimm. Ich hatte zwei sehr harte Jahre. Die Leute hassten mich. Sie haben mich schikaniert und tyrannisiert, wo sie nur konnten. Ich war wohl ein bisschen zu maskulin. Ich spielte Fußball, damit stand man als Mädchen nicht hoch im Kurs. Und ich fragte mich: „Ist das das echte Leben? Das ist verdammt noch mal beschissen.“ Dann wechselte ich auf eine eher künstlerische Schule. Die Leute akzeptierten mich. Und ich war glücklich und dankte Gott, dass das alte Leben vorbei war. Heute bin ich erfolgreich als die Person, die ich bin.

Ist Rache süß?

Ha! Es ist schon vorgekommen, dass ich Freundschaftsanfragen auf den Sozialen Netzwerken von Leuten von damals bekommen habe. Ich habe ihnen geantwortet: „Du hast mich damals nicht akzeptiert. Ich hasse dich nicht. Ich vergebe dir. Aber wir werden niemals Freunde werden.“

Aber das Trauma bleibt.

Oh ja, das Trauma begleitet dich weiterhin, da hilft auch kein Erfolg. Aber ich bin froh, dass ich darüber in meiner Musik schreiben kann.

Sie wurden von der englischen Presse als Cybergoth-Version von Adele bezeichnet. Gefiel Ihnen das?

Es steckt wohl ein bisschen Wahrheit drin. Aber wie gesagt, ich mag es nicht, wenn man mich mit anderen Künstlern vergleicht. Es werden übrigens selten Männer gegeneinander aufgestellt, es sind meistens Frauen. Aber ich will keine Frauen sehen, die eingeschüchtert sind, weil eine andere erfolgreich ist. Denn es nimmt niemandem etwas weg. Ich sehe das eher als Triumph für uns alle. Wenn eine Frau erfolgreich ist, steigert es den Glauben an alle Frauen.

Haben Sie sich auch von dem Druck freigeschwommen, wenn es um Äußerlichkeiten geht?

Diese Art von Druck habe ich nie an mich herangelassen. Vielleicht, weil ich etwas jungenhaft rüberkomme. Ich idealisiere auch keine Kim Kardashian. Meine Vorbilder sind eher Rockstars oder eine Lady Gaga. Menschen, die ein bisschen merkwürdiger aussehen und einfach ihr eigenes Ding machen.

In zwei Songs erwähnen Sie das Modelabel „Gucci“. Woher kommt der Hass auf die Marke?

Für mich hat es nichts mit Mode zu tun, wenn man sich nur mit Designer-Klamotten behängt. Für mich ist Ausdruck von Mode etwas Selbstgemachtes, Vintage oder Second Hand. Man kann es dann immer noch mit Stücken eines Designers kombinieren. Einfach nur in einen Laden zu gehen und superteures Zeug zu kaufen, ist ziemlich langweilig. Ich kapiere dann immer nicht, wenn Menschen über so jemanden sagen: „Oh, der hat einen unglaublich coolen Stil.“ Ich finde es überhaupt nicht cool. Es zeigt einfach nur, dass die Person Geld hat.

Also kein „Gucci“ für Alma.

Bei Fake-Gucci bin ich dabei!