Marx ist tot? Das muss ein Missverständnis sein, denn Gespenster sterben bekanntlich nie. Und dieses am allerwenigsten, denn es hat eine besondere Bewandtnis mit dem unendlich produktiven Geist von Marx: Er produzierte eben nie jenen ideologischen Nebel, als den seine Gegner dessen ökonomisch-gesellschaftliche Analysen von Beginn an beschimpften − Marx selbst zitiert den Spott genüsslich im ersten Satz des „Kommunistischen Manifests“: „Ein Gespenst geht um in Europa“.

Im Kern aber sind seine Theorien eben doch ganz und gar transformatorisch, also nicht festgekettet an einen historischen Punkt, sondern mit dem Auftrag, in jede Zukunft hinein zu diffundieren. Marx selbst betonte das oft und mit ihm gut 150 Jahre später der Marx-Leser Jacques Derrida. Ist das gespenstisch?

Sicher. Nicht im nebulösen, aber im Möglichkeiten schaffenden Sinne. Das zu verstehen, ist das Vergnügen der Marx-Lektüre des Dekonstruktivisten Derrida, der 1993 in seinem Essayband „Marx’ Gespenster“ auch gleich mehrere Marx-Geister beschwört. Marx denken, heißt für Derrida: die Gegenwart als aufgespaltene zu begreifen zwischen unvergangener Vergangenheit und mit ihr brechender Zukunft.

Als solche „Ungleichzeitigkeit mit sich selbst“ hat Marx viele Schlupflöcher in die Gegenwart. Bertolt Brecht fand später die „Verfremdung“ dafür, Derrida entwickelte gleich eine ganze „Spukwissenschaft“ (Hantologie). „Keine Zukunft ohne Marx“, schreibt er, weshalb im Hebbel am Ufer (HAU) − seit Lilienthalzeiten erste Adresse des hantologischen Zukunftstheaters − Intendantin Annemie Vanackere sinnvollerweise nun ein 10-tägiges Festival unter dem Derrida-Titel „Marx’ Gespenster“ initiierte. Keine Marx-Fledderei oder Lust am Zombi-Theater also steckt dahinter, sondern genaues Hinsehen und Spurenlese in die Zukunft.

Die Eröffnungsproduktion „Das Kapital und sein Affe“ des jungen französischen Theatermachers Sylvain Creuzevault und seiner Truppe D’ores et déjà (Hier und Jetzt) aber lässt bei dieser Spurensuche noch viel Luft nach vorn. Eine spärlich gedeckte Tafel steht auf dem Spielfeld des HAU2. Historischer Nippes schmückt den Rand. Im Prolog macht ein Spieler als Freud−, Brecht− und Foucault-Bauchredner die Methodik des Abends klar − man darf ihn als psychologische Entfaltung (Freud), kritische Machtanalyse (Foucault) sowie episches Theater (Brecht) in einem betrachten. Dann nehmen 13 Schauspieler ihr Linsenmenü an der Tafel auf.

Die Marx’sche Warenanalyse hört man heraus

Schnell geben sie sich in hitzigen Debatten als historische Sozialisten zu erkennen, die am Vorabend einer entscheidenden Demonstration im Pariser Mai 1848 ihre Positionen zurecht ruckeln. Es ist ein Wendepunkt: Seit Februar ist der König fort, die Zweite Republik ausgerufen; aber mit der Wahl zur Nationalversammlung marschiert die Restauration wieder voran. Wie soll es weitergehen? Die Sozialisten Blanc und Blanqui fordern den Ausbau von Nationalwerkstätten, ein Herr Firmin ist dagegen, die Herren Barbès und Raspail ereifern sich über das Verhältnis von Peripherie und Zentrum und aus allem hört man die Marx’sche Warenanalyse des „Kapital“ heraus, die hier freilich ein Wink aus der Zukunft ist.

Ein Debattentheater entspinnt sich, das als historische Lektion viel Interessantes bringt und durch die starken Schauspieler auch nie fad wird, doch bleibt es ganz in der Vergangenheit stecken − auch als die Szenerie ins aufständische Berlin 1919 wechselt. Marx dient hier zwar als treffliches Analysewerkzeug, aber auf aktuellen Stand kommt man dabei nie. Das wird sicher in den kommenden Festivaltagen anders, wenn das Duo Stan & de Koe in „The Marx Sisters“ mit den zwei Töchtern des Cheftheoretikers das spukige (Un)Verhältnis von Arbeit und Familie auf die Probe stellt oder wenn Chris Kondek & Christiane Kühl in „Anonymus P.“ das Gespenst von Big Data jagen.